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Paralympics in Tokio : Der erstaunliche Siegeszug der Chinesen

  • -Aktualisiert am

Eine Macht im Schwimmen bei den Paralympics: Yuyan Jiang Bild: Reuters

Keine Nation gewinnt mehr Medaillen bei den Paralympics. China ist allen anderen weit voraus. Doch was steckt hinter den Erfolgen? Bei der Suche nach Antworten ergeben sich noch mehr Rätsel.

          3 Min.

          Qilái! An diesen Ausruf werden sich viele Paralympics-Teilnehmer erinnern. „Qilái!“ bedeutet „Steht auf!“ und ist der Beginn des Marschs der Freiwilligen, der Nationalhymne Chinas. In Tokio wird sie derzeit etwa zehn Mal täglich gespielt. Die Paralympics mögen in Japan stattfinden, aber sie scheinen dem Land des Drachens zu gehören.

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          18,2 Prozent aller bislang vergebenen Goldmedaillen, 85 an der Zahl, haben chinesische Athleten gewonnen und dem „Qilái!“ Folge geleistet. Auf Platz zwei des paralympischen Medaillenspiegels liegt Großbritannien weit abgeschieden mit 37 Mal Gold. „Wir lassen uns zu den Paralympics immer überraschen, wie viele starke chinesische Athleten neu dazu gekommen sind“, scherzt die deutsche Schwimmerin Verena Schott. „Dann gucken wir immer, wo die sich einreihen.“ Schott ist gut gelaunt, sie hat gerade im Aquatics Center Bronze errungen. Ihre dritte Medaille bei den Spielen. Für Deutschland hat sie zu diesem Zeitpunkt die meisten Medaillen ergattert.

          Im Schwimmen über hundert Meter Rücken schlägt Schott, dreifache Mutter und inkomplett Querschnittsgelähmte, als Dritte an. Mit Europarekord. Die Berlinerin reiht sich hinter der Amerikanerin Elizabeth Marks ein – und der Zweiten, Yuyan Jiang aus China. Es ist die vierte Medaille der 16-Jährigen, zwei Mal davon Gold. Insgesamt gewinnt China im Schwimmen 56 Medaillen, 19 davon Gold. Was macht die Chinesen so gut?

          Die Antworten bleiben floskelhaft

          „Das ist wirklich ein schwarzes Loch für uns. Eigentlich... wissen wir gar nichts“, sagt Schott. „Ein wichtiger Punkt ist unsere Einstellung, schneller und besser zu werden“, sagt Jiang. „Natürlich gibt es daneben ein paar Trainingsmethoden, die ich jetzt nicht erwähnen möchte.“ Jiang selbst stammt aus Shaoxing nahe Schanghai. Als Kind verlor sie bei einem Unfall das rechte Bein und den rechten Arm. Ihre Eltern hätte sie immer motiviert, ihre Trainer, die sie entdeckten, als sie 13 Jahre alt war, immer gefördert. „Auch hatte ich nie irgendeine Art von Diskriminierung erfahren, alles war so wie bei jenen ohne Einschränkung.“

          Es klingt alles harmonisch in der Volksrepublik, die Antworten bleiben floskelhaft. Kollegen von chinesischen Medien sucht man trotz der Medaillenflut im Aquatics Center vergeblich. Die Athleten gehen trotz ihrer Siege schnurstracks an den Medien vorbei. China ist präsent und doch enigmatisch. Dadurch wird das Land nicht weniger erfolgreich. Im Gegenteil. Es sind längst nicht mehr nur chinesische Paradedisziplinen wie Tischtennis oder Einzel-Perfektions-Disziplinen wie Schwimmen, in denen das Reich der Mitte triumphiert.

          Rollstuhlbasketball, Damen, Halbfinale. China gegen die Vereinigen Staaten von Amerika. Das Land des Basketballs. Beide Mannschaften verteidigen stark, es fallen kaum Punkte. Bis zur letzten Minute – es steht 35:33 für China – ist für beide alles drin, dann tritt der große Unterschied zutage: Die Amerikanerinnen beginnen das Foul-Spiel, um den Chinesinnen Freiwürfe zu geben, selbst aber mit Drei-Punkte-Würfen das Risiko zu suchen. Das Team aus Fernost bleibt ob des Druckes emotionslos: Alle Freiwürfe werden verwandelt. Das Spiel geht zu Ende, der Sieg nach China.

          Erst jetzt zeigen die Chinesinnen, dass sie nicht ohne Gefühlsregung sind. Sie freuen sich laut, dann durchchoreographiert. Am Mittelkreis kommen sie perfekt zirkulär zusammen. Nach der Ansprache des Coaches kommt der Jubelschrei in Richtung Haupttribüne, gefolgt vom „Bàoquánli“: Die rechte Faust wird vor dem Körper in die linke Handfläche gelegt. Ein Gruß aus dem traditionellen chinesischen Kampfsport. Die Mannschaft, die noch nie eine paralympische Medaille erringen konnte, steht gegen die Niederlande im Finale. „Jeder hat detailliert das verinnerlicht und gelernt, was wir so lange geübt haben“, sagt Trainer Chen Qi, der 2008 selbst als Rollstuhlbasketballer bei den Paralympics war.

          Darauf angesprochen, wen sie da geschlagen haben, lacht Qi kurz und stolz. „Eigentlich sind die Amerikaner die Stärkeren. Wir wollen noch viel trainieren, um immer auf deren Niveau zu sein.“ Laut der chinesischen Website qq.com war die Rollstuhl-Equipe zusammen 278 Tage in Guangzhou, viel mehr Training geht kaum. Qi ist Anhänger physisch wie psychisch intensiven Trainings. Er sagt aber auch: „Viele der Mädchen hatten Unfälle vor der Behinderung, für die ist die ganze Welt zusammengebrochen. Sie waren von ihren ursprünglichen Freunden abgeschnitten, hatten kein Vertrauen in das Leben. Wir haben sie aufgenommen, haben ihnen Wärme und das Gefühl gegeben, dass alle gleich sind.“

          Zwar gibt es staatliche Unterstützung, um zum Zeitpunkt der Paralympics perfekt aufzuspielen. Es gibt aber noch keine nationale Rollstuhlbasketballliga, alle Turniere finden auf Provinzebene statt. „Keine von den Spielerinnen ist Profi, der größte Teil von ihnen arbeitet“, sagt Qi. Viele von ihnen seien in einer Mobilfunkfirma in Guangdong angestellt. Detaillierte Informationen sind auch aus Qi schwer herauszubekommen. Nur der Erfolg ist klar. „China ist in einer anderen Liga“, sagt der Chef de Mission Karl Quade. „Das ist unglaublich, was da abgeht: Für jeden, der es zu den Paralympics schafft, stehen zehn bereit und wollen auch hierhin.“

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