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Doping im Pferderennen : Vorwurf gegen Triple-Crown-Sieger

  • -Aktualisiert am

Eine Nasenlänge voraus: Justify Bild: AP

„Justify“ gewann jedes Rennen, in dem er an den Start ging. Allerdings hatte der Vollblüter zu viel Scopolamin im Urin. Nun stellt sich heraus, dass die positiven Proben schon viel früher bekannt waren.

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          Wie der Wirkstoff bei Pferden eingesetzt werden kann, wissen Veterinärmediziner schon seit mehr als einhundert Jahren. Scopolamin spielt eine Rolle bei der Behandlung von Störungen im Verdauungstrakt. Das Spektrum dessen, was die Substanz leisten kann, geht allerdings weiter. Es vermag die Bronchien zu weiten und die Herzfrequenz zu stimulieren. Und so landete das Mittel auf den Doping-Listen und gehört zu jenen Dingen, nach denen bei Urinproben der Vierbeiner routinemäßig im Labor gefahndet wird.

          Wie oft gegen dieses Verbot im milliardenträchtigen und von Doping-Verdacht umwehten Milieu auf amerikanischen Galopprennbahnen verstoßen wird, weiß allerdings niemand. Nur soviel scheint klar, seit die „New York Times“ am Donnerstag das Ergebnis ausgiebiger Recherchen publizierte: Sobald die Aufsichtsorgane mit den Ergebnissen von Tests konfrontiert werden, wird zweierlei Maß angelegt. Ob interveniert wird und in welchem Umfang, hängt offensichtlich davon ab, ob es um erfolgreiche Trainer und ihre besten Hengste geht.

          Wie im Fall von „Justify“, der im Frühjahr 2018 eine Ausnahmeleistung vollbrachte, als er mit Siegen in den drei wichtigsten Rennen des Derby-Jahrgangs die Triple Crown gewann. Nur dreizehn Vollblüter haben dieses Kunststück in den vergangenen hundert Jahren vollbracht. „Justify“, ein Zuchtprodukt, in dessen Stammbaum solch legendäre Vorfahren wie etwa „Seattle Slew“, „Secretariat“, „War Admiral“ und „Gallant Fox“ vermerkt sind, ragt aus dieser Gruppe noch heraus. Er gewann jedes Rennen, in dem er in seiner kurzen Karriere an den Start ging.

          Also auch das Santa Anita Derby am 7. April 2018, wo er allerdings eine Urinprobe produzierte, die über jeden Zweifel erhaben war. Sie enthielt ganz viel Scopolamin, was zu einem Ausschluss von allen weiteren Rennen hätte führen müssen – darunter vom Kentucky Derby, den Preakness Stakes und den Belmont Stakes, mit dem „Justify“ den Triumph perfekt machte. Statt dessen wurde, so fand die „Times“ heraus, die Behandlung des Falles vom zuständigen California Horse Racing Board hinausgezögert, statutenwidrig nicht öffentlich bekanntgemacht und das Ganze schließlich hinter verschlossenen Türen zu einer Bagatelle heruntergestuft. Und das obwohl die ermittelte Menge weit über jenem Toleranzwert lag, der existiert, weil die Pferde gelegentlich mit Heu gefüttert werden, in dem Pflanzen wie Stechapfel vorkommen, das den Wirkstoff enthält.

          Muskulös:Triple-Crown-Sieger Justify

          Gegenüber der Zeitung erklärte Rick Baedeker, der Geschäftsführende Direktor des Aufsichtsgremiums, dass man sich nicht in der Lage gesehen hätte, so kurz vor dem Kentucky Derby eine wissenschaftlich stichfeste Untersuchung durchzuführen. Eine rasche Reaktion wäre deshalb „unvorsichtig und rücksichtslos“ gewesen. Tatsächlich mangelt es in den Kontrollorganen des kalifornischen Turfsports weniger an Zeit als an Unabhängigkeit. Chuck Winner, der Vorsitzende vom California Horse Racing Board, besitzt Anteile an Vollblütern die von „Justify“-Trainer Bob Baffert betreut werden. Andere beschäftigen Trainer und Jockeys, die unter ihre Aufsichtspflicht fallen.

          Wie weit die Konsequenzen von Sanktionen reichen können, ist diesem Kollegium deshalb mehr als klar. Die Besitzer von „Justify“ etwa, ein Zuchtunternehmen in Kentucky und ein Investment-Klub mit 200 Mitgliedern aus China, die gezielt auf den Galoppsport setzen, konnten allein an Siegprämien mehr als drei Millionen Dollar einnehmen. Den sehr viel höheren Ertrag fuhren sie gleich nach dem Gewinn der Belmont Stakes ein. Da hatten sie ihr wichtigstes Arbeitsziel bereits unter Dach und Fach: Einen Vertrag über die zukünftige Rolle des Pferdes als Deckhengst, der ihnen 60 Millionen Dollar einbrachte. „Justify“ konnte in den vorzeitigen Ruhestand versetzt werden.

          Deckprämien von guten Hengsten liegen in den Vereinigten Staaten bei 50.000 Dollar und gehen in Einzelfällen pro Sprung erheblich darüber hinaus. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Doch seriöse Schätzungen darüber, was etwa „American Pharoah“, Triple-Crown-Gewinner von 2015, einbringt, kommen auf 200.000 Dollar. Da seine Taktung bei rund 150 Sprüngen im Jahr liegt, lassen sich auf diese Weise enorme Summen erzielen.

          Das California Horse Racing Board steht übrigens nicht zum ersten Mal im Blickpunkt des öffentlichen Interesses. Es ist das Aufsichtsgremium, das mit der mysteriösen Anhäufung von Todesfällen auf der Galopprennbahn von Santa Anita konfrontiert ist. In die Aufklärung dieser Angelegenheit ist inzwischen die Staatsanwaltschaft involviert.

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