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Radstar Peter Sagan : Kindskopf und Künstler im Sattel

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Rüttelpartie: Weltmeister Peter Sagan beim Training für Paris-Roubaix Bild: WITTERS

Der Freigeist im Sattel mit Hang zur Show soll das deutsche Radteam Bora-hansgrohe beflügeln. Bislang hat sich das teure Versprechen nicht vollends eingelöst. Nun bietet sich eine Chance beim Klassiker.

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          Manchmal staunen sie immer noch, wen sie sich da geholt haben. Wahrhaftig, es ist Peter Sagan. Die schillerndste Figur im professionellen Räderwerk, der Mann mit der Aura eines Rockstars auf Rädern. Und er fährt tatsächlich für Bora-hansgrohe, jene deutsche Equipe, die noch im vergangenen Jahr als Zweitdivisionär bei den großen Rennen auf Wildcards angewiesen war. Zehn Jahre lang ist das Raublinger Radsport-Projekt von Ralph Denk quasi organisch gewachsen. Der letzte Schritt in die Beletage des Radsports, die WorldTour, ist zu einem großen Sprung mit Knalleffekt geworden. Wegen Sagan. Mit Hilfe des Slowaken als Frontmann soll wieder ein deutsches Team in der Weltklasse verankert werden. Und: wo Sagan ist, werden Siege erwartet.

          „Das ist schon der Wahnsinn“, sagt der Bayer Denk schmunzelnd, wenn der Teambus von Hunderten Fans belagert wird, die mit gezückten Fotohandys nur auf den Moment warten, bis „er“ ins Freie tritt. Die Kosten für die Bodyguards hätte Denk gerne gespart, doch ohne sie könnte der Star die kurzen Wege zwischen Bus, Einschreibung und Startlinie kaum bewältigen. Der Slowake ist kein Asket wie Christopher Froome, kein Geheimniskrämer wie Alberto Contador, kein Sir wie Bradley Wiggins. Sagan ist Showtalent und Stimmungsmacher, Kindskopf und Künstler zugleich. Und mit seinem extrovertierten Wesen und seiner spektakulären Fahrweise ungemein erfolgreich obendrein.

          Der Straßenweltmeister der vergangenen beiden Jahre hat die Tour de France fünfmal in Serie im Grünen Trikot des besten Sprinters beendet. Sagan – vor wenigen Wochen noch mit Vollbart und langer Mähne unterwegs, aktuell nur noch mit Schnauz- und Kinnbart – geriert ein erhebliches Interesse, bei Fans und Medien. Und das ist die Währung schlechthin für ein Team, dessen Budget zu 95 Prozent aus Sponsoreneinnahmen besteht, wie Denk sagt. So lässt sich einer wie Sagan seine Dienste bis Vertragsende 2020 teuer bezahlen. Und so einer kommt auch nicht allein, sondern mit üppiger Entourage.

          „Ich bin hier, weil man mir viele Gefallen getan hat“

          Rund fünf Millionen Euro im Jahr soll Sagan bei Bora-hansgrohe verdienen. Zum von den Bayern mitzubuchenden Paket Sagan gehören nicht weniger als ein eigener Trainer, ein Mechaniker, ein Physiotherapeut, ein Manager und ein Sportlicher Leiter. Dazu kommen drei osteuropäische Profis, darunter sein Bruder Juraj, die mit Sagan vom zum Jahresende abgemeldeten Team Tinkoff zu Bora-hansgrohe gewechselt sind. Der Radprofi mit Wohnsitz in Monaco hat seine Wohlfühlumgebung gleich mit importiert. „Ich bin hier, weil man mir viele Gefallen getan hat“, sagte Sagan.

