https://www.faz.net/-gtl-ytoi

Pferdesport : Warum Mädchen reiten

  • -Aktualisiert am

In einer zweiten Studie befragte Euler 110 zufällig ausgewählte Mädchen und Jungen zwischen fünf und neun Jahren. Die Kinder sollten drei Lieblingsobjekte aus verschiedenen gezeichneten Wunschobjekten auswählen. Zwar ließen elf Mädchen - ein Fünftel der ganzen Mädchengruppe - das Pferd dabei völlig unberücksichtigt. Die Hälfte der Mädchen wählte das Pferd aber sogar an erster Stelle, während die Jungs vor allem das Motorrad und das Raumschiff schätzten. „Wir haben uns dann gefragt, worin sich die Mädchen, die Pferde besonders gern mochten, von den anderen unterschieden“, sagt Euler. „Offenbar hatten sie eine größere Tierliebe und mehr Interesse an unberührter Natur als andere Kinder.“ Als Euler zusätzlich 800 Jugendliche bis 17 Jahre befragte, konnte er zeigen, dass die Pferdeliebe der Mädchen ein Verfallsdatum hat: Ab dem zwölften Lebensjahr geht ihr Interesse am Objekt „Pferd“ rapide zurück. Ab 16 wählen die Mädchen schließlich sogar das Motorrad häufiger zum Lieblingsobjekt als das Pferd.

So flüchtig die Pferdeleidenschaft heranwachsender Mädchen in westlichen Industrieländern ist, so neu ist sie auch - historisch betrachtet. Noch in den zwanziger Jahren hieß es in der ältesten deutschen Reiterzeitschrift „St. Georg“, die Muskeln einer Frau am Schenkel erlaubten keinen festen Halt am Sattel, deshalb sollten Frauen besser weiterhin im Damensattel reiten. Das Reitsportgeschehen war zu dieser Zeit noch fest in der Hand von Militärs. Nur Frauen aus der Oberschicht hatten vereinzelt die Möglichkeit, sich sportlich im Sattel zu messen - etwa Irmgard von Opel, die als „Reitwunderkind“ galt, nachdem sie 1934 das Deutsche Spring-Derby gewonnen hatte. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begannen die jungen Frauen in größerer Zahl in die neugegründeten Reitvereine zu strömen. 1977 schließlich zogen sie im FN-Register erstmals zahlenmäßig an den Männern vorbei. „Damals glaubte man noch, pubertierenden Mädchen mit dem Pferd einen ,guten Freund' an die Seite stellen zu können“, erzählt eine Frau, die Ende der siebziger Jahre zu reiten begann. Die 44-Jährige bringt an diesem Nachmittag ihre zehnjährige Tochter zum Reitunterricht in Münster. Sie selbst war elf, als sie ein eigenes Pferd bekam. Ihre eigene Tochter musste anderthalb Jahre lang betteln, bevor sie Reitstunden nehmen durfte. „Ich hätte Ida das von mir aus nicht vorgeschlagen“, sagt die Mutter. „Die Kinder haben heute einfach nicht mehr so viel Zeit. Außerdem weiß ich, wie gefährlich der Sport sein kann.“

Vielen Eltern ist die Leidenschaft der Töchter unheimlich

Idas Mutter steht mit ihrer Skepsis nicht allein. Vielen Eltern ist die Pferdebegeisterung ihrer Töchter unheimlich. Sie habe jahrelang mit ihrer Mutter diskutiert, bevor sie die erste Reitstunde habe nehmen dürfen, sagt Susi. „Meine Mutter ist Ärztin, ich bin kurz vorm Sitzenbleiben“, fügt die Fünfzehnjährige hinzu, als ob damit alles erklärt wäre. Auch die Pferdeforen im Internet sind voll mit den Sorgen junger Reiterinnen, die sich die Konflikte mit den Eltern von der Seele schreiben. „Seit fünf Jahren drehen sich die meisten Streitigkeiten rund ums Reiten“, schreibt ein Mädchen. „Zu gefährlich, zu viel Zeitaufwand, zu teuer“, fasst eine Vierzehnjährige die Bedenken ihrer Eltern zusammen.

Der Psychologe Harald Euler findet, dass Eltern die Leidenschaft der Töchter zwar hinterfragen sollten, aber immer im Hinblick auf die Gesamtsituation. „Ich vermute, dass der Umgang mit dem Tier immer einen positiven Einfluss auf die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes hat“, sagt Euler. „Es kommt aber auf die Vielfalt der Interessen und Erfahrungen an. Man sollte überprüfen, ob das Kind nur auf Pferde fixiert ist und ihm keine Zeit mehr bleibt, sich für Menschen oder musische Dinge zu interessieren.“

Auf dem Stallgelände in Münster ist es inzwischen dunkel geworden. Endlich taucht auch ein Junge auf. Jonas ist sieben und kommt zum Voltigieren. In einer Gruppe mit anderen Kindern lernt er akrobatische Turnübungen auf einem galoppierenden Pferd. Gefragt, ob andere Jungs in seiner Klasse auch reiten, antwortet er beinahe selbst überrascht: „Ich bin der Einzige.“ Dann läuft er los, in die Reithalle. Seine Mutter sieht ihm nach und sagt nachdenklich: „Ich glaube, bis Sie kamen und Ihre Fragen gestellt haben, war es Jonas noch gar nicht bewusst, dass das etwas Besonderes ist: ein Junge, der Pferde mag.“

Weitere Themen

Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

Formel-1-Legende gestorben : Die Erfolge des Niki Lauda

Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

Die Erfolge des Niki Lauda Video-Seite öffnen

Tod einer Formel-1-Legende : Die Erfolge des Niki Lauda

Der Österreicher Niki Lauda feierte in der Formel 1 große Erfolge und ließ sich auch von Unfällen und Verletzungen nicht unter kriegen. Die rote Kappe wurde zu seinem Markenzeichen. Mit 70 Jahren ist er nun im Kreis der Familie verstorben.

Topmeldungen

Brexit-Chaos bei den Tories : Tritt May morgen zurück?

Die britische Premierministerin sieht sich in ihrer eigenen Partei heftigem Widerstand gegen ihren jüngsten Brexit-Plan gegenüber. Nun soll sie offenbar bereit sein, die letzte Konsequenz zu ziehen.

Ibiza-Video : Anwalt soll Drahtzieher der Strache-Falle sein

Ein selbst ernannter Spionage-Fachmann behauptet im österreichischen Fernsehen, er wisse, wer die Hintermänner des „Ibiza-Videos“ sind. Er habe auf dem Video einen ehemaligen Geschäftspartner aus München erkannt.
Internetnutzer in Simbabwe

Digitale Entwicklung : Der Süden vernetzt sich

Mehr als die Hälfte aller Internetnutzer lebt in Entwicklungsländern. Sie digitalisieren schnell – doch nicht alle haben etwas davon.
„Sie sollen weiter kaufen“: Rapper John-Lorenz Moser, bekannt unter seinem Künstlernamen Bonez MC, ist Mitglied der 187 Strassenbande aus Hamburg.

Gewaltvorwürfe gegen Musiker : Der Deutsch-Rap muss umdenken

Auf die Debatte um #MeToo wollte die Szene nicht hören. Also müssen wir den Künstlern die Grenzen der Gewalt zeigen. Ein Gastbeitrag von einer Rap-Journalistin, die selbst schon körperlich angegangen wurde.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.