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Paul Biedermann : Schön leiden

Schöner leiden mit Paul Biedermann: „Schmerzen gehören zum Sport” Bild: REUTERS

Im „Battle Camp“ trimmt sich Paul Biedermann mit Langstreckenschwimmern: In der ersten Woche standen 2040 Bahnen auf seinem Programm. Zudem muss er sich gegen internationale Konkurrenz behaupten.

          Auch Paul Biedermann kann die Puste ausgehen. „Du kriegst die Arme nicht aus dem Wasser, weil sie so schmerzen“, erzählt der 23 Jahre alte Schwimm-Weltmeister. „Dann denkst du: Schlag mehr mit den Beinen. Aber die tun auch weh.“ Seit er im Dezember in Istanbul auf der Kurzbahn auch noch Europameister geworden ist, hatte der Sportler des Jahres sich Weihnachtsferien gegönnt. Nun hat er in Potsdam die neue Saison begonnen - mit einem „Battle Camp“, wie es Chef-Bundestrainer Dirk Lange nennt. „In der ersten Trainingseinheit sind wir zwei Kilometer geschwommen“, klagte Biedermann. „Das lag sehr über meinem Schnitt.“ Vom ersten Training um sieben Uhr morgens bis zum dritten um sechs Uhr abends standen für die 32 Teilnehmer in der ersten Woche 102 Kilometer auf dem Programm; das sind 2040 Bahnen im Becken des Olympiastützpunktes am Templinsee. In der zweiten Woche, die nun zu Ende geht, waren es ein paar tausend Meter weniger. Aber das tägliche Krafttraining zusätzlich blieb.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Unser Marathon ist zehn Kilometer lang“, rechnet der achtmalige Freiwasser-Weltmeister Thomas Lurz vor. „Umgerechnet auf die Laufstrecke, muss man unser Pensum hier mit 430 Kilometern vergleichen.“ Das war selbst dem Muskelpaket Biedermann zum Saisonauftakt ein bisschen viel. „Es macht Spaß, mit den Langstrecken-Atzen zu trainieren“, behauptete der 200-Meter-Spezialist zwar, der sowohl in Rom als auch in Istanbul nicht nur über 200 Meter, sondern auch über 400 Meter siegte.

          „Wer Schwäche zeigt, wird durchgereicht“

          Doch wenn die Meute um den Würzburger Lurz, dessen Trainingspartner Jan Wolfgarten sowie den australischen Weltcupsieger Robert Hurley nach Stunden im Wasser immer noch zu Jagden aufgelegt war und ihre Opfer blass und unterzuckert hinter sich ließ, legte er sich lieber auf die Pritsche. „Ich lasse mir die Schmerzen wegmassieren“, sagte Biedermann. „Die schwimmen acht Kilometer und ich sechs. Schließlich haben die Australier Sommer und sind in Form. Ich habe über Weihnachten den Entspannten gemacht zu Hause.“

          Selbst Kraftprotze verlieren Substanz: „Du kriegst die Arme nicht aus dem Wasser, weil sie so schmerzen”

          Trainer Frank Embacher hatte seinem Doppelweltmeister die Erleichterung des Trainings verordnet, „sonst stirbt der arme Junge“. In der zweiten Woche hielt Biedermann dann mit, an Abnehmen allerdings - mindestens fünf Kilo sollen runter - war in Potsdam nicht zu denken. „Das Training ist so hart“, sagt Biedermann. „Da muss man gut essen.“

          „Willst du mich umbringen?“

          Wahre Langstreckenschwimmer kommen erst in Fahrt, wenn sie hintereinander weg fünfzig Bahnen auf und fünfzig Bahnen ab geschwommen sind. „Das machen wir heute Nachmittag noch mal!“ rief einer der Südafrikaner, als er nach fünf Kilometern am Stück aus dem Wasser stieg. Auch um diese Art von Anschauung geht es Langstrecken-Bundestrainer Jörg Hoffmann bei dem Camp, das er nach dem Vorbild der amerikanischen Hochschulen organisiert hat. „Nachwuchsschwimmer fragen bei solchen Umfängen den Trainer schon mal: Bist du bekloppt oder: Willst du mich umbringen“, erzählt er. „Es hilft, wenn man ihnen einen solchen Athleten zeigen kann.“

          Der Ansporn, wie er in der Konkurrenz von 32 Schwimmerinnen und Schwimmern aus sechs Ländern entsteht, die beim Intervalltraining ihre Zeiten vergleichen, die sich beobachten und die sogar, mit wechselnder Führung einer im Kielwasser des anderen, in Gruppen schwimmen, ist mit Händen zu greifen. „Wer Schwäche zeigt, wird durchgereicht“, sagt Lange. „Einige sind nur gekommen, um Lurz und Biedermann zu sehen und sie zu schlagen. Deshalb ist so ein Trainingslager für diese beiden zehn Mal so schwer wie für alle anderen.“ Robert Hurley sagt es so: „Langstreckenschwimmer geben niemals auf. Hier kämpfen alle gegeneinander. Niemand kann jemals sicher sein, dass er schon gewonnen hat.“

          „Wir lassen die Hosen runter“

          Biedermann spürt, wie Schwimmer und Trainer ihn beobachten. Er will sich keine Blöße geben in den täglichen Kraftproben. „Das ist eine ganz wichtige Erfahrung“, sagt er. „Wenn man so etwas von Jugend an erlebt, muss man das nicht bei einem großen Wettkampf zum ersten Mal durchmachen.“ Er war bei seinem Weltmeisterschafts-Debüt 2005 in Montreal so aufgeregt gewesen, dass er versagte und sich vom Bundestrainer öffentlich beschimpfen lassen musste. Da war er noch über 1500 Meter gestartet.

          Heute wünscht sich Biedermann, dass auch einige Konkurrenten von der Mittelstrecke ins Trainingslager kommen: „Dann machen wir eine eigene Gruppe auf.“ Lange begrüßt das. „Dieses Training ist zukunftsweisend“, sagt er. Nach den Langstreckenschwimmern, bei denen er die größten Defizite sieht, sollen auch Brust- und Delphinschwimmer solche Camps mit internationaler Konkurrenz erleben. „Wir lassen die Hosen runter. Wir haben keine Geheimnisse“, sagt er. „Und wir wollen wissen: Was machen die anderen?“ Deshalb gestalteten auch die Trainer aus Italien, Spanien, Australien und Südafrika Trainingseinheiten. Am Wochenende lud Lange zum Trainersymposion. Für den früheren Weltmeister Hoffmann ist der Austausch durch Anschauung nichts Neues. „Wenn wir früher Trainingslager in der Sowjetunion hatten“, erzählt er, „saßen immer zwei Mann auf dem Zehnmeterturm und haben unsere Einheiten und unsere Zeiten mitgeschrieben.“

          Ist das nun schön, oder leidet man in solch einem Camp? „Sagen wir so: Man leidet schön“, antwortet Fachmann Lurz. Biedermann ergänzt: „Klar gibt es Schöneres als Schmerzen. Aber die gehören nun mal zum Sport.“

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