https://www.faz.net/-gtl-8gvda

Olympia-Qualifikation : „Ich muss den anderen Deutschen schlagen“

  • -Aktualisiert am

Weitspringerin Xenia Stolz: Olympia-Norm springen und die anderen Deutschen bezwingen. Bild: Picture-Alliance

Olympische Spiele sind die globalen Sportwettbewerbe schlechthin, doch auf lokaler Ebene wird gefördert und gefordert. Hessen kämpfen gegen Saarländer oder Berliner.

          „Ich muss den anderen Deutschen schlagen“, sagt Christian Reichert über die größte Klippe auf seinem Weg nach Rio. Reichert ist Freiwasserschwimmer. Seine Aussichten, die Olympischen Spiele zu erreichen, sind ziemlich gut. Eigentlich. Der dafür nötige Top-Ten-Platz beim Qualifikations-Wettkampf über 10 Kilometer Mitte Juni vor Setubal (Portugal) im Atlantischen Ozean ist für ihn machbar, schließlich gehört Christian Reichert zu den weltbesten Freiwasser-Schwimmern.

          Zweimal wurde der 31-Jährige, der für den Schwimm-Club Wiesbaden startet, schon Team-Weltmeister, im vergangenen Jahr gewann er die Weltcup-Gesamtwertung. Doch es gibt eine schwer zu kalkulierende Größe für Reichert: „Ich muss den anderen Deutschen schlagen.“ Der andere Deutsche, das ist der Saarländer Andreas Waschburger, 29 Jahre alt und ebenfalls ein Meister des Freiwasser-Schwimmens. Problem für beide: Pro Nation darf nur ein Athlet in ihrer Disziplin in Rio antreten.

          Als Reichert die für ihn gültigen Qualifikations-Kriterien schildert, verschluckt sich Alexander Wieczerzak beinahe an seinem Wasser, reißt die Augen auf und ruft mehr, als dass er es sagt: „Das ist ja wie bei mir.“ Auch der 25 Jahre alte Kämpfer vom Judo-Club Wiesbaden wäre aufgrund seines Leistungsvermögens längst für Rio qualifiziert. Eigentlich. Er ist einer der besten zwanzig seines Fachs weltweit. Doch es gibt eine Länder-Quote und einen nationalen Konkurrenten, der ihm das Ticket streitig machen könnte - Sven Maresch aus Berlin.

          Judoka Alexander Wieczerzak: der stärkste Gegner kommt aus den eigenen Reihen.

          Wieczerzak gehört wie Reichert zu den spitzensportlichen Ehrengästen, die der Verein für Wiesbadener Sportförderung (Wispo) vergangene Woche ins Hotel „Oranien“ eingeladen hatte. Olympia ist zwar der globale Sportwettbewerb schlechthin, doch zugleich auch Hochzeit des Föderalismus. Das Credo vom „Dabeisein“ als Wert an sich färbt ab auf die Stadtgesellschaft, die sich darüber freut, wenn es einer der Ihren tatsächlich in den Olymp schafft: „Die Wiesbadener Farben werden in Rio vertreten sein“, sagt Ute Buss, die Wispo-Vorsitzende.

          Ihr Satz klingt wie eine Mischung aus Wunschgedanke und Auftrag. Der olympische Gedanke beflügelt die Phantasie. Es werden Reden gehalten, Schecks überreicht und Daumen gedrückt für die beiden Sportstars der Stadt, die freilich kaum ein Passant in der benachbarten Fußgängerzone erkennen würde, da sie beide Meister in medialen Randsportarten sind. Dennoch lasten die Erwartungen der Landeshauptstadt auf ihren Schultern, doch nicht nur: Neben Reichert und Wieczerzak verfolgen auch Rückenschwimmerin Jenny Mensing (SC Wiesbaden), Weitspringerin Xenia Stolz (Wiesbadener LV) und Handbiker Mariusz Frankowski (TV Waldstraße) realistische olympische oder paralympische Ziele. Alle drei sind an diesem Abend aber nicht anwesend - sie müssen trainieren.