          Peter Sagan (Mitte) bei der „Tour Down Under“: Der Superstar hat das Bora-hansgrohe Team ganz schön durcheinandergewirbelt. Eigene Entourage, Bruder mitgebracht, Sonderrechte, Bodyguards und Hotelsuites – mit dem slowakischen Weltmeister wird wohl keine Ruhe einkehren, aber dafür ist die Wahrscheinlichkeit sportlicher Erfolge auch gestiegen. Bilderstrecke
          Peter Sagan (Mitte) bei der „Tour Down Under“: Der Superstar hat das Bora-hansgrohe Team ganz schön durcheinandergewirbelt. Eigene Entourage, Bruder mitgebracht, Sonderrechte, Bodyguards und Hotelsuites – mit dem slowakischen Weltmeister wird wohl keine Ruhe einkehren, aber dafür ist die Wahrscheinlichkeit sportlicher Erfolge auch gestiegen. :

          Ob die Teamführung bei diesem Prozess ein paar Kröten schlucken musste? Nach dem Aufstieg in die WorldTour habe man Bedarf an neuen Rennfahrern und Betreuern gehabt, sagt Denk. „Die Lücken haben wir mit Leuten aus seinem Umfeld geschlossen.“ Die Gefahr, dass sich im Herzen seines Projekts ein Team im Team herausbildet, sehe er nicht, so der Manager. Zumal Sagan da selbst konsequent gegensteuere. „Er ist keine Diva, lässt nicht den Star heraushängen“, sagt Denk. Auf Dienstreisen reservieren die Hoteliers oft eine Suite für den prominenten Gast. Doch Sagan tritt das Privileg immer an andere Teammitglieder ab.

          Was aber nicht heißt, dass der 27-Jährige nicht sendungsbewusst wäre. Als ihm der Sound der Musikanlage im Bus von Bora-hansgrohe nicht gefiel, hielt er einen seinen Bodyguards an, mal eine vernünftige, große Box zu besorgen. So haben nun alle Fans und die im Umkreis parkenden Busse der anderen Mannschaften etwas von Sagans Playlist. „Peter kann von einem Moment auf den anderen vom hochkonzentrierten Sportler auf Komödiant umschalten“, erzählt Denk, dessen Equipe bislang auf vier Saisonsiege, davon drei bei World-Tour-Veranstaltungen, kam.

          Sagan war 2008 Junioren-Weltmeister – im Mountainbike

          Dass Sagan einst einer verdutzten Fernsehreporterin beschied, seine Erfolge gründeten auf der Kraft seiner Lenden, und auf dem Podium mal einer Hostess in den Allerwertesten kniff, speichern Fans unter der Kategorie eigenwilliger Humor ab. Die staunenswerten Tricks und Stunts, welcher dieser radelnde Freigeist mit Freiheitsdrang im Sattel vollbringt, versteht dagegen jeder. Mit einem Wheelie mit nur einer Hand am Lenker eine Rampe hoch; während einer Trainingsfahrt im Team plötzlich nur noch auf dem Vorderrad fahren; oder mit dem Rennrad Treppenstufen hochhüpfen wie auf einem BMX-Rad. Sagan fuhr zu Jugendzeiten Mountainbike – er war 2008 Junioren-Weltmeister – und Radcross, was seinen Weg ebnete zum aktuell besten Steuerkünstler im Peloton.

          Sagan ist ein Ausnahmeathlet und ein Bewegungstalent. Als die Teamführung im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada den Radprofis einen kurzen Skiausflug ermöglichte, wurde ihr angst und bange um ihr Zugpferd, weil Sagan so rasant fuhr und wild gegrätschte Sprünge vollführte. Doch Sagan hat nicht nur den Schalk im Nacken, sondern auch Urkräfte in den Beinen und Siege im Sinn. Ein Triumph bei einem der Monumente im Radsport sollte es schon sein in diesem Frühjahr. Das Finish bei Mailand–Sanremo geriet nach Sagans gewaltigem Antritt am letzten Berg zu einem Spektakel – aber auf der Ziellinie fehlten ihm Zentimeter zum Sieg.

          Bei der Flandern-Rundfahrt wurde seine Aufholjagd durch einen Sturz jäh gestoppt. Nun steht an diesem Sonntag die „Königin der Klassiker“ an: Paris–Roubaix, jene Rüttelpartie, welche die Rennfahrer auf 55 Kilometer Länge über grobe Pflasterpassagen hetzt. Sagans Auftrag ist klar: dieses Mal nicht nur die beste Show liefern, sondern für Bora-hansgrohe den ersten großen Erfolg holen.

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