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Paul Kimmage im F.A.Z.-Gespräch : „Ich war ein Paria im Radsport“

  • Aktualisiert am

Entschlossener Kämpfer: Paul Kimmage Bild: Bulls / News international

Der ehemalige Radrennfahrer Paul Kimmage schrieb schon 1989 in seinem Buch über Manipulationen und Doping. Nun hat er gegen die aktuelle und die ehemalige Führung des Internationalen Radsportverbandes UCI Anzeige erstattet.

          7 Min.

          Paul Kimmage war Radrennfahrer, bevor er Journalist und Autor wurde. Als Amateur gewann er die irische Meisterschaft und nahm an den Olympischen Spielen 1984 teil. Drei Mal bestritt der Ire die Tour de France. Nach seinem Rücktritt 1989 veröffentlichte er das Buch „Rough Ride“ (deutsch: „Raubeine rasiert“). In diesem Jahr ist Kimmage 50 Jahre alt geworden, hat seine Stelle bei der Zeitung „Sunday Times“ in London verloren und wurde für das beste Sportbuch des Jahres mit dem British Sport Book Award ausgezeichnet, seine Biographie des Rugbyspielers Matt Hampson, der seit einem Trainingsunfall mit der englischen Nationalmannschaft querschnittsgelähmt ist. Weltweit bekannt ist Kimmage durch seine Auseinandersetzungen mit Lance Armstrong, journalistisch und persönlich. Sie führten schließlich zu dessen Fall und der Aberkennung seiner sieben Tour-Siege. Im F.A.Z.-Gespräch spricht er über Armstrongs Einfluss und das Grundproblem seines Sports.

          Sind Sie je mit Lance Armstrong Rennen gefahren?

          Nein, meine letzte Saison war 1989. Mein Bruder Kevin war gleichzeitig mit Armstrong bei den Olympischen Spielen von Barcelona 1992 und zur Vorbereitung darauf bei der Hessen-Rundfahrt.

          Sie beide wurden dennoch sehr schnell Gegner. Das Video von Ihrer Konfrontation vor der Kalifornien-Rundfahrt 2009 illustriert das sehr gut. Es ist bei Youtube fast ein Hit...

          Ich finde das Interesse sehr amüsant. Der Clip wirft ein schlechtes Licht auf unseren Berufsstand.

          Niemand springt Ihnen bei, als Armstrong Sie attackiert und sagt, Sie seien nicht den Stuhl wert, auf dem Sie sitzen. Am Ende lachen die Kollegen über Sie.

          Viele Journalisten hätten ihn in den Jahren zuvor nach Transparenz und Doping fragen sollen! Die Aufmerksamkeit, die dieses Video erhält, ist lächerlich: Ein Journalist stellt eine vollkommen gerechtfertigte Frage. Wie er dann reagiert, wie er auf mir herumhackt, das macht wohl die Kraft dieses Stückes aus.

          Sie scheinen völlig allein zu stehen in diesem Moment.

          Ich war lange einsam im Radsport. Als ich mein Buch 1989 schrieb, war ich auch sehr lange allein, bevor das anerkannt wurde, was darin stand. Dabei war es wahr. Die Menschen haben das acht Jahre lang nicht geglaubt.

          Radprofis, die damals ihren Bericht über Doping und Manipulation lasen, wurden von ihren Mannschaftskameraden beschimpft. Wie ging es Ihnen da?

          Ich war ein Paria. Das ist nicht sehr angenehm.

          Als Lance Armstrong zehn Jahre später vom Krebs zurückkam, haben Sie ihn als Geschwür des Radsports angegriffen. Wussten Sie, dass er dopt?

