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Pascal Hens : Hamburger mit Pommes – dazu gibt es keine Alternative

  • -Aktualisiert am

HSV-Urgestein Pascal Hens verliert selbst in der Krise nicht seine gute Laune. Bild: Bergmann

Handball-Oldie Pascal Hens muss in seiner letzten Saison noch einmal richtig ran: als Gesicht des HSV und als Vielspieler.

          3 Min.

          Neulich in der Trainingshalle am Volkspark. Das Podium für das Pressegespräch ist in der hinteren Ecke des Trainingsfeldes aufgebaut. Die Stimmung ist angespannt, denn gleich sollen die Verantwortlichen des HSV Hamburg erzählen, wie sie sich die neue Saison mit ausgedünntem Kader und abgespeckten Finanzen vorstellen. Dann entert Pascal Hens die Szenerie, Spitzname „Pommes“. Wegen seiner früher so dünnen Arme. Er latscht zum Podium, beugt sich über das eingeschaltete Mikrofon und spricht mit dunkel-verstellter Stimme hinein: „Haaa-looo!“ Alle zucken zusammen, so laut kommt das aus den Boxen. Gelächter. Ein typischer Pommes. Hens, 34 Jahre alt, setzt sich auf seinen Platz und grinst breit.

          Der Mann hat alles erreicht, was der Handball hergibt. Er ist Weltmeister geworden 2007, hat mit dem HSV die Champions-League, die Meisterschaft und den Pokal gewonnen. Er hat die Höhen in der Nationalmannschaft und beim HSV erlebt und macht seit zwei Jahren die Tiefen im Verein durch. Er war der Held und der Sündenbock. Aber die pure Lust am Leben, die konnte Pascal Hens noch keiner nehmen. Wohl vor allem deswegen mögen ihn die Fans so gern. Zwar lassen sich die Jungen in der Halle keinen blondierten Irokesen à la Pommes mehr frisieren. Er trägt seine Haare ja auch längst gemäßigt.

          Aber bei Autogrammstunden oder bei öffentlichen Auftritten wie jüngst in der Pause des Fußball-Bundesligaspiels HSV gegen Paderborn, da muss Pommes ran und repräsentieren. Mit ihm können die meisten etwas anfangen. Weil er die Bälle ins Tor schleuderte und witzig aussah, als Handball noch sexy war, auf dem Höhepunkt vor sieben Jahren. Von der Popularität profitiert Pascal Hens bei Werbeverträgen bis heute. Davon, und von seiner unnachahmlichen Art, die man am besten in seinem Lieblingssatz zusammenfassen kann: „Ich mach’ mir keinen Kopf.“ Wenn es um die Leichtigkeit des Seins geht, sollte man Hens fragen. Er ist mit seinem sonnigen Gemüt der Mann für aussichtslose Lagen, und somit gerade richtig beim Patienten namens HSV.

          „Pommes muss ran"

          „Och Mann, das ist soo lange her“, sagt Hens, auf die WM 2007 im eigenen Land angesprochen. Wenn sich in diesen Tagen die erste DHB-Auswahl unter dem neuen Trainer Dagur Sigurdsson trifft, fühlt sich der 2012 zurückgetretene Hens meilenweit entfernt von den großen Auftritten in Schwarz und Weiß. Er hatte im Sommer auch ganz andere Sorgen. „Wir sind froh, dass wir noch da sind“, sagt Kapitän Hens. Die Lizenz bekam sein Klub erst im dritten Anlauf. Hens hätte woanders wohl keinen Vertrag mehr erhalten – schon gar keinen wie diesen: 2010 verlängerte der ehemalige Präsident Andreas Rudolph seine Arbeitspapiere bis 2015. Von einem Netto-Gehalt in Höhe von 20.000 Euro im Monat ist in der Szene die Rede. Auch andere Stars hielt Rudolph so bei Laune und erkaufte sich den ersten Meistertitel im Mai darauf teuer. Jetzt liegen die alten Helden Hens und Torwart Johannes Bitter dem HSV auf der Tasche. Beide haben auf Gehalt verzichtet, um die Lizenzrichter gnädig zu stimmen. Und beide haben nun im Schlussbogen ihrer Laufbahn den Salat: Es kommt mehr denn je auf Bitter und Hens an, wie der zum Sparen verpflichtete HSV abschneidet.

          Während Bitter ein erfahrener Vielspieler ist, müht sich Hens für alle sichtbar, um von der Teilzeit- zur Stammkraft aufzusteigen. Alternativen gibt es kaum. Pommes muss ran. Für jemanden, der noch eine Ehrenrunde drehen wollte, bevor er sich aufs Altenteil setzt, ist der Alltag beim HSV höchst beschwerlich. Und das neben einem Spielmacher, der von Haus aus Linksaußen ist, mangels Alternativen aber in der Mitte spielt. Weil Kentin Mahé ihm den Ball immer direkt auf den Körper serviert, steht Hens mit dem Ball in der Hand viel zu nah an der Abwehr. Die macht ihn fest, wie man im Handball sagt. Mahé müsste ihn in der Bewegung freispielen, damit Hens auf die Deckung gehen, hochspringen und seine immer noch beachtliche Schleuder auspacken kann. Hinzu kommt, das Hens seine individualtaktische Eindimensionalität auch in seinem zwölften Hamburger Jahr beibehalten hat. Er beherrscht diesen einen Ablauf. Den kennt jeder.

          Hens beklagt sich nicht

          Hens ist nolens volens zum Startspieler geworden. Sein Anteil an den Titeln 2011 und 2013 war auf dem Feld gering, denn Stars wie Domagoj Duvnjak, Joan Canellas und Blazenko Lackovic spielten auf seiner Position. Als Integrationsfigur hatte Hens immer seinen Wert, auch als Bindeglied zum launischen Geldgeber Rudolph. Und als Verkaufsargument nach außen sowieso – und das seit Jahren. Pascal Hens klagt nicht. Er findet seine Rolle auch gar nicht so neu. „Ich habe ja früher auch viel gespielt.“ Er redet lieber von der Mannschaft als von sich. „Man kann realistischerweise sagen, dass wir mit der Meisterschaft nichts zu tun haben werden“, sagt er mit Sinn für Humor.

          2:10 Punkte hat der HSV unter dem neuen Trainer Christian Gaudin gesammelt. Die Zuschauerzahlen sind im Keller. Immerhin weiß Hens im Rumänen Alexandru Simicu einen wurfstarken Youngster hinter sich. Doch in Sachen Abwehr und Spielverständnis muss Simicu noch so viel lernen, dass Hens eine stressige Saison mit sehr vielen Spielminuten bevorsteht. „Wir wissen seit dem Sommer, dass es schwer wird“, sagt er. „Deswegen sollte jetzt keiner überrascht sein.“ Ein bescheidener Aufschwung, das reichte Hens schon: Siege gegen Konkurrenten, die man früher wie nebenbei schlug. „Natürlich wollen wir irgendwann wieder angreifen.“ Er wird dann nicht mehr dabei sein. Schwer vorstellbar, dass das Gesicht (oder: die Frisur?) des deutschen Handballs noch eine Saison dranhängt. Seine Frau Angela Schleipfer ist schwanger, die Familie erwartet das zweite Kind. Die stressigen Nächte, in einer so anstrengenden Phase der Karriere? „Wenn ich ausschlafen muss, habe ich mein eigenes Zimmer“, sagt Pascal Hens. Er ist wahrlich kein Typ, der sich beklagt.

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