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118. Auflage von Paris-Roubaix : Sieger Colbrelli zeigt die absolute Härte

  • -Aktualisiert am

Glücklich und emotional: Sonny Colbrelli gewinnt den Klassiker Paris – Roubaix. Bild: AFP

Paris-Roubaix ist im Oktober noch härter und schmutziger als ohnehin. Nach 257,7 Kilometern siegt Sonny Colbrelli – auch weil andere Fehler machen. Ein Rennen, das lange in Erinnerung bleiben wird.

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          Dieses Radrennen mit zirzensischer Note hat seit 1896 ein Füllhorn an Anekdoten und Legenden geschaffen. Die 118. Ausgabe am Sonntag war ein Quell von vielen weiteren sagenhaften Bildern für das Geschichtsbuch dieser Traditionsveranstaltung. In den Herbst verschoben, stellte Paris–Roubaix die Fahrer vor einen schier ultimativen Härte- und Charaktertest, ehe einer von ihnen, dreckverkrustet und von den Strapazen gezeichnet, die „Königin der Klassiker“ erobern konnte.

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          Sonny Colbrelli war der Glückliche. Erst jubelnd, dann wie entrückt und schließlich von Heulkrämpfen geschüttelt, verbrachte der Italiener die ersten Minuten nach seinem Coup und krönte seine diesjährige beste Saison nach dem Gewinn des Europameistertitels mit dem Triumph in Roubaix. „Unglaublich, ich bin total glücklich“, sagte der 31-Jährige vom Team Bahrein-Victorius.

          Ein Trio hatte gemeinsam das ehrwürdige Velodrome von Roubaix erreicht, auf dessen Betonpiste noch Kreise gezogen werden müssen bis zur Ziellinie. Viel sprach für Mathieu van der Poel (Alpecin-Fenix), einen der großen Dominatoren dieser Radsaison. Doch für die Konkurrenz ist es fast wohltuend zu wissen, dass der niederländische Star im Sattel nicht alles, sondern nur fast alles kann.

          Denn sich taktisch clever zu verhalten auf der Bahn, das hat er nicht vermocht. Und so sprintete Colbrelli zum Sieg – knapp vor dem erst 22 Jahre alten Belgier Florian Vermeersch. Topfavorit Wout van Aert wurde Siebter. Mit Jonas Rutsch auf Rang elf und Max Walscheid als Zwölfter zeigten zwei deutsche Radprofis starke Vorstellungen.

          Leidenschaftlich gelebter Anachronismus

          Marcel Sieberg hatte sich ein denkwürdiges Rennen für sein Karriereende ausgesucht. Der 39-jährige Castrop-Rauxeler erlebte wie alle Profis eine Sonntagsfahrt in die „Hölle des Nordens“. Reichlich Regen, noch mehr Matsch und tückisch glitschiges Kopfsteinpflaster schufen eine spektakuläre Schlammschlacht für die Zuschauer – und ein radsportliches Fegefeuer für die Rennfahrer. Die tiefen Pfützen und die verdreckten Pavés sorgten dafür, dass die Fahrer wie in braune Soße getunkt aussahen.

          Paris–Roubaix ist schon so ein leidenschaftlich gelebter Anachronismus der Radsportwelt. Wo sonst Zahlen und Daten, Taktik und Wattwerte Trumpf sind, geht es auf den nordfranzösischen Pflasterpisten Mann gegen Mann, Schlag auf Schlag. Sechs Stunden lang, in bis zur Unkenntlichkeit verschmutzten Trikots. Die Härte pur, obwohl den Protagonisten keine Berge, ja nicht mal nennenswerte Hügel im Weg stehen. Der Rütteltest des Jahres ist eine Sache für die größten Kraftmeier im Sattel, die bei diesen widrigen Bedingungen auch eine Extraportion Moral und Willen aufbringen mussten.

          Die wilde Hatz über die auf 257,7 Kilometer verteilten 30 Pflastersektoren war geprägt von enorm vielen Stürzen. Vorwiegend, aber nicht nur auf den Pavé-Stücken. Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe beispielsweise wurde in einer Kurve regelrecht durch eine Pfütze geschleudert und ging hart zu Boden. Das Ende seiner Träume vom Gewinn einer weiteren Pflasterstein-Trophäe nach 2018.

          Gruben, Klüfte und Krater

          Wenn man sah, wie die besten Radfahrer der Welt auf den Pavés mitunter um die Kurven eierten, konnte man ermessen, wie diffizil diese Ausgabe des Radsportmonuments Paris–Roubaix zu meistern war. Wie schwer sich die Profis taten, eine Linie auf dem zu Napoleons Zeiten angelegten Pflaster zu finden und zu halten. An einigen Stellen fallen die Holperpfade vom Kamm in der Mitte zu den Rändern steil ab. Und zwischen den unverfugten Steinen tun sich oft ganze Gruben, Klüfte, Krater auf.

          Einer der besonders berühmten Sektoren ist der Wald von Arenberg, eine lange Schneise, in den die Profis regelrecht einschießen. Dieser und Pflasterstücke wie Carrefour de l’Arbre oder Mons-en-Pévèle haben im Radsport einen Klang wie Wembley oder Maracanã im Fußball. Im Wald von Arenberg war es auch, als Van der Poel das Tempo so verschärfte, dass unter anderem sein großer belgischer Widersacher Van Aert – auch gebremst durch einen Sturz vor ihm – abreißen lassen musste.

          Die 118. Ausgabe von Paris–Roubaix war im Finale italienisch geprägt. Am Ende natürlich durch den Sieg Colbrellis. Aber für besonderes Drama hatte zuvor in seinem erbitterten Kampf Gianni Moscon gesorgt. Der Profi vom Team Ineos wirkte, als er sich solo auf und davon machte, schon wie der wahrscheinliche Sieger. Einen platten Hinterreifen versuchte er noch so gut es geht zu ignorieren – der Wechsel auf ein neues Rad kostete ihn nur wenige Sekunden seines Vorsprungs auf die Gruppe um Van der Poel.

          Doch ein unglücklicher Sturz ließ ihn hilflos über das Pflaster schlittern und die Verfolger kurz darauf aufschließen. Moscon landete letztlich auf dem undankbaren vierten Platz an einem Tag, der die Fahrer und ihre fahrbaren Untersätze so hart auf die Probe gestellt hatte wie seit Langem nicht mehr. Die letzte Matsch- und Regenausgabe in der „Hölle des Nordens“ kam 2002 zur Aufführung. Die faszinierende Show von 2021 wird ebenfalls lange in Erinnerung bleiben.

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