          Als jemand, der professionell gefahren ist, bekommt man ein instinktives Gefühl dafür, wie jemand zum Doping steht. Ich hätte erwartet, dass jemand wie er, der schon sechs Jahre Profi gewesen war, bevor er zurückkam, bei seiner Rückkehr jede Frage nach Doping begrüßen würde. Wenn er sauber wäre, würde er froh über die Frage sein und sich darüber verbreiten. Merkwürdigerweise verhielt er sich genau gegenteilig. Seit seinem ersten Tour-Sieg 1999 war mir, allein von seinen Antworten her, insbesondere in einem Interview mit Pierre Ballester in der Zeitung „L’Equipe“, völlig klar: Dieser Typ ist auf keinen Fall sauber. Der ist gedopt bis über die Ohren.

          Im Umgang mit Floyd Landis, auch er ein gedopter Tour-Sieger, lassen Sie im Gegensatz viel Verständnis anklingen. Was ist anders an seinem Fall?

          Es wäre ganz einfach, sich vorzustellen, dass Floyd Landis alles, was er getan hat, allein getan hat: Er hatte die Chance, die Tour de France zu gewinnen, er dopte, Ende der Geschichte. Aber es ist anders. Floyd wuchs als Mennonit in Pennsylvania auf. Es gab dort keinen Kaffee und kein Fernsehen, er hatte keinen Sex, bis er achtzehn war, er hatte nie Freundinnen und ging nie ins Kino. Mit achtzehn verlässt er sein Elternhaus, zieht nach Kalifornien und wird Radrennfahrer. Das vierte Profi-Rennen, das er überhaupt sieht, ist die Etappe der Tour de France, die Armstrong nach dem Tod seines Mannschaftskameraden Fabio Casartelli 1995 gewinnt; auf der Ziellinie in Limoges zeigt er in den Himmel. Jahre später verpflichtet ihn Armstrongs Team, und Armstrong ist Tour-Sieger und eine Ikone des Sports. Im ersten Trainingslager findet Floyd einiges sehr merkwürdig: Sie gehen aus und trinken Alkohol, sie gehen in einen Klub mit Striptease, Lance fährt den Mannschaftsbus und ignoriert jede Geschwindigkeitsbegrenzung, Lance verhält sich wie jemand, den niemand zur Verantwortung ziehen kann. Floyd hat das Buch von Armstrong gelesen. Was er sieht, passt nicht zu dem Bild, das er von ihm hat. Er erlebt ein völlig anderes in der Realität. Vom ersten Tag an sieht er einen Mann, der ganz und gar nichts mit dem zu tun hat, der in der Öffentlichkeit bekannt ist und von ihr geliebt wird. Obendrein erfährt er nicht nur, dass gedopt wird im Team und dass auch von ihm erwartet wird, dass er dopt. Er erfährt auch von der persönlichen Beziehung Armstrongs zu Hein Verbruggen, dem Präsidenten des Welt-Radsportverbandes UCI.

          Kimmage über Armstrong: „Völlig klar: Dieser Typ ist auf keinen Fall sauber“

          Er zählt eins und eins zusammen?

          Floyd realisiert sehr schnell: Wenn er etwas werden will in diesem Sport, muss er erstens dopen und zweitens eine persönliche Beziehung zu Verbruggen entwickeln. Wenn man sich anschaut, wie sich Floyd verhalten hat, verurteilt man ihn nicht, sondern kann ihn verstehen.

          Was bedeutet das?

          Das Problem des Radsports hat nicht mit Armstrong begonnen und hört nicht mit ihm auf. Das Problem sind die Leute, die diesen Sport führen. Die UCI muss zur Verantwortung gezogen werden.

          Der Sturz von Lance Armstrong und die Aberkennung seiner sieben Toursiege sind erst der Anfang?

          Absolut. Wenn die UCI ihren Sport ordentlich geführt hätte, wenn sie ordentliche Dopingkontrollen vorgenommen hätte, wäre Lance Armstrong bei seinem ersten Toursieg auf der allerersten Etappe positiv getestet worden. Sie hatten diesen Test, aber sie entschieden: Wir hatten den Festina-Skandal im Vorjahr. So etwas können wir uns nicht noch einmal leisten. Der Test wurde unter den Teppich gekehrt. Danach wurde die Legende von Lance Armstrong geschaffen. Wenn wir nicht genau untersuchen, was passiert ist, wird es wieder geschehen.

