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Oxford gegen Cambridge : Eine Lektion in Hingabe

Sein Leben und seine Begabungen sind seltsam und beeindruckend: der Duisburger Helge Grütjen. Bild: dpa

Helge Grütjen war Raucher und dick - nun ist der Physiker topfit und nimmt an diesem Sonntag (18.30 Uhr) am traditionsreichen Boat Race zwischen den Universitäten Oxford und Cambridge teil.

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          Wenn Helge Grütjen seine Willenskraft in Flaschen abfüllen könnte, würde er reich damit. Das hat der Reporter der „Cambridge News“ vor zwei Tagen behauptet. Tatsächlich hat der 26 Jahre alte Duisburger schier Unglaubliches geschafft: Vor vier Jahren kam er an die Universität Cambridge, um zu promovieren. Er wog 120 Kilo, rauchte, machte keinen Sport und schlief morgens lange. Heute ist er ein durchtrainierter Asket, 20 Kilo leichter, Frühaufsteher, herausragender Ergometerleister und wird am Sonntag beim 160. Boat Race auf der Themse für seine Uni gegen Oxford an den Start gehen (18.30 Uhr/Eurosport).

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Seine schiere Körpergröße - 2,04 Meter - und seine natürliche Kraftentwicklung kamen seiner enormen Entschlossenheit entgegen. Als Teenager hatte er Basketballprofi werden wollen, sich aber dann doch für eine akademische Karriere entschieden - wegen des geringeren Verletzungsrisikos. Gerudert hatte er nie. Im sportverrückten Cambridge allerdings blieb ihm nur die Wahl zwischen Rudern und Rugby. Nachdem er beschlossen hatte, ins Boot zu steigen, tat er es gleich richtig - mit der absoluten Elite als Ziel.

          „Die Idee schien absurd“

          Er trainierte mehrmals am Tag. „Wenn du ein Ziel hast, das wirklich, wirklich wichtig für dich ist“, sagte er, „dann ist es eine Frage der Prioritäten. Wenn du es wirklich willst, zahlst du auch den Preis.“ Sein Rezept: Man müsse einfach alles eliminieren, das einen davon abhalte, seine Ziele zu erreichen. „Die Idee schien absurd, dass es klappen könnte, aber ich habe es versucht mit allem, was ich hatte.“ Eine Lektion in Hingabe: Nur die Promotion durfte nicht unter dem Sport leiden.

          Vor der Willensanstrengung liegt die Vorstellungskraft - und die besitzt er ohne Frage. Grütjen hat angewandte Mathematik und theoretische Physik studiert, laut seiner Biographie auf der Homepage des Klubs betreibt er die „statistische Analyse der beobachteten Schwankungen in der Kosmischen Hintergrundstrahlung“ - möglicherweise eine Folge des Urknalls. Sein Büro in der Uni liegt gleich neben dem Arbeitsraum des genialen Physikers Stephen Hawking - sie begegnen sich fast täglich. „Ich weiß nicht, ob ich stark genug bin, das Leben in Parallelwelten auszuhalten“, sagte er schon mit 20, als er zum Treffen mit 26 Nobelpreisträgern nach Lindau eingeladen war. „Abkapseln will ich mich auf keinen Fall.“

          Sein Leben und seine Begabung sind seltsam genug. Nachdem er Basketball aufgegeben hatte, machte er an der Uni ein Praktikum in Theoretischer Chemie, gleichzeitig übersprang er die zehnte Klasse. Mit siebzehn, als Schüler der 12. Klasse, begann er neben der Schule das Physikstudium. Natürlich fabrizierte er nur Einsen und wurde als Fulbright-Stipendiat an die University of Chicago geschickt.

          Was für ein Spektakel: Die Universitäten von Cambridge und Oxford im vergangenen Jahr - und Oxford gewann.

          Im Cambridge-Achter sitzt Grütjen an Position fünf - im Maschinenraum, wo nach landläufiger Auffassung hauptsächlich Muskelkraft gefragt ist. „Auf den ersten Blick scheint Mathematik viel komplizierter als Rudern zu sein, aber das Knifflige am Rudern ist es, dass man die gleiche Bewegung dauernd wiederholt. Je häufiger man sie macht, desto mehr fühlt man, wie kompliziert sie sein kann.“ Aber klar: Am Ende ist auch für ihn Mathematik komplizierter.

          Schon im vergangenen Jahr nahm Grütjen an dem 6800 Meter langen Rennen zwischen Putney und Mortlake teil, allerdings im Reserveteam - das Rennen gegen Oxford ging knapp verloren. Helge Grütjen wusste danach, dass er mit diesem Ereignis noch nicht fertig war. Drei Tage später begann er wieder mit dem Training. Auch das Hauptrennen ging im vergangenen Jahr an Oxford - insgesamt führt Cambridge aber mit 81:77 Siegen (Unentschieden im Jahr 1877). „Entweder man gewinnt, oder man verliert“, sagt Grütjen. „Es gibt nichts dazwischen.“ Eine einfache Rechnung, fürwahr.

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