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Oxford gegen Cambridge : Das tote Rennen

Nach 162 Duellen steht es im traditionsreichen Ruder-Wettkampf mit Oxford nach dem Sieg am Sonntag 82:79 für Cambridge. Im Jahr 1877 gab es ein Patt – und eine Frage stellt sich bis heute.

          In Oxford kommen sie einfach nicht weg über die angebliche Ungerechtigkeit vom 24. März 1877. Und auch der Rest der Ruderwelt leidet darunter. Denn der Ausgang des Boat Race in jenem Jahr verunziert jede Statistik. In der offiziellen Statistik des traditionsreichen Ruder-Duells zwischen den Elite-Universitäten Oxford und Cambridge steht es nämlich 82:79 für Cambridge, obwohl bereits 162 Boat Races ausgetragen wurden. Die Ausgabe im Jahr 2016 entschied am Ostersonntag Cambridge mit dem Heidelberger Ali Abbasi nach zuletzt drei Niederlagen in Serie wieder für sich. Schon wegen dieser Rechen-Umstände muss praktisch jedes Jahr zur Boat-Race-Zeit zwangsläufig an dieses verflixte Rennen erinnert werden. Das Boat Race von 1877 ist also das wahrscheinlich am meisten erwähnte Ruderrennen der Welt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Lässt man es in einem Jahr in einem Bericht mal gelangweilt unter den Tisch fallen, gibt es sofort Ärger, denn dann fragen Statistiker und Leser mit tödlicher Sicherheit nach: Wieso 162 Rennen, wenn es doch seit Sonntag 82:79 steht, was nur 161 ergibt? Ganz einfach. Das Boat Race 1877 endete unentschieden. Ein totes Rennen also. Und doch quicklebendig. Denn wie gesagt: In Oxford kommen sie nicht darüber hinweg. Sie glauben, ihr Achter hätte damals zum Gewinner erklärt werden müssen. Dann stünde es jetzt 82:80. Aber so ist es eben nicht.

          Doch wie konnte so etwas Unwahrscheinliches passieren? Dass die beiden Studenten-Achter der rivalisierenden Universitäten nach einem schier unendlich langen Rennen über 6,8 Kilometer auf den tückischen Strömungen der von den Gezeiten regelmäßig umgerührten Themse exakt auf gleicher Höhe ins Ziel einlaufen? Die primitivste Erklärung wird von Ruder-Historikern wie etwa dem unangreifbaren Briten Christopher Dodd ins Reich der Legende verwiesen. Der damalige Zielrichter John Phelps, so die unausrottbare Falsch-Version, habe beim Zieleinlauf betrunken in seinem Boot gelegen, beschattet von Gebüsch, sei schließlich eingenickt und habe nichts mehr gesehen von den Heroen in den Achtern. Beim Zieleinlauf habe er nur kurz den Kopf gehoben und gelallt: „Totes Rennen - mit fünf Fuß Vorsprung für Oxford.“

          Der Heidelberger Ali Abbasi (stehend) gehört zum siegreichen Team aus Cambridge. Bilderstrecke

          In Wahrheit war Phelps ein angesehener Fährmann, der seinen Aufgaben mit Sorgfalt nachkam und nie und nimmer eine Unregelmäßigkeit zugelassen hätte. Er trug nicht umsonst den Beinamen „der Ehrenwerte“. Und an jenem Frühlingstag im Jahr 1877 handelte er sich sicher eine Menge Stress ein - aber er erfüllte seine unpopuläre Pflicht gewissenhaft. Sein Nachfahre Maurice Phelps, der 2012 ein Buch über die Historie seiner Ruder-Familie veröffentlicht hat, bezeichnete die Entscheidung gar als „nicht nur mutig, sondern nahezu stoisch“. John Phelps habe ein untadeliges Leben geführt, einen hervorragenden Ruf in den Ruderzirkeln der Themse gehabt, Kunst gesammelt und Tierquälerei verurteilt. Dazu habe er nicht geraucht und höchstens Bier getrunken, und das auch nicht am Morgen - das Rennen ging um 8 Uhr 50 zu Ende.

          Was also war passiert? Eigentlich schien das Rennen zu gelingen - bis drei Minuten vor Schluss, kurz nach Barnes Bridge. Um die Geschehnisse zu verstehen, muss man wissen, dass das Boat Race ganz anders abläuft als ein übliches Ruderrennen, nicht nur, weil es so lang ist, sondern weil die Themse kein stehendes Gewässer ist. Ihre Wellen sind unberechenbar und tückisch. Erstaunlicherweise kommt während des Boat Race die Strömung aus Richtung des Meeres: Die Themse fließt dann verkehrt herum, denn es herrscht Flut, die viel stärker ist als die Fließstärke durch das natürliche Gefälle. Die Strömung beträgt dann etwa sieben bis acht Kilometer pro Stunde.

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