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Paralympics-Sieger Schmidt : „Man muss sich mit seinem Körper versöhnen“

Rainer Schmidt gewann vier Paralympics-Goldmedaillen im Tischtennis. Bild: Johannes Hahn

Der Theologe, Kabarettist und Paralympics-Sieger Rainer Schmidt kann der Trennung von Geist und Körper nichts abgewinnen. Im F.A.Z.-Interview beschreibt er das Erlebnis, beim Sport mit sich im Einklang zu sein.

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          Herr Schmidt, beim Sportethischen Fachtag der Evangelischen Kirche in Frankfurt haben Sie gesagt, Sie finden die Aufteilung von Körper und Geist eigentlich pathologisch. Wieso?

          Man muss sich mit seinem Körper versöhnen. Und wenn das gelingt, dann habe ich keinen Körper, ich bin Körper. „Ich bin Körper“ war auch die These meines Impulsvortrags. Da habe ich den Bogen gespannt, dass mein Körper meine Lebenswelt prägt. Weil ich so aussehe, wie ich aussehe, erlebe ich das, was ich erlebe. Und das prägt mich. Bei mir hat das den Effekt: Ich falle auf. Wenn ich durch die Fußgängerzone laufe, bin ich nicht unsichtbar wie alle anderen. An mich erinnern sich viele. Mein Leben findet im öffentlichen Raum permanent irgendwie auf einer Bühne statt.

          Sie haben in Frankfurt die Frage gestellt: „Wer wäre ich, wenn ich mit langen Armen geboren worden wäre?“ Konnten Sie diese Frage für sich einmal annähernd beantworten?

          Die Antwort entzieht sich mir. Mein Körper hat ganz entscheidend meine Erfahrungen geprägt. Und ich wüsste überhaupt nicht, wer ich wäre im Körper eines anderen Menschen. Ich wollte mal Architektur studieren, da bin ich aufgrund meiner Behinderung dran gescheitert, weil die Universität ein Praktikum auf dem Bau verlangt hat oder eine handwerkliche Ausbildung. Das war für mich nicht möglich, und man hat mir damals nicht den Weg einer Ausnahmegenehmigung eingeräumt. Ich kam aus einer Familie von lauter Handwerkern. Meine Oma hatte elf Enkel, nur zwei davon haben Abitur gemacht: mein Bruder und ich. Alle anderen sind Handwerker geworden. Ich musste Mundwerker werden und bin Pfarrer und später Kabarettist geworden.

          Haben Sie erst im Laufe der Jahre zu Ihrem Körper oder, andersherum, zu Ihrem Geist gefunden?

          Dieses „Ich bin Körper“ ist immer mal wieder angekratzt worden. Zum Beispiel wenn ich gedacht habe: Ich möchte als pubertärer Jugendlicher nicht mit der Jugendgruppe ins Freibad gehen, weil ich dann meine Beinprothese ausziehen muss. Das sieht alles nicht so ästhetisch aus, ich humple, weil ich dann rechts plötzlich 27 Zentimeter kürzer bin. Da denkt keiner: „Was ein hübscher Kerl!“ Da denken alle: „Ach du Scheiße.“ Da habe ich schon oft gedacht: „Warum kann ich nicht lange Arme und Beine haben wie mein Bruder?“ Die Versöhnung mit meinem Körper ist immer wieder auf die Probe gestellt worden und muss immer wieder errungen werden. Mit zunehmendem Alter wird das leichter.

          Wie blicken Sie auf Menschen, die sich nicht in Ihrem Körper wohlfühlen und in einen Körperkult hineingeraten?

          Beim Sportethischen Fachtag hat direkt nach mir Andres Kempf, der Bodybuilder, gesprochen. Er hat beschrieben, wie er mit dem Training versucht hat, Selbstzufriedenheit zu erreichen. Die Unzufriedenheit hat er als Hauptantriebsquelle für sein Training genannt. Dann hat er ein „Alltagsbild“ von sich gezeigt, wenn er nicht in Wettkampfform ist. Da haben alle gelacht, denn ein alltäglicher Körper war das beim besten Willen nicht. Sondern ein idealer Körper. Jeder dachte: Hätte ich so einen Körper. Und er sagte, er sei dann deutscher Meister im Bodybuilding geworden und denke heute, wenn er sich die Bilder anschaut, was er alles noch hätte verbessern können. Er ist also an sein Ziel gekommen und war dennoch nicht zufrieden. Wenn ein Bodybuilder nach deren Vorstellungen den schönsten Körper Deutschlands hat und nicht sagen kann: ,Es ist gut‘, dann stimmt für mich etwas nicht. Dann wird es ein bisschen grenzwertig.

          Mit Sport kann man Unzufriedenheit nicht kompensieren?

          Nur zu einem bestimmten Niveau. Man kann sich nicht heilen, indem man zum Beispiel wie ein Bekloppter Marathon läuft. Menschen, die ein gesundes Verhältnis zum Körper haben, können ihren Sport genießen. Menschen, die total unzufrieden sind, für die wird der Sport vermutlich eher eine Bestätigung der Negativerfahrung sein. Es muss jemand da sein, der sagt: „Ja, du hast fünf Kilo zu viel, aber ich liebe dich, ich mag dich“ oder „du bist bedeutsam für mich“. Menschen müssen aber vor allem in den ersten drei Lebensjahren Erfolgserlebnisse haben – „ich kann was“ – und stabile Beziehungen – „ich bin wer“. Man muss erleben, dass man respektiert und geachtet wird. Für mich waren auch die Erfolgserlebnisse beim Tischtennis wesentlich. Das war für mich etwas, das ich genossen habe. Ich habe gemerkt: Ich werde immer besser. Das hat aber auch ein Suchtpotential.

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