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Pechstein-Kommentar : Das Auge des Gesetzes

  • -Aktualisiert am

Vom Rennanzug in die Uniform: Claudia Pechstein soll den Dienst bei der Polizei antreten Bild: AFP

17 Jahre genoss sie eine vorbildliche deutsche Spitzensportförderung. Doch nun bekam Claudia Pechstein einen Brief: Sie möge doch zum Dienst antreten - sie ist Polizistin. Als Auge des Gesetzes scheint Pechstein aber eher eine unglückliche Besetzung.

          Der Minister ruft zur Arbeit. Auch das noch. Claudia Pechstein fällt der Weg in den Alltag vermutlich sehr schwer. Die hochdekorierte Olympiasiegerin betrachtet sich schließlich als das größte deutsche Opfer der Sportjustiz, fühlt sich „kaltgestellt“, betrogen um den Herbst ihrer Karriere, um die Olympischen Winterspiele in Kanada im vergangenen Februar, um ein letztes Kapitel Ruhm und Ehre. Weil die angerufenen Sportgerichte ihre Erklärungen nicht akzeptiert haben.

          Der Internationale Eislauf-Verband hält die Berlinerin seit dem Juli vergangenen Jahres für eine Doperin. Dass sich an dem Urteil wohl nichts mehr ändert und damit die Sportkarriere der Berlinern zu Ende ist, scheint nun ihr Dienstherr zu glauben. Ein heikler Fall. Denn die Bundespolizei hat der einstigen Vorzeigesportlerin einen Brief geschrieben. Sie möge doch zum Dienst antreten: Claudia Pechstein soll für Recht und Ordnung sorgen. Sie ist Polizistin.

          Da passt etwas nicht zusammen? Vielleicht ist das Schreiben weniger freundlicher als es scheint. Vielleicht ist es nur die indirekte Aufforderung an die Beamtin, den Dienst freiwillig zu quittieren. Damit umginge der Innenminister das obligatorische Disziplinarverfahren. Und die ehrgeizige, durchsetzungsfähige Frau Pechstein sehr wahrscheinlich die Erfahrung, in ihrer zweiten Karriere nicht so schnell voran zu kommen wie auf dem Eis.

          Nicht nur Tisch, Bett, Kost zum Nulltarif erhalten

          Selbst wenn hinter den Kulissen so perfide gedacht oder gar gesprochen wird, so hatte die Bundespolizei doch keine andere Wahl, als ihre gestürzte ehemalige Heldin in Reih und Glied zu versetzen. Andernfalls hätte sich irgendwann der gemeine Steuerzahler gemeldet: Denn warum sollte eine Eisschnell-Läuferin, die wegen einer Sperre nicht trainieren und an Wettkämpfen teilnehmen darf, solange vom Staat ohne Gegenleistung alimentiert werden?

          17 Jahre genoss Claudia Pechstein eine vorbildliche deutsche Spitzensportförderung. Sie hat dabei nicht nur Tisch, Bett, Kost zum Nulltarif erhalten. Sie ist auch innerhalb eines strengen Dienstplanes zu einer umgehend einsatzfähigen Polizistin ausgebildet worden. Das Privileg der Spitzensportler bei der Bundespolizei besteht nämlich allein in einer Ausbildungsverlängerung von 2,5 auf vier Jahre.

          In jedem Fall müssen sie auf dem Weg zum Polizeiprofi leisten, was alle Kollegen absolvieren. Wer das nicht glaubt, sollte dieser Tage zum Münchener Flughafen fahren. Da könnte man mit etwas Glück den jungen Rennrodler Felix Loch treffen, ohne seine olympische Goldmedaille, aber in Uniform, im Dienst. Loch, groß, muskulös, macht Eindruck. Hauptmeisterin Pechstein erscheint als Auge des Gesetzes aber als eine unglückliche Besetzung.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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