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Pferdesport : Sternstunde nach peinvollen Botschaften

Weltall unter Martin Schaudt erzielt in Stuttgart Weltbestnote Bild: AP

Deutschland, die Pferdenation Nummer eins, wird momentan von Pannenserien heimgesucht. Bei den „Stuttgart German Masters“ gab es trotzdem einige erfreuliche Ergebnisse zu feiern.

          3 Min.

          Endlich wieder einmal ein erhebender Augenblick: Nach all den peinvollen Hiobsbotschaften dieses Herbstes wischte Marcus Ehning in wenigen Sekunden all die reiterlichen Novembergefühle zur Seite. Beim Anblick seiner Runde wurde es um manch beladenes Herz für einen Moment wieder ein bißchen leichter.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Sechs von sieben Startern im Stechen um den Titel "Stuttgart German Master" hatten dem Publikum gezeigt, wie schwer dieser Parcours mit seinen engen Wendungen zu bewältigen war. Ehning schließlich demonstrierte, wie leicht so eine Runde sein kann - wenigstens für ihn und seine Fuchsstute Anka. Voller Vertrauen ließ sie sich um die eigene Achse drehen und blieb wie eine Seiltänzerin im perfekten Gleichgewicht, während der Reiter ihr mit viel Gefühl den schnellsten Weg wies. Ja, angesichts solcher Reitkunst atmeten sie alle mal kurz durch: die pferdebegeisterten Zuschauer, die ihre Zweifel am Leistungssport verdrängen mußten. Und die geplagten nationalen und internationalen Funktionäre, die ihren Sport vierzehn Jahre nach der Barr-Affäre wieder neu positionieren müssen.

          Ohne die Olympiasieger

          Die Hauptpersonen der jüngsten Diskussionen waren dem zwanzigsten Turnier in der Stuttgarter Schleyer-Halle allerdings ferngeblieben. In den Glanzzeiten dieses Schwaben-Events durfte der aktuelle Olympiasieger nicht fehlen - zur Zeit allerdings ist das Erscheinen von Cian O'Connor, dem vorgeworfen wird, er habe sich sein Gold-Pferd mit Hilfe von Psychopharmaka aus der Humanmedizin gefügig gemacht, eher nicht erwünscht.

          Ludger Beerbaum, dessen fahrlässige "verbotene Medikation" die Deutschen wahrscheinlich das olympische Mannschaftsgold kosten wird, will sich auf die hochdotierte Riders Tour konzentrieren und zollte der Verletzung seiner Stute Gladdys Tribut. Und Bettina Hoy, die Pannenreiterin des Jahres, schlug die Stuttgarter Einladung zu einem Hallen-Geländeritt aus und zog sich ans andere Ende der Welt zurück, in die australische Heimat ihres Ehemanns Andrew.

          Eine Blamage

          Kein Wunder. Seit bekannt ist, daß auch ihr Olympiapferd, der Schimmel Ringwood Cockatoo, in Athen positiv getestet wurde, muß sie fürchten, von der tragischen Schmerzensfrau des Pferdesports zum Ziel von Spott und Häme zu werden. Ihr Mißgeschick in Athen, das zweimalige Überreiten der Startlinie, wurde plötzlich vom läßlichen Fehler zum Startsignal für eine peinliche Pannenserie.

          Als sie sich bei Stefan Raabs Pferdeveräppelungsturnier im Privatfernsehen aus Versehen verritt, prusteten die ersten Spötter bereits los. Nicht auszudenken aber die Blamage, wenn das Internationale Olympische Komitee den vor Gericht des Olympia-Goldes verlustig gegangenen Deutschen wirklich, wie von ihnen erhofft, aus moralischen Gründen eine Ehren-Goldmedaille verliehen hätte. Die wäre jetzt wahrscheinlich auch noch weg.

          Pannen bei der Pferdenation

          Immerhin drei Olympia-Vielseitigkeitsreiter traten in Stuttgart auf; zwei, nämlich Ingrid Klimke und Andreas Dibowski, allerdings auch körperlich angeschlagen. Beide verletzten sich unabhängig voneinander an der Schulter. Nur der Warendorfer Frank Ostholt präsentierte sich im Sattel. Doch das ist bereits die beste Nachricht aus der Reiterzentrale der Pferdenation Nummer eins. Dort kämpft ein Verband, der seit vielen Jahren dem deutschen Sport hochprofessionell erarbeitete Goldmedaillen lieferte, um sein Renommee.

          Reinhard Wendt, der oberste reiterliche Leistungssport-Funktionär, hat in den letzten Wochen nicht nur den vier aktuellen Dopingverdächtigen zur Seite stehen müssen. Er hat mit sämtlichen deutschen Sportführern Kontakt aufgenommen, um die Lage differenziert zu erklären. "Bei den meisten", berichtet Wendt, "hat Erschütterung vorgeherrscht, daß ausgerechnet uns so etwas passieren kann." Eine solche Verkettung von amateurhaften Pannen hätte niemand den Reitern zugetraut.

          Eine Sternstunde für Weltall

          Immerhin: Das Stuttgarter Turnierpublikum ließ die weiteren deutschen Sünder, die neben den spektakulären Fällen ein bißchen verblaßt sind, nicht leiden: Vierspänner-Fahrer Michael Freund wurde bei seinem elften Sieg in der Schleyer-Halle mit stehenden Ovationen gefeiert. Und Voltigier-Sieger Kai Vorberg mußte ebenfalls keine Pfiffe ertragen. Auch Meredith Michaels-Beerbaum, die Springreiterin, die bereits im März beim Weltcupfinale die unselige deutsche Dopingserie eröffnete, wurde für ihren Sieg im Amazonenspringen gebührend gefeiert. Seit ihrem positiven Ergebnis ist sie in der Weltrangliste bis auf Rang zwei geklettert - das Verfahren läuft noch.

          Bevor sie deswegen Trübsal bliesen, lenkten die Schwaben allerdings lieber ihre Blicke auf ihren Mannschafts-Olympiasieger in der Dressur, Martin Schaudt. Der Mann von der Alb erlebte am Sonntag eine Sternstunde. Sein problematischer Wallach Weltall, der das ganze Jahr an den Folgen eines Autounfalls gelitten und sich in Athen in einen Feuerstuhl verwandelt hatte, präsentierte sich in großartiger Form und versetzte die Richter in vorweihnachtliche Spendierlaune. Der Grand Prix Special wurde mit der Weltbestnote von 80,92 Prozent der möglichen Punkte belohnt. Als Schaudt nach der Siegerehrung auf dem erhaben passagierenden Weltall die Arena verließ, war denn auch kein Halten mehr: Als Begleitmusik wurde das "Halleluja" aus dem Messias von Händel eingespielt. Und das, obwohl die deutschen Reiter von der Heiligsprechung so weit entfernt sind wie schon lange nicht mehr.

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