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Oscar Pistorius : „Das war meine kurze Karriere als Stuntman“

  • Aktualisiert am

Oscar Pistorius: „Berlin wäre eine Riesensache für mich” Bild: picture-alliance/ dpa

Der 22 Jahre alte Südafrikaner kämpft weiter um sein großes Ziel: als erster amputierter Läufer bei Olympia antreten. Oscar Pistorius im Gespräch mit Christian Kamp über seinen schweren Bootsunfall und die Aussichten auf einen WM-Start in Berlin.

          Der 22 Jahre alte Südafrikaner Oscar Pistorius kämpft weiter um sein großes Ziel: als erster amputierter Läufer will er bei Olympia antreten. Auf dem Weg zu den Spielen in London 2012 soll die Weltmeisterschaft im Sommer in Berlin eine Zwischenstation sein. Im Januar allerdings verletzte sich der Gewinner von vier Paralympics-Goldmedaillen bei einem Bootsunglück in seiner Heimat schwer.

          Nach allem, was man liest, haben Sie einen echten Horrorunfall hinter sich. Wie konnte es dazu kommen?

          Das war meine kurze Karriere als Stuntman. Nein, im Ernst. Ich war mit einem Freund auf dem Vaal River südlich von Johannesburg unterwegs, und wir sind gegen ein Pier gekracht, ein Stück Beton unter Wasser, das nicht zu sehen war. Wir hatten Glück, dass wir nicht ganz so schnell waren, aber ich habe trotzdem ein paar üble Verletzungen davongetragen.

          Pistorius bei Startvorbereitungen: kein Vorteil gegenüber nichtbehinderten Läufern

          Was genau ist passiert?

          Mein Kopf ist gegen das Lenkrad geknallt. Ich habe mir die Nase gebrochen, das Jochbein auf der linken Seite, den Boden der Augenhöhle rechts, den Kiefer, so dass er verdrahtet werden musste, und zwei Rippen.

          Davon ist – zumindest auf Fotos – kaum etwas zu sehen. Wie geht es Ihnen jetzt?

          Sie haben es ganz gut hingekriegt. Am Anfang waren meine Nase, meine Wange und meine Oberlippe ziemlich taub, aber inzwischen ist das Gefühl weitgehend zurückgekehrt. Ich habe immer noch ein paar Stahlplatten in meinem Gesicht. Drinnen sieht es also ein bisschen anders aus. Aber außen ist fast alles wie davor – und es fühlt sich auch so an.

          Hätte der Unfall Sie auch das Leben kosten können?

          Ich glaube schon, wenn wir ein bisschen schneller gewesen wären. Das Boot kann Tempo 100 fahren, wir waren vielleicht mit 30 Kilometern pro Stunde unterwegs.

          Sie wollen in diesem Sommer die 400 Meter bei den Weltmeisterschaften in Berlin laufen. Wie sehr hat das Ihre Vorbereitung beeinträchtigt?

          Natürlich war es ein Rückschlag. Ich habe ungefähr sechs Wochen Trainingszeit verloren und die ganze südafrikanische Saison verpasst. Mein erster Wettkampf war der Paralympic World Cup Ende Mai in Manchester.

          Das war eher eine böse Überraschung. Dort sind Sie 50,28 Sekunden gelaufen, Ihre Bestzeit steht bei 46,25.

          Ich bin selbst auch erschrocken, wie schlecht die Zeit war. Aber ich bin eineinhalb Stunden vorher noch die 100 Meter gelaufen, und diese Zeit war wirklich gut. (11,03 Sekunden). Außerdem gab es in Manchester viel Trubel um meine Person, viel Interesse von den Medien. Ich war also schon ziemlich müde und bin dann auch eher relaxed gelaufen.

          Am vergangenen Wochenende in Barcelona (47,50) und am Donnerstag in Turin (47,20) lief es schon viel besser. Die Norm für Berlin liegt bei 45,95, ist das auch noch zu schaffen?

