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Paralympic-Sportler Zanardi : „Es gibt nichts, was Gott hätte tun können“

„Ohne Doping“, mit einem Schräubchen: Tüftler Zanardi gewinnt das Paralympics-Rennen 2012 in London. Bild: dpa

Rennfahrer Alessandro Zanardi hat beide Beine verloren und fährt doch allen mit dem Handbike davon. Auf seinem Weg zum Sieger reicht dem gläubigen Italiener das „gute Gefühl“, eine Maschine zu sein. Am Wochenende nutzt er beim 24-Stunden-Rennen in Spa ein Rennauto.

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          „VROOAAW“. Für das Ausrufezeichen war kein Platz mehr auf Kotflügeln und Türen. Die Botschaft ist trotzdem eindeutig: Seht her, wer hier kommt. Sie schreit den Zuschauer an. Wie im Comic. Seht, wer in diesem Rennwagen sitzt, der ab halb fünf am Samstagnachmittag in den Ardennen über den Kurs von Spa-Francorchamps rast, in der Hoffnung, 24 Stunden durchzuhalten. Wer einen guten Blick auf die Motorhaube hat, sieht die drei Piloten, gezeichnet im Stil von Michel Vaillant, dem bekanntesten Automobil-Piloten der Comicgeschichte. Sieht in der Mitte Alessandro Zanardi: 41 Formel-1-Rennen, zweimal Meister der amerikanischen CART-Serie. Zweimaliger Goldmedaillen-Gewinner der paralympischen Spiele von London 2012 in den Handbike-Wettbewerben.

          Es ist der Mann, der es allen bewiesen hat. Der sich nicht hat unterkriegen lassen vom Schicksal. Der keine Beine mehr hat und dennoch alles erreichte. Der immer noch weitermacht. Der sich in Spa ein BMW-Cockpit mit Timo Glock und Bruno Spengler teilen wird. Zum ersten Mal in der Motorsport-Geschichte bestreiten ein Beinamputierter und zwei Fahrer auf je zwei Beinen gemeinsam ein 24-Stunden-Rennen.

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          Der Franzose Jean Graton hatte Michel Vaillant geschaffen, 1959 startete der Held in seinen ersten eigenen Band. „Le grand défi“, die große Herausforderung. Vaillant meisterte sie. Die Realität sieht anders aus. Das Risiko, in einem Autorennen zu sterben, ist seit der ersten Vaillant-Geschichte signifikant gesunken. Und doch: In dieser Woche trugen die Formel-1-Piloten Jules Bianchi in Nizza zu Grabe, Franzose, 25 Jahre alt geworden, gestorben an den Folgen seines Unfalls in Suzuka im vergangenen Oktober. Alessandro Zanardi hatte mehr Glück. Er ist der Rennfahrer, der überlebt hat.

          Mit beiden Prothesen im vollen Leben: Zanardi mit seinem Rennwagen
          Mit beiden Prothesen im vollen Leben: Zanardi mit seinem Rennwagen : Bild: dpa

          Vor 14 Jahren, am 15. September 2001, reißt eine Kollision im Champ Car-Rennen auf dem Lausitzring Zanardi die Beine weg. Er verblutet fast, aber er stirbt nicht. Wird operiert und verlässt das Krankenhaus sechs Wochen später mit einem Lächeln im Gesicht. Im August 2005 fährt er wieder Autorennen, beendet die Rennfahrerkarriere aber vier Jahre später, wird Handbiker. Zanardi gewinnt Gold im Einzelrennen und im Zeitfahren der Paralympics in London 2012 und entscheidet sich im Winter 2014, auch wieder Autorennen zu bestreiten. Im Herbst vergangenen Jahres startet Zanardi beim Ironman auf Hawaii, nach neun Stunden und 47 Minuten ist er im Ziel. Und jetzt, vrooaaw, mit 48 Jahren, das erste 24-Stunden-Rennen seiner Karriere in Spa-Francorchamps an diesem Wochenende. Am kommenden dann die Handbike-WM in Nottwil, Kanton Luzern, Schweiz, wo es wichtige Punkte für die Olympiaqualifikation gibt. Und 2016 wieder Paralympics, Rio de Janeiro. Er wird dann knapp 50 sein. Was soll das?

          Lieber Go-Kart als Moped

          „Nimm jeden Tag als Gelegenheit, dein Leben zu bereichern, hat mir mein Vater beigebracht“, sagt Zanardi Ende Juni in Verviers, in der Nähe von Spa. „Ich war zehn Jahre alt, als ich meinem Vater erzählt habe, dass ich Rennfahrer werden will. Da hat er gesagt: ,Verstehe ich. Aber ganz ehrlich, Sohn: Du bist davon nicht nur weit weg, sondern unglaublich weit weg. Also geh‘ in die Schule. Das hört sich jetzt ziemlich langweilig an. Aber trainiere dein Gehirn, lern‘ Mathe und Geschichte. Verbessere, was du verbessern kannst. Vielleicht kommt eines Tages eine Gelegenheit, die du nur nutzen kannst, wenn dein Gehirn darauf vorbereitet ist.‘ Er hatte Recht. Egal, ob dein Ziel eine Schulaufgabe ist oder der Versuch, einen Rundenrekord in einem wahnsinnig schnellen Auto zu brechen: Projekte können nur durch die eigenen Gedanken angegangen werden.“

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