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Paul Kimmage im F.A.Z.-Gespräch : „Ich war ein Paria im Radsport“

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Ich versuche, den Radsport zu schützen. Ich habe nie einen Platz für Doping im Radsport gesehen. Offensichtlich ist es sehr schwierig, es auszurotten. Aber man kann es sicher besser machen als die Leute, die in den vergangenen zwanzig Jahren die Verantwortung trugen.

Wie wichtig war Ihr persönlicher Hintergrund?

 Wäre ich nicht Radprofi gewesen, hätte ich nicht das Doping mit eigenen Augen gesehen und am eigenen Leib erlebt, auch das Leid und das Elend, wäre ich mit Sicherheit ein anderer Journalist geworden.

Sie haben als Reporter mit vielen Sportlern gesprochen. Ist Radsport verdorbener als andere Sportarten?

Die körperlichen Belastungen der Tour de France, eines Radrennens von drei Wochen, sind enorm. Vielleicht ist der Druck zu dopen, deshalb größer als in anderen Sportarten. Die Athleten sind angreifbarer. Aber ich glaube, dass auch in anderen Sportarten sehr stark gedopt wird.

Fühlen Sie sich nun anerkannt, da die Wahrheit raus ist?

In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert. Ich werde von den Fahrern respektiert. Ich glaube, sie haben endlich verstanden, welches meine Motive waren, woher ich komme.

In der Öffentlichkeit sind Sie mit Ihrem Kampf gegen die UCI ein Held...

Was mir in den vergangenen Monaten passiert ist, ist das Unglaublichste in meinem Berufsleben: Die UCI verklagte mich für das Interview, das ich mit Floyd Landis gemacht habe, und für ein Interview, das ich während der Tour 2011 „L’Equipe“ gegeben habe - nicht die Zeitungen, sondern mich persönlich.

Sie hatten gerade Ihre Stelle bei der „Sunday Times“ verloren...

Mein ehemaliger Arbeitgeber sagt: aus wirtschaftlichen Gründen. Aber ich verstehe das nicht. Ich nehme an, dass es auch damit zu tun hatte, dass die Rechtsanwälte zu oft gesagt haben: Tut uns leid, Paul, aber das Stück können wir nicht veröffentlichen, weil wir verklagt werden würden. Ich hatte jedenfalls nicht das Geld, einen Rechtsanwalt zu nehmen, in die Schweiz zu fahren und mich dort vor Gericht gegen eine Klage zu verteidigen. Ich war in einer unmöglichen Situation. Bis im Internet darüber berichtet wurde und ein Fonds zu meiner Verteidigung eingerichtet wurde. Ganz normale Radsportfans haben in ihre Tasche gegriffen und gesagt: Hier, wir helfen dir. So sind 92.000 Dollar zusammengekommen, damit ich mich verteidigen kann.

Ist das nicht seit dem Fall von Lance Armstrong hinfällig?

Zwei, drei Tage nach der Pressekonferenz, in der sie ihm die sieben Tour-Siege aberkannten, gab es ein Treffen des Management-Komitees. Offenbar waren einige Mitglieder nicht glücklich mit der Art und Weise, wie (UCI-Präsident) McQuaid sich verhalten hatte. In der Folge machten sie jedenfalls bekannt, dass sie die Klage gegen mich zwar nicht fallen ließen, aber zurückstellten.

Nun haben Sie die UCI verklagt...

Ich habe sie nicht verklagt. Ich habe Anzeige erstattet gegen McQuaid und Verbruggen. Der eine Vorwurf ist üble Nachrede; sie haben meine Arbeit als Journalist diskreditiert und mich als Lügner hingestellt. Wichtiger ist aber der andere Teil: Ich beschuldige sie, in ihrer Beziehung zu Lance Armstrong betrügerisch gehandelt zu haben. Sie haben Geld von ihm genommen und nie vollständig erklärt, was das für Geld war, wie viel es war. Es gibt so viele verschiedene Angaben darüber, dass das untersucht werden muss.

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