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Dank Carlsen und Corona : „Schach lebt und wächst“

  • -Aktualisiert am

Zeit für eine Rasur: Weltmeister Magnus Carlsen ist um 70.000 Dollar reicher. Bild: chessable

Magnus Carlsen ist wieder der Boss und gewinnt sein Online-Turnier. Doch das vielbeachtete Event war nur der Anfang. Der Boom des Online-Schachs öffnet die Türen für Wettbetrug.

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          „Hatte zwei sehr vergnügte Wochen als Spieler, Kommentator und Zuschauer. Besonders happy, im Finale gegen @GMHikaru mein bestes Schach gespielt zu haben“, tweetete Magnus Carlsen, nachdem er das Finale seines Online-Einladungsturniers gegen Hikaru Nakamura für sich entschieden hatte.

          Bequem vom Homeoffice in einem Vorort von Oslo aus um 70.000 Dollar reicher geworden, legte der Weltmeister nach vier Stunden konzentriertem Schnellschach nicht etwa die Füße hoch. Er war in Spiellaune, im Flow, wie nicht nur Schachspieler sagen. Und das wollte er nutzen.

          Aus Magnus Carlsen wurde DrNykterstein. Auf dem LiChess-Server traf er Alireza Firouzja zum Bullet. Das sind Partien mit nur einer Minute Bedenkzeit. Da war er von dem iranischen Teenager zuletzt vorgeführt worden. Doch in dieser Nacht am Sonntag war Carlsen der Boss und gewann zehn Ein-Minuten-Partien am Stück.

          Online-Schach kann süchtig machen. Das gilt auch fürs Zuschauen. Mehr als hundert Stunden Programm hat der zu Carlsens Firmengruppe Play Magnus gehörende Server Chess24 produziert. Vor allem Männer zwischen 18 und 34 sahen zu. Mindestens zehn Millionen haben das bisher ehrgeizigste Online-Schach-Event auf verschiedenen Kanälen verfolgt, schätzt Chess24-Geschäftsführer Sebastian Kuhnert. Da seien diejenigen, die nur Nachrichten davon sahen, nicht mitgerechnet. „Es lief traumhaft, besser hätte ich es mir nicht vorstellen können. Schach lebt und wächst, und wir haben hier mit Magnus einen weiteren wichtigen Schritt für den Sport in einer für viele schwierigen Zeit gemacht.“

          Das abschließende Wochenende hat überzeugt. Während der fast zwei Wochen andauernden Vorrunden hatte es auch einige schwache Partien gegeben, und die vier Halbfinalisten standen vorzeitig fest. Die Halbfinals und das Finale ließen an Spannung und Klasse aber wenig zu wünschen übrig. Selbst dass Carlsen gegen Ding Liren einen von ihm vorausgesehenen Opferzug des Chinesen zuließ, weil ihm ein einfacher Schwenk der Dame entgangen war, half letztlich. Unter Gewinnzwang schlug er in der nächsten Partie großartig zurück.

          Gegenüber dem norwegischen Sender NRK 2 versprach Carlsen, dass bald weitere solche Turniere folgen werden. Dann soll nicht mehr Play Magnus finanzieren. Verhandlungen mit mehreren Sponsoren laufen. Ob darunter auch Wettfirmen sind, will Chess24 derzeit nicht kommentieren. Carlsen hat einen Vertrag mit dem Glücksspielkonzern Kindred Group, zu dem unter anderem Unibet gehört, das während des Magnus Carlsen Invitational einen „Fantasy Chess“ Tippwettbewerb sponserte. Weil es nahezu keine Sportwettbewerbe mehr gibt, bieten zahlreiche Buchmacher Quoten auf Online-Schach an, nachdem früher nur rund um die Weltmeisterschaft nennenswerte Umsätze gemacht wurden. Dabei ist die Gefahr von Partieabsprachen hoch, zumal wenn Profis, die nicht zur absoluten Weltklasse gehören, ins Spiel kommen. Und unter diesen haben viele, seit alle Ligen unterbrochen und Turniere abgesagt wurden, ihr Einkommen verloren. Prävention gegen Partieabsprachen zwecks Wettbetrug gibt es im Schach bisher praktisch nicht.

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          Für eine andere Art Betrug ist die Szene dagegen hoch sensibilisiert, nämlich die verbotene Zuhilfenahme von Computeranalysen. Chess.com gab vor einigen Tagen bekannt, dass bereits 300 Träger offizieller Großmeister- oder Meistertitel gesperrt wurden, weil sie beim Betrug erwischt wurden. Die Zahl der gesperrten Amateure geht in die Zehntausende. Beim Sunway-Sitges-Online-Turnier mit nur 6000 Euro Preisgeld wurden dreißig der 400 Teilnehmer ausgeschlossen, weil ihre Züge mit einer Wahrscheinlich von mindestens 99,5 Prozent vom Computer stammen. Auf Schachservern tummeln sich automatisierte Bots, die zur Tarnung so programmiert sind, dass sie auch schwächere Züge einstreuen.

          Zur Bekämpfung von Computerbetrug im Online-Schach hat nun der Weltschachbund (Fide) bekanntgegeben, dass er mit allen Schachplattformen und Spezialisten für IT-Sicherheit und Cybercrime zusammenarbeitet. Hunderte Schnellturniere und eine digitale Schacholympiade im Juli sind geplant. Bis dahin will die Fide höhere Standards etablieren. Bei einem Teamwettbewerb mit den vier stärksten Schachnationen Russland, China, den Vereinigten Staaten und Indien sowie einer europäischen und einer Weltauswahl, der an diesem Dienstag beginnt, setzt die Fide noch darauf, dass die ausschließlich beteiligten Spieler und Spielerinnen der Weltklasse ihren guten Ruf nicht aufs Spiel setzen. Und dass die Buchmacher das Nationenturnier bisher weitgehend ignorieren.

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