          Der Radsport hat Ihnen alles gegeben: Sie haben Ihre Frau bei einem Rennen kennengelernt, Sie sind vom Klempner zum Radprofi zum erfolgreichen Journalisten geworden. Sind Sie deshalb auf einem Kreuzzug?

          Ich versuche, den Radsport zu schützen. Ich habe nie einen Platz für Doping im Radsport gesehen. Offensichtlich ist es sehr schwierig, es auszurotten. Aber man kann es sicher besser machen als die Leute, die in den vergangenen zwanzig Jahren die Verantwortung trugen.

          Wie wichtig war Ihr persönlicher Hintergrund?

           Wäre ich nicht Radprofi gewesen, hätte ich nicht das Doping mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erlebt, auch das Leid und das Elend, wäre ich mit Sicherheit ein anderer Journalist geworden.

          Sie haben als Reporter mit vielen Sportlern gesprochen. Ist Radsport verdorbener als andere Sportarten?

          Die körperlichen Belastungen der Tour de France, eines Radrennens von drei Wochen, sind enorm. Vielleicht ist der Druck zu dopen, deshalb größer als in anderen Sportarten. Die Athleten sind angreifbarer. Aber ich glaube, dass auch in anderen Sportarten sehr stark gedopt wird.

          Fühlen Sie sich nun anerkannt, da die Wahrheit raus ist?

          In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert. Ich werde von den Fahrern respektiert. Ich glaube, sie haben endlich verstanden, welches meine Motive waren, woher ich komme.

          In der Öffentlichkeit sind Sie mit Ihrem Kampf gegen die UCI ein Held...

          Was mir in den vergangenen Monaten passiert ist, ist das Unglaublichste in meinem Berufsleben: Die UCI verklagte mich für das Interview, das ich mit Floyd Landis gemacht habe, und für ein Interview, das ich während der Tour 2011 „L’Equipe“ gegeben habe - nicht die Zeitungen, sondern mich persönlich.

          Sie hatten gerade Ihre Stelle bei der „Sunday Times“ verloren...

          Mein ehemaliger Arbeitgeber sagt: aus wirtschaftlichen Gründen. Aber ich verstehe das nicht. Ich nehme an, dass es auch damit zu tun hatte, dass die Rechtsanwälte zu oft gesagt haben: Tut uns leid, Paul, aber das Stück können wir nicht veröffentlichen, weil wir verklagt werden würden. Ich hatte jedenfalls nicht das Geld, einen Rechtsanwalt zu nehmen, in die Schweiz zu fahren und mich dort vor Gericht gegen eine Klage zu verteidigen. Ich war in einer unmöglichen Situation. Bis im Internet darüber berichtet wurde und ein Fonds zu meiner Verteidigung eingerichtet wurde. Ganz normale Radsportfans haben in ihre Tasche gegriffen und gesagt: Hier, wir helfen dir. So sind 92.000 Dollar zusammengekommen, damit ich mich verteidigen kann.

          Ist das nicht seit dem Fall von Lance Armstrong hinfällig?

          Zwei, drei Tage nach der Pressekonferenz, in der sie ihm die sieben Tour-Siege aberkannten, gab es ein Treffen des Management-Komitees. Offenbar waren einige Mitglieder nicht glücklich mit der Art und Weise, wie (UCI-Präsident) McQuaid sich verhalten hatte. In der Folge machten sie jedenfalls bekannt, dass sie die Klage gegen mich zwar nicht fallen ließen, aber zurückstellten.

          Nun haben Sie die UCI verklagt...

