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Bundestrainer Otto Becker : „Bin ich froh, dass ich die beiden wieder habe“

  • -Aktualisiert am

Trainer und Konfliktlöser: Otto Becker Bild: dpa

Bisher verlief das Jahr für deutsche Springreiter-Equipen trübselig. Nun holt das erstarkte Team Silber bei der EM in Rotterdam. Daran hat auch Otto Becker seinen Anteil – als Bundestrainer und Konfliktlöser.

          Otto Becker hat einen gewissen Überblick: Vor 30 Jahren startete er bei den Europameisterschaften in Rotterdam, es war sein erstes Championat als Springreiter. Gerade hatte er im Stall von Paul Schockemöhle angefangen und das Pferd, das er dort bekommen hatte, hieß Lucky Luke. Es war ein schwerer, altmodischer Typ mit großem Kopf. „Er war nicht der Schnellste“, erinnert sich Becker und lacht. Es lief auch nicht besonders gut. Die deutsche Mannschaft wurde Fünfte. Seitdem ist viel passiert. Becker ist mit sechzig Jahren nach Rotterdam zurückgekehrt, wieder zur EM, und dies ist nun schon sein zehntes Championat als Bundestrainer. Es lief besser als damals.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Am Freitagabend erkämpfte seine Mannschaft die Silbermedaille, und das nach einem bisher eher trübselig verlaufenen Jahr für deutsche Springreiter-Equipen. Sie gewannen keinen einzigen wichtigen Nationenpreis, für das Nationenpreis-Finale im Oktober in Barcelona sind sie nicht qualifiziert. Es war wie so oft: Pferde werden verkauft, verletzen sich, stagnieren oder müssen woanders Geld verdienen – Becker lebte gewissermaßen von der Hand in den Mund. Eine zähe Aufgabe hat er da, und hätte nicht mit Beckers unerschütterlicher Beteiligung die Deutsche Reiterliche Vereinigung im Frühjahr einen lange festgefahrenen Konflikt gelöst, wäre an eine Medaille nicht zu denken gewesen.

          „Bin ich froh“, sagte Becker am Freitagabend, „dass ich die beiden wieder habe.“ Damit waren Daniel Deußer und Christian Ahlmann gemeint, die beiden verlorenen Söhne, die sich bereits informiert hatten, auf welchem Wege sie künftig für Belgien würden reiten können, weil sie das Vertrauen in den deutschen Verband verloren hatten. Deußer ist Weltranglisten-Dritter und damit aktuell bester deutscher Springreiter. In Rotterdam blieb er mit seinem Hengst Tobago Z in zwei von drei Runden fehlerfrei und liegt vor dem Einzel-Finale an diesem Sonntag noch auf Schlagdistanz zu den Medaillen.

          Ahlmann ist in der Weltrangliste als Neunter zweitbester Deutscher. Auch er lieferte zwei Null-Runden mit dem erst zehnjährigen Clintrexo Z, der aufgrund seiner Unerfahrenheit nicht mehr im Einzel eingesetzt wird. Auch Weltmeisterin Simone Blum mit Alice und Marcus Ehning mit Comme il faut trugen ihren Teil zum Silber bei – Otto Becker war hochzufrieden. Obwohl: „Wir hatten natürlich auch nach oben geschielt.“ Gold gewann Belgien - auch ohne Mithilfe der beiden deutschen Asse. Nach dem Gewinn der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Rio sah man Deußer und Ahlmann beim zweiten Platz des diesjährigen CHIO in Aachen wieder gemeinsam im Roten Rock. Endlich hatten sie die Athletenvereinbarung mit dem Verband unterschrieben, nachdem die Funktionäre sich bewegt hatten.

          Beide signalisieren, dass das Vertrauen trotzdem nicht ganz wiederhergestellt sei. In schweren Zeiten hatten sie sich nicht nur im Stich gelassen gefühlt, sondern verfolgt von den deutschen Funktionären, Ahlmann in seinem Medikations-Fall 2008 bei Olympia. Deußer in einem Doping-Fall 2007. Becker musste vermitteln, zusammen mit einer Delegation Hausbesuche machen - und dann unterschrieben sie doch noch. Wie es nun weitergeht? Der Blick geht Richtung Olympia 2020 in Tokio. Becker wird seine Mannschaft weiter hegen und pflegen müssen in einem immer komplizierter werdenden Umfeld. Die Nationenpreise, wie sie auch bei Olympia ausgetragen werden, verlieren immer mehr an Bedeutung. Hochdotierte Konkurrenz-Veranstaltungen wie die Global Champions League graben den Traditions-Formaten das Wasser ab.

          Becker aber wird nicht müde, seine Teams zu optimieren, und die Stimmung in Rotterdam zeigt, dass seine Profis mit dem klassischen Teamgeist noch etwas anzufangen wissen. „Ich habe Glück gehabt“, sagt Becker. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere, die vom olympischen Mannschafts-Gold 2000 in Sydney gekrönt wird, übernahm er als gelernter Winzer nicht den heimischen Betrieb in Großostheim, sondern konnte im geliebten Sport bleiben. Im Grunde, sagt Becker, sei gar kein so großer Unterschied zwischen Pferdesport und Weinbau. „Man hat mit der Natur zu tun. Und es wächst und gedeiht etwas.“

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