          Möglich ist es, aber es wird schon sehr schwer. Normalerweise tut mir Druck gut, wenn ich etwas aufzuholen habe. So wie letztes Jahr, als ich nur zwei Monate Zeit hatte, mich für Peking zu qualifizieren und am Ende knapp gescheitert bin. Vielleicht kann ich mich ja selbst überraschen.

          Sie haben die Olympianorm im vergangenen Jahr um eine halbe Sekunde verpasst. Davor hatten Sie sich vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne überhaupt erst das Recht auf eine Teilnahmechance erstreiten müssen, führende Funktionäre des Leichtathletik-Weltverbands (IAAF) waren dagegen. Hat sich die ganze Aufregung seit dem Urteil im Mai 2008 etwas gelegt?

          Ja, absolut, und ich bin sehr froh darüber. Die ganze Sache hatte ja auch etwas Gutes: Diejenigen, die vorher nicht so sicher waren, ob ich mit meinen beiden Prothesen einen Vorteil gegenüber nichtbehinderten Läufern habe, waren hinterher beruhigt. Aber während dieser Zeit musste ich mich eben auf die Tests und alles Mögliche drumherum konzentrieren. Jetzt habe ich viel mehr Zeit, mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich liebe.

          Gehören schnelle Boote und Motorräder immer noch dazu, oder sind Sie jetzt etwas vorsichtiger geworden?

          Seit dem Unfall habe ich keines meiner Motorräder mehr angeworfen, sie stehen aber noch in der Garage. Ich will diese Dinge nicht aufgeben, dafür hänge ich zu sehr an ihnen. Aber wenn mich der Unfall eine Sache gelehrt hat, dann die, dass ich mir überlegen muss, wann ich so etwas mache. Wenn ich kleinere Unfälle am Ende der Saison habe, ist es nicht so schlimm, am Anfang aber kann es mich – so wie jetzt – womöglich das ganze Jahr kosten.

          Wie sieht der Fahrplan bis zum Sommer aus?

          Im Juni laufe ich noch in Mailand, im Juli dann in Oslo beim Golden-League-Meeting, in Luzern, bei einem Behinderten-Wettkampf in Paris, vielleicht auch bei der Golden League in Rom.

          Was würde ein Start in Berlin Ihnen bedeuten?

          Es wäre eine Riesensache für mich.

          Auch, weil zwei Deutsche tragende Rollen im Verfahren gegen Sie spielten? Helmut Digel, Council-Mitglied in der IAAF, hat sich heftig dagegen gewehrt, dass Sie gegen Nichtbehinderte antreten dürfen, der Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule in Köln hat in seinem Gutachten die Vorteil-These des Weltverbandes gestützt.

          Nein, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Mir geht es auch nicht darum, irgendjemandem etwas zu beweisen oder heimzuzahlen. Die Motive, die sie hatten, sind ihre Sache. Wenn ich es zur WM schaffe, dann tue ich das nur für mich.

          Im vergangenen Jahr sind Sie schon einmal in Berlin gelaufen. Was für Erinnerungen haben Sie?

          Es war toll. Das Olympiastadion ist einer dieser besonderen Orte, die für einen Läufer einen großen Unterschied ausmachen können – wie Athen oder Peking, wo ich bei den Paralympics gelaufen bin. Man produziert einfach mehr Adrenalin. Und dann diese blaue Laufbahn . . .

          Sie mögen das? Hier war die Farbe, vorsichtig gesagt, sehr umstritten.

          Ich finde sie richtig cool. Wenn man eine Brille mit gelben Linsen trägt, gibt das einen tollen Kontrast zwischen der weißen Linie und der blauen Bahn. Es sollte mehr davon geben, das Laufen macht dann einfach mehr Spaß. Wenn ich jemals eine Bahn gestalten sollte, würde ich sie leuchtend grün machen.

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