          Ich habe sie nicht verklagt. Ich habe Anzeige erstattet gegen McQuaid und Verbruggen. Der eine Vorwurf ist üble Nachrede; sie haben meine Arbeit als Journalist diskreditiert und mich als Lügner hingestellt. Wichtiger ist aber der andere Teil: Ich beschuldige sie, in ihrer Beziehung zu Lance Armstrong betrügerisch gehandelt zu haben. Sie haben Geld von ihm genommen und nie vollständig erklärt, was das für Geld war, wie viel es war. Es gibt so viele verschiedene Angaben darüber, dass das untersucht werden muss.

          Wird es das noch nicht?

          Ein Schweizer Staatsanwalt entscheidet, ob er den Fall verfolgt oder nicht. Ob er die Polizei mit Ermittlungen beauftragt, oder ob er findet, da sei nichts dran.

          Ist das nicht eine verrückte Situation: Sie sorgen mit für den Sturz eines der größten Doper im Sport, werden verklagt und kehren arbeitslos aus London nach Dublin zurück?

          Es ergibt keinen Sinn. Für mich ist das schwer, ein bitter-süßes Gefühl. Ich kann keine Befriedigung aus meinem Erfolg ziehen, wie ich es tun sollte. Wenn ich immer noch bei der „Sunday Times“ beschäftigt wäre, würde ich mich wie auf dem Gipfel der Welt fühlen. Stattdessen suche ich eine feste Beschäftigung bei einer Zeitung.

          Wird immer noch gedopt bei der Tour?

          Das haben mich viele gefragt im Sommer. Ich weiß es nicht. Wenn man an Toursieger Bradley Wiggins denselben Maßstab anlegt wie an Lance Armstrong, was Befragung und was Logik angeht, dann gibt es ähnliche Felder, die alarmierend sind. Bei Armstrong war es der Doping-Arzt Michele Ferrari, bei Wiggins war es der Arzt Geerd Leinders, der vorher für das Team Rabobank arbeitete und dort ins Doping-System involviert war. Armstrong hat sich auf Teneriffa vorbereitet, Wiggins hat sich auf Teneriffa vorbereitet. Man schaut sich an, wie dominant ihre Teams waren: Postal für Armstrong, Sky für Wiggins. Sie haben einen Kern von vier, fünf Fahrern, die drei Wochen lang stark fahren ohne einen einzigen schwachen Tag. Da denkt man: Ist das logisch? Man guckt sich an, was seit der Tour passiert ist. Sky hat den Arzt rausgeworfen und drei Mitarbeiter. Michael Rogers ist gegangen, er war einer der stärkste Fahrer. Ich kenne niemanden, der sagen könnte, dass dies ein völlig überzeugender Tour-Sieg ist.

          Empfinden Sie nicht auch die Magerkeit der Sky-Fahrer als verdächtig?

          Da habe ich mich auf Cadel Evans bezogen. Als Wiggins und Christopher Froome Erster und Dritter im Zeitfahren der Olympischen Spiele wurden, schrieb er auf Twitter, dass diese mageren Typen das Zeitfahren verändert hätten dieses Jahr. Das ist die Beobachtung eines Fahrers. Die Rennfahrer sind unglaublich mager und unglaublich stark.

          Das Buch „L.A. Confidential“ von Pierre Ballester und Ihrem Freund David Walsh erscheint wie der Plan, nach dem erst die staatsanwaltlichen Ermittlungen und dann die Untersuchungen der amerikanischen Anti-Doping-Agentur gegen Armstrong gelaufen sind.

          Ganz genau.

          Welches war Ihr Anteil?

          Ich habe Kleinigkeiten zu diesem Buch beigetragen. Wir wechseln uns ab wie in einer Staffel. Als David 2005 die harte Arbeit hinter sich hatte und unter Druck kam, habe ich den Stab übernommen und bin gerannt.

          Wann kommen Sie mit dem nächsten Buch über den Radsport?

          Jetzt habe ich erst einmal die Autobiographie unseres beliebtesten Rugbyspielers hier in Irland vor mir, Brian O’Driscoll. Ich kann nur ein Buch auf einmal schreiben. Mal schauen, was los ist, wenn ich damit fertig bin.

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