https://www.faz.net/-gtl-9zd0y

Paratriathletin Christiane Reppe : Die Traumjägerin

  • -Aktualisiert am

Die Freiheit, ihr Leben selbst zu gestalten, nimmt sich die Sportlerin. Bild: Jan Siewert

Paratriathletin Christiane Reppe hat das strahlende Lachen zu ihrem Markenzeichen gemacht. Das lässt sie sich auch vom Coronavirus nicht verderben. Im nächsten Jahr will sie nach Tokio und Hawaii.

          5 Min.

          Was beschreibt Christiane Reppe wohl am besten? Ihr Lachen, ihr strahlendes, erhellendes Lachen. Wie kann das sein, fragt sich manch Unbedarfter, bei einer Frau, die vor 27 Jahren ihr rechtes Bein verlor. Es musste amputiert werden gleich unterhalb der Hüfte, ein bösartiger Tumor, da war sie fünf. Erinnerungen an diese Zeit? Ja, sagt sie, natürlich, aber nichts Schlimmes. „Es gibt ein paar Sachen, an die ich mich erinnere, komische, sinnlose Sachen eigentlich: dass mir mein Vater eine Schallplatte auf Kassette überspielt hat, solche Sachen.“ Vielleicht sei es leichter, sagt sie, eine solche Krankheit und die Folgen früh zu erleben. „Ich bin mit einem Bein aufgewachsen, das war einfach so, ich habe damit alles gemacht, ich hatte deshalb keine Angst vor irgendetwas.“

          So ist es geblieben, bis heute, so konnte die Dresdnerin eine Weltklasse-Athletin in verschiedenen Disziplinen werden und Gold gewinnen bei den Paralympics. Die Behinderung? Nicht der Rede wert. Es ist, wie es ist und schon immer war. Ein Problem ist sie eher für die anderen. „Wenn ich heute durch die Stadt gehe, werde ich die ganze Zeit angeguckt, aber ich merke das schon gar nicht mehr, nur meine Freunde fragen manchmal, hast du den gesehen, dem ist ja völlig das Gesicht entglitten, und ich sage dann, ne, hab ich nicht gesehen, ist ja auch nicht so interessant.“

          Mit zwölf hat Christiane Reppe angefangen zu schwimmen. „Ich war schon immer eine Wasserratte“, sagt sie, „und mein Vater hat gesagt, Schwimmen ist gut für deinen Körper, deinen Rücken, dann haben wir einen Verein gesucht, und irgendwann war ich die Schnellste von allen.“ Sie schwamm von Anfang an auch mit Nichtbehinderten, „warum auch nicht“, und wechselte bald an den Olympiastützpunkt Dresden, wo sie mit den Jungs und Mädels trainierte, die aufs Sportinternat gingen.

          Gewinnend: Paratriathletin Christiane Reppe hat das strahlende Lachen zu ihrem Markenzeichen gemacht.

          Mit fünfzehn startete sie erstmals bei einer Weltmeisterschaft, in Argentinien gewann sie dreimal Bronze. 2004 nahm sie an den Paralympics in Athen teil, mit zwei dritten Plätzen über 100 und 400 Meter Freistil. Nach dem Abitur 2007 zog sie nach Berlin, der besseren Trainingsmöglichkeiten wegen. „Ich wusste nicht so recht, was ich wollte außer Sport, das ist heute noch ein bisschen so. Ich wusste immer: Meinen Sport, den will ich machen, und ansonsten muss ich halt mal sehen.“

          Sie fing an zu studieren, Wirtschaftsrecht zunächst, dann Wirtschaftspsychologie. Vergangenes Jahr hat Christiane Reppe den Abschluss gemacht. Weiter ging es mit den Paralympics. 2008 in Peking, 2012 in London, ein sechster und ein fünfter Platz jeweils über 400 Meter Freistil. Es reichte nicht für eine Medaille. Nach London hat sie mit Schwimmen als Leistungssport Schluss gemacht. Sie hatte Knatsch mit dem Trainer, eine Lebenskrise, und ist nach Dresden zurückgekehrt. „Schwimmen war alles für mich bis dahin“, sagt Christiane Reppe, „für mich ist eine Welt zusammengebrochen, ich habe ein Jahr gebraucht, um wieder klarzukommen.“

          Mit Schwimmen war sie durch

          Dann hatte sie einen Traum. Einen echten, nächtlichen Traum. 2016 in Rio Gold gewinnen, endlich ganz oben stehen. „Aber nicht im Schwimmen, das war für mich durch. Da bin ich zum Handbiken gekommen, zum Radsport. Ende 2013 habe ich angefangen zu trainieren, ich habe einen Trainer gefunden in Hannover, einen Verein in Niedersachsen, da bin ich bis heute.“ Die Leidenschaft war zurück, die Lust aufs Training. „Ich habe krass trainiert über den Winter damals, ich war so motiviert, bin bei minus elf Grad raus und dick eingemummt mit dem Handbike gefahren, alle haben gefragt, ist noch alles klar bei dir?“

          Am Ende des Winters war Christiane Reppe mit dem Handbike so schnell, dass der Bundestrainer sie fragte, ob sie zu einem Weltcup in Spanien mitfahren wolle, dort könne sie sich womöglich für die WM qualifizieren, allerdings müsse sie die Reise selbst bezahlen, weil sie noch in keinem Bundeskader sei. Sie fuhr auf eigene Rechnung nach Spanien, wurde Zweite, qualifizierte sich für die WM in den Vereinigten Staaten – und wurde dort Weltmeisterin im Straßenrennen und Dritte im Zeitfahren. Über die Marathondistanz stellte Christiane Reppe noch im selben Jahr mit 1:00:26 Stunden einen neuen Weltrekord auf. Dann Rio 2016, sie nahm an ihren vierten Paralympics teil. Und siegte im Straßenrennen. Gold! Traum erfüllt. Und Zeit für den nächsten.

          Weitere Themen

          Once upon a time in Weilmüster

          Glanzvolle Jahre des Kinos : Once upon a time in Weilmüster

          Rudi Czech kennt noch den alten Glanz der Lichtspielhäuser. Er war Filmplakatemaler im ältesten Kino Hessens und erzählt, wie er nach 1945 die Boomjahre des Kinos in Deutschland erlebte.

          Rhein-Derby vor leeren Rängen Video-Seite öffnen

          Düsseldorf gegen Köln : Rhein-Derby vor leeren Rängen

          Am Wochenende trifft Fortuna Düsseldorf auf den 1. FC Köln. Doch auch das Rhein-Derby muss in dieser Saison ohne die Fans stattfinden. Doch auch als Geisterspiel sei das Aufeinandertreffen der beiden Vereine etwas Besonderes, wie beide Trainer beteuerten.

          Topmeldungen

          Nach Tod von George Floyd : Die Wut wächst

          Tausende Menschen sind in London, Berlin und Kopenhagen wegen des gewaltsamen Tods des Afroamerikaners George Floyd auf die Straße gegangen. In Amerika eskaliert die Lage weiter. Donald Trump macht die Antifa verantwortlich – und will sie als Terrororganisation einstufen lassen.

          Öffnung der Gastronomie : Als das Krisengefühl verschwand

          Früher galten die Deutschen als Stubenhocker. Doch in der Krise zeigt sich, was sonst nicht ins Bewusstsein dringt: Die Gastronomie ist systemrelevant. Seit wann ist das eigentlich so? Über die erstaunliche Bedeutung einer Leitbranche.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.