https://www.faz.net/-gtl-10f41

Olympiasieger Matthias Steiner : „Das hat Ballack-Dimensionen erreicht, ungelogen“

  • Aktualisiert am

Das Bild, das um die Welt ging: Steiner mit Goldmedaille und dem Bild seiner verunglückten Frau Bild: AP

Tausend Ketten rissen auf in einem Moment: Gold-Heber Matthias Steiner lässt zum Ausklang des Club-Urlaubs für die olympischen Medaillengewinner in Agadir noch einmal die unvergesslichen Bilder von Peking Revue passieren - im F.A.Z.-Interview.

          5 Min.

          Die Stiftung Deutsche Sporthilfe präsentierte beim Club-Urlaub verdienter Athleten in Agadir olympische Momente im Film. Es ging ein Raunen durch das Theater, als Matthias Steiners Gesicht in Großaufnahme auf dem Weg zur Hantel gezeigt wurde. So entschlossen und aggressiv wirkte der Gewichtheber. Sein Gold war einer der bewegendsten Momente der Spiele. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er mit dem Abstand einiger Wochen über Perfektion, Trubel in der Tankstelle und eine neue feste Beziehung nach dem Tod seiner Frau.

          Was ging Ihnen damals in Peking beim Weg zur Hantel durch den Kopf?

          Entschlossen ist der richtige Begriff. Ich wollte das Ding gewinnen. Das war mein einziger Gedanke. Ich habe nichts mehr gehört und nichts mehr gesehen. Ich weiß vom ganzen Versuch gar nichts mehr.

          Ein Mann, eine Medaille: Matthias Steiner verwirklichte seinen Traum

          Aber Sie bekommen die Erinnerung nachgereicht. Wie oft haben Sie Ihren Stoß zu Gold schon im Fernsehen gesehen?

          Über 50-mal bestimmt. Ich sehe mir aber nicht das Drumherum an, ich analysiere den Versuch selbst. Da waren kleine Fehler drin, und das ist gut so. Ich hätte ein Problem in der Zukunft, wenn schon alles perfekt gewesen wäre.

          Was haben Sie denn falsch gemacht beim Gold-Stoß?

          Mit bloßem Auge hat man schon gesehen, dass ich in der Hocke sitzen geblieben bin. Das kostet unnötig Kraft, zum Glück hatte ich genug Überschuss. Der Ausstoß war nicht schlecht, geht aber auch noch besser. Viel genauer kann man das noch am Computer analysieren, da sieht man anhand der Messwerte und Hantelkurve, wie weit man vom Optimum ist.

          Sie waren also schon näher an der Perfektion als beim Gold-Versuch?

          Ja, bei der Europameisterschaft, da war überhaupt kein Fehler drin, da hab ich das Leitbild für alle anderen Athleten abgegeben.

          Was empfinden Sie, wenn Sie die Bilder von Ihrem Olympiasieg sehen? Sind die Emotionen noch frisch?

          Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich sehe, wie das Publikum auf die Bilder reagiert. Mir wird klar, das ist ein unfassbarer Moment, der geht nimmer weg, von dem profitierst du ewig.

          Denken Sie jeden Tag an den Olympiasieg, begleitet er Sie im täglichen Leben?

          Ja, ich denke, du hast etwas gepackt, was die wenigsten Menschen packen, und diesen Gedanken lege ich aufs Leben um. Was du anpackst, kriegst du auch im Leben hin.

          Welcher Moment Ihres Triumphes ist Ihnen am meisten präsent?

          Ich weiß nicht mehr, wie ich an die Hantel gegangen bin, ich weiß nicht mehr, wie ich da rumgesprang. Ich habe nur einen Moment präsent: Wie ich die Hantel über mir habe, und ich weiß, es ist durch, dir kann niemand mehr Gold nehmen. Ein unfassbarer Moment.

          Versuchen Sie ihn in Worte zu kleiden.

          Es war als wären tausend Ketten um mich gespannt und in diesem Moment reißen alle auf.

          Werden Sie jetzt auf der Straße erkannt?

          Absolut, egal, wo ich bin, das hat Ballack-Dimensionen erreicht, ungelogen. In Fußgängerzonen geht es noch, aber in jedem Geschäft gibt es Trubel, an jeder Tankstelle, sogar in der tiefsten Pampa.

          Sind Sie genervt?

          Nein, ich genieße es, und ich denke nicht, dass das Gefühl kippen wird.

          Ihnen ist im Sporthilfe-Club der Champions von den anderen Athleten viel Sympathie entgegen geschlagen – im normalen Leben auch oder ist es mehr Neugier?

          Wohin ich komme, spüre ich Sympathie. Ich hatte ja auch das Glück, dass alle günstigen Faktoren bei meinem Olympiasieg zusammenkamen.

          Welche meinen Sie?

          Zunächst habe ich den Olympiasieg in den letzten Wochen vor Peking angekündigt, also Erwartungen geweckt. Dann erfüllte ich im letzten Versuch mit Bestleistung die Erwartungen. Es hat mich auch begünstigt, dass Fabian Hambüchen nicht auch Gold gewonnen hat, der im selben Moment geturnt hat. Es tut mir unheimlich Leid für ihn, aber die Aufmerksamkeit konzentrierte sich so auf mich. Dann hatte ich das Glück, dass die Leute meine Art zu jubeln mochten. Ich habe auf Internetplattformen und Blogs immer wieder Kommentare gelesen, in denen stand: Endlich einer, der nicht so cool und abgebrüht tut, geil, wie er sich freute, auf so einen haben wir gewartet, ungekünstelt. Dann kam die Siegerehrung, als ich das Foto meiner gestorbenen Frau hochhielt. Ich tat das für mich, nicht für die Öffentlichkeit. Aber es tat den Leuten gut zu sehen, dass im Leben immer weitergeht, dass es neue Lichtblicke gibt. Dann, dass ich die Hymne mitsingen konnte, obwohl ich aus Österreich komme. Ich habe den Text im Trainingslager auswendig gelernt, weil ich dachte, vielleicht kannst du das irgendwann gebrauchen. Aber ich tat es auch, weil ich mich sauwohl in Deutschland fühle.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Chef der Brexit-Partei, Nigel Farage, ruft dazu auf, Johnsons Abkommen abzulehnen.

          Nigel Farage : „Das ist einfach kein Brexit“

          +++ Jean-Claude Juncker empfiehlt Deal zur Annahme +++ Chef der Brexit-Partei und DUP lehnen Deal ab +++ EU-Gipfel beginnt um 15 Uhr +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.