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Ein Jahr vor Paralympics 2020 : Mode zieht mehr

Markus Rehm ein Jahr vor den Paralympics: 8,50 Meter und noch Luft nach oben Bild: Reuters

Die Vorbereitung auf die Paralympics deckt Schwächen der japanischen Gastgeber auf. Die größte Sorge sind behindertengerechte Hotelzimmer – aber auch das Verständnis für Behinderte könnte besser sein.

          3 Min.

          Ein Jahr vor der Eröffnung haben die Paralympischen Spiele in Tokio ihren ersten Rekord. Am späten Sonntagvormittag streckt der Deutsche Markus Rehm nach dem dritten Sprung triumphierend die Faust in den Himmel. 8,50 Meter war der Athlet mit der Prothese am rechten Bein gerade gesprungen. Inoffiziell hat er damit seinen eigenen Weltrekord um zwei Zentimeter verbessert. Der Jubel von Rehm wirkt kontrolliert, ebenso wie der Sprung. Der Weitspringer scheint noch Reserven zu haben.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Vielleicht 150 Fans verfolgen den Schausprung auf dem Sportfeld im Schatten des Hochhauses des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK mitten in Tokio. Das Gelände im Yoyogi-Park hat historische Bedeutung. 1964 kämpften hier zum ersten Mal in Tokio paralympische Sportler um Medaillen. Ins prestigereiche Nationalstadion durften die behinderten Sportler damals noch nicht. Das wird sich im kommenden Jahr ändern, wenn Ende August gut zwei Wochen nach dem Ende der Olympischen die Paralympischen Spiele beginnen werden. Der dann 31 Jahre alte Rehm will in Tokio seine dritte Goldmedaille nacheinander im Weitsprung gewinnen.

          Er freue sich auf das kommende Jahr, sagt Rehm. Tokio 2020 habe das Zeug, besser als die vielgelobten Paralympischen Spiele 2012 in London zu werden. Die Begeisterung sei riesig. „Ich habe aufgehört zu zählen, um wie viele Selfies ich gebeten wurde“, sagt Rehm. Doch in harten Zahlen ist das Interesse noch relativ gering. Der Los-Verkauf der Tickets für die Paralympics begann vor wenigen Tagen. Am ersten Tag meldeten sich 110.000 Interessenten, gegenüber 1,3 Millionen beim Verkaufsstart für die Olympischen Spiele. Die Veranstaltungen ein Jahr vor den Paralympischen Spielen könnten das Interesse steigern. Am Sonntag wurden die Medaillen vorgestellt, die einen stilisierten japanischen Fächer zeigen.

          „Wir müssen damit umgehen können“

          Spötter sehen das als Hinweis auf die schwüle Hitze, die in Tokio im Sommer herrscht und die von den japanischen Medien regelmäßig problematisiert wird. Langlaufwettbewerbe beginnen schon sehr früh morgens, um die größte Hitze zu vermeiden. Doch Rehm wischt das Wetter als Problem vom Tisch. „Wir sind professionelle Athleten, wir müssen damit umgehen können“, sagt der Sportler. Die Luftfeuchtigkeit sei hoch, ergänzt sein Sportkollege David Behre, der deutsche Kurzstreckenläufer. „Die Prothesen können deshalb rutschen, aber wir können sie trocknen und sicher laufen.“ Rehm und Behre betonen, dass Temperaturen um 30 Grad wie am Sonntag in Tokio für die Sportler ideal seien, weil die Muskeln dann gut gewärmt seien. Behre, erstmals in der japanischen Hauptstadt, zeigte die typische Begeisterung eines Tokio-Neulings. Er schwärmt von der ungeheuren Energie der Stadt, ist begeistert über das große Medieninteresse und verspricht, sich für die Begeisterung im kommenden Jahr mit einer guten sportlichen Leistung zu bedanken. „Ich fürchte, dass es für mich meine letzten Paralympischen Spiele sein werden“, sagt der 1986 geborene Sportler.

          Markus Rehm ein Jahr vor den Paralympics: „Ich hoffe, dass behinderte Kinder in Japan nach den Spielen in kurzen Hosen auf die Straße gehen und stolz auf ihre Prothesen sind“

          Schlagzeilen in Japan machte zuletzt, dass der Schwimmteil bei einem Para-Triathlon in Tokio gestrichen werden musste, weil im Odaiba Marine Park direkt vor der Stadt zu viele Kolibakterien im Wasser gemessen wurden. Die Veranstalter wollen nun mit stärkeren Wasserfiltern vorbeugen. Als größeres Problem könnte sich herausstellen, dass das eigentlich gastfreundliche Japan bislang nicht genügend behindertengerechte Hotelzimmer für Sportler, Delegationen, Sporttouristen oder Journalisten bereitstellen kann. „Das ist wahrscheinlich unsere größte Sorge“, sagt Sprecher Craig Spence vom Internationalen Paralympischen Komitee. Er berichtet, dass allein seine Organisation erst 53 von etwa 110 benötigten rollstuhlgerechten Hotelzimmern sicherstellen konnte.

          Mehr Anerkennung und Verständnis für Behinderte

          Behinderte in Japan nehmen weniger am öffentlichen Leben teil als etwa in Deutschland. Viele Hoteliers sind auf reisende Rollstuhlfahrer nicht vorbereitet, zumal japanische Hotelzimmer häufig sehr klein sind. Aufsehen erregte im Frühjahr, dass ein Hotelier in Yokohama von der britischen Delegation verlangte, sie sollten für den behindertengerechten Umbau der Hotelzimmer und später für den Rückbau in normale Zimmer zahlen. Städte wie Tokio oder Yokohama machen Druck auf die Gastwirte und bieten finanzielle Hilfen an.

          Markus Rehm bei der Zeremonie ein Jahr vor der Eröffnung der Paralympischen Spiele in Tokio.

          Das Internationale Paralympische Komitee und nationale Organisationen erhoffen sich von den Spielen nicht nur eine bessere Ausstattung mit behindertengerechten Hotelzimmern, sondern generell mehr Anerkennung und Verständnis für Behinderte. „Ich hoffe, dass behinderte Kinder in Japan nach den Spielen in kurzen Hosen auf die Straße gehen und stolz auf ihre Prothesen sind“, sagt Rehm. Ob solch ein Bewusstseinswandel gelingt, ist unsicher. Zwei Drittel von mehr als 560 befragten japanischen Behinderten erklärten in einer aktuellen Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo, sie hätten seit der Vergabe der Spiele im Jahr 2013 an Tokio nicht gesehen, dass Japan behindertengerechter oder das Verständnis für Behinderte verbessert werde. Mehrheitlich erhoffen sie sich dennoch positive Impulse von den Spielen.

          Die Paralympics werden es dabei in Tokio mit seiner Fülle an Freizeitangeboten nicht leicht haben. Am Sonntag standen in einer Straße neben dem Yoyogi-Park mehr Menschen Schlange für eine Verkaufsveranstaltung der Modemarke Supreme, als sich auf dem weitläufigen Leichtathletik- und Hockeyfeld im Park verliefen. Direkt neben dem Parkgelände drängten sich die Menschen, um die Darbietungen folkloristischer Tanzgruppen bei einem traditionellen Festival zu erleben. An der Fußgängerbrücke über die Kreuzung zwischen Yoyogi-Park und der eleganten Einkaufsstraße Omote-Sando brachten Arbeiter am Sonntag neue Handläufe an. Doch einen Aufzug, mit dem Rollstuhlfahrer die Straße queren könnten, gibt es an der Kreuzung, direkt neben den Yoyogi-Sportstätten, nicht.

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