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Basketball-Trainer Calles : Der junge Senkrechtstarter der Bundesliga

  • -Aktualisiert am

Karrieresprung mit der gehobenen Faust: Pedro Calles Bild: nordphoto

Sein Wechsel nach Deutschland galt als Rückschritt. Doch nun hat sich Trainer Pedro Calles bei Rasta Vechta einen Namen gemacht und den Basketball-Verein in die Spitzengruppe geführt. Was macht ihn aus?

          Wer sich die Tabelle der Basketball-Bundesliga vor Augen führt, findet in der Spitzengruppe neben den üblichen Verdächtigen eine Mannschaft, die vor der Saison von allen Experten als Abstiegskandidat eingestuft wurde. Doch Rasta Vechta hat sich als Hecht im Karpfenteich etabliert. Nach 17 Saisonspielen steht der Klub aus der niedersächsischen Provinz auf dem dritten Platz vor Vereinen mit so großen Namen wie Alba Berlin und Brose Bamberg und kann seine starke Form im Derby bei den abstiegsbedrohten Eisbären Bremerhaven (20.30 Uhr live auf MagentaSport) weiter unter Beweis stellen. Sportlicher Architekt dieser Erfolgsgeschichte ist der erst 35-jährige Pedro Calles. Der Spanier ist der Senkrechtstarter unter den Trainern und hat die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, zu keiner Sekunde bereut.

          Dabei war dieser Wechsel zunächst mit einem Rückschritt verbunden. Nachdem er in seinem Heimatland das Studium der Sportwissenschaften abgeschlossen und die höchste Trainerlizenz erworben hatte, wurde er dort während der Saison 2011/2012 erstmals zum Cheftrainer befördert. Allerdings war die finanzielle Zukunft seines Vereins nicht gesichert, so dass das Angebot des Bundesligaklubs Artland Dragons genau zur rechten Zeit kam. Calles heuerte erst als Athletik-Trainer an und wurde in der Saison darauf zum Assistenztrainer befördert. Nachdem sich der Verein aus Quakenbrück 2015 aus der Bundesliga zurückgezogen hatte, wechselte Calles ins benachbarte Vechta. Im Sommer 2018 stiegen die Vechtaer zum dritten Mal in die Bundesliga auf, und Geschäftsführer Stefan Niemeyer entschied sich, Calles zum Cheftrainer zu machen.

          Das Spiel über die Defensive lenken

          Seine Maxime vor der Saison hieß: „Charakter ist wichtiger als Talent.“ Gute Beziehungen zu seinen Spielern erachtet er als bedeutendste Voraussetzung für seine erfolgreiche Arbeit, bei der er Grundlagen und Prinzipien in den Vordergrund stellt und nicht taktische Systeme. Im Training verbringt er viel Zeit damit, das Entscheidungsverhalten seiner Spieler zu optimieren, wobei er der Verteidigung eine größere Rolle als dem Angriff zuweist: „Mit der Defensive kann man das Spiel stärker beeinflussen.“ Dazu greift er gerne auf eine Run-and-Jump-Verteidigung zurück, die in der Liga viel Schrecken verbreitet: Einer seiner Spieler verlässt seinen Gegenspieler, um den Ballbesitzer überraschend zu doppeln. Die anderen Verteidiger rotieren dann nach, um die Passwege zu schließen. „Wir sind am Korb körperlich nicht stark genug. Wir wollen attackieren, bevor der Ball in die Gefahrenzone kommt“, sagt Pedro Calles.

          Vechta zeichnet sich durch großen Zusammenhalt aus, das spürt jeder, der sich ein Spiel des Aufsteigers anschaut. Genauso deutlich ist auch erkennbar, dass die Mannschaft über viel Selbstvertrauen verfügt. Das ist auch deshalb beachtlich, weil der Neuling die ersten drei Saisonspiele verloren hatte. Der vergangene Spieltag lieferte einen weiteren Beweis. Nur eine Woche nach dem überraschenden Sieg in Bamberg bezwangen die Vechtaer trotz Verletzungssorgen den letztjährigen Halbfinalteilnehmer Ludwigsburg 112:92. Es war der zwölfte Sieg aus den letzten 14 Begegnungen.

          Vor der Partie hatte Calles darüber nachgedacht, ob er angesichts seines dezimierten Kaders etwas an dem kraftraubenden Stil seiner Mannschaft ändern sollte, sich dann aber dagegen entschieden: „Mein Herz hat mir gesagt, dass wir lieber mit wehenden Fahnen untergehen sollten, als unsere Philosophie zu verraten.“ Pedro Calles ist aktuell der erste Anwärter auf die Auszeichnung „Trainer des Jahres“. Sollte er den bislang eingeschlagenen Weg fortsetzen, wird er nicht mehr zu halten sein. Neben dem Interesse gutbetuchter Bundesligaklubs könnte es auch Vereine aus der spanischen Liga geben, die den Trainer verpflichten wollen.

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          zum Autor

          Stefan Koch trainierte unter anderem die Opel Skyliners Frankfurt (1999-2001) und die Gießen 46ers (2004-2006) in der Basketball-Bundesliga (BBL). Dort wurde er in der Saison 1999/2000 und 2004/2005 Trainer des Jahres, gewann 2000 den deutschen Pokal mit den Frankfurtern.

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