          Freiwasserschwimmer Christian Reichert: Weltklasse, aber auch Nummer 1 in Deutschland?

          Denn in erster Linie ist es harte Arbeit, sich seinen olympischen Traum zu erfüllen. Christian Reichert schuftet jeden Tag vier bis fünf Stunden. Zwei lange Einheiten im Wasser, dazu Stabilitäts- und Kraftübungen an Land. Reichert ist ein Kerl wie ein Baum, dazu die Ausgeglichenheit in Person. Die vielen Stunden im Wasser haben seinen Oberkörper geformt, die vielen Stunden des Alleinseins in seinem Element haben ihn mental geprägt.

          Traum von Olympia im Kinderzimmer

          Der gebürtige Würzburger war 2005 nach Wiesbaden gekommen, um bei der Sportfördergruppe der Polizei anzuheuern. Seine Polizeiausbildung hat er 2010 erfolgreich abgeschlossen, seitdem ist der Oberkommissar vom Dienst freigestellt. Reicherts hoheitlicher Auftrag besteht darin, zu schwimmen. Die Förderung durch die Wispo, die im vergangenen Jahr insgesamt 55.000 Euro an zehn Einzelsportler und ein gutes Dutzend Wiesbadener Vereine ausschüttete, stellt für ihn einen wichtigen Baustein in seinem Etat dar, auch wenn es keine Reichtümer sind, die verteilt werden: „Wir sind ja alle keine Fußballer“, sagt Reichert. Abwechselnd trainiert er in Wiesbaden und Würzburg bei Bundestrainer Stefan Lurz. Dann wohnt er mit Anfang 30 wieder bei seinen Eltern und übernachtet im Kinderzimmer, während er in Wiesbaden gemeinsam mit Ehefrau Nadine selbst schon ein Kind hat. Für den olympischen Traum muss man sich eben einschränken.

          Leichtathletin Xenia Stolz: Drei aus sechs ist die deutsche Weitsprung-Formel.

          Auch Xenia Stolz hat die duale Karriere bei der Sportfördergruppe der Hessischen Polizei eingeschlagen und ist deshalb nach Wiesbaden gezogen. Die blonde Kommissarin grüßt an diesem Abend per Videobotschaft vom Trainingslager aus dem sonnigen Belek. Die 27-Jährige hat Glück, denn in der Leichtathletik dürfen bis zu drei Sportlerinnen jedes Landes pro Disziplin starten - sofern sie die Norm schaffen. Doch die fröhliche Weitspringerin hat auch Pech, denn nach dem jüngsten Weitsprung-Boom hat ein halbes Dutzend deutsche Springerinnen die Qualität, den Sprung nach Olympia zu schaffen. Auch bei ihr gilt deshalb als erste Option der Slogan: „Ich muss die Deutschen schlagen.“

          Weitere Themen

          Stäbler muss in die Hoffungsrunde

          Ringen : Stäbler muss in die Hoffungsrunde

          Das vierte Gold in der vierten Gewichtsklasse sollte es werden, doch Frank Stäbler muss seine Sieg-Hoffnungen früh aufgeben. Immerhin macht die Hoffnungsrunde Mut. Besser läuft es für Denis Kudla.

          Topmeldungen

          Supercomputer Summit von IBM

          KI statt Simulation : Den Superrechnern geht die Luft aus

          Die Leistung von Supercomputern wächst kaum noch. Der Grund ist die fatale Fokussierung auf Künstliche Intelligenz. Numerische Verfahren gelten als „unsexy“.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir können Barcelona wehtun“

          Für das Champions-League-Duell mit dem FC Barcelona hat sich der BVB einiges vorgenommen. Die Borussia hofft dabei auf ein Fußball-Fest mit Happy End. Doch etwas dürfte die Dortmunder Vorfreude gehörig trüben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.