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Olympia-Countdown : Vorfreude als Schwerstarbeit

  • -Aktualisiert am

Eine Sportlerin in schwieriger Mission: Britta Heidemann Bild: picture-alliance/ dpa

Britta Heidemann hat in Peking eine dreifache Mission: Sie will sich selbst vermarkten, ihre Sportart Fechten bekannter machen und ein positiv-differenziertes China-Bild vermitteln - ohne dabei als blond, blauäugig und unkritisch zu erscheinen.

          Der Dauerregen war angekündigt, schon eine Woche zuvor hatten es die Wetterseiten im Internet vorhergesagt. Doch als es am Stichtag tatsächlich regnete, da drängte die Frage: „Können die Chinesen wirklich Regen machen?“ Am Vorabend lag noch der übliche ockerfarbene Dunst über der stickigen Stadt. Jetzt wirkte die frisch gewaschene Luft als Wohltat für die Atemwege der Marathonläufer, die die Olympia-Strecke testen mussten. Allerdings bei empfindlichen 12 Grad, da muss das Organisationskomitee Bococ im August wohl noch ein bisschen feiner den Regler justieren.

          „Sorry for the rain“, hauchten dagegen die Hostessen am Eingang der Fechthalle, als hätten sie es zu verantworten. Diensteifrig überreichten sie Regenschirme an Weltmeisterin Britta Heidemann und ihre Begleiter. Die Degenfechterin hatte am Vortag mit ihren Kolleginnen Imke Duplitzer, Monika Sozanska und Marja Markovic Bronze bei der Team-WM gewonnen. Nun testet sie, wie viele Medien- und PR-Termine sie sich rund um die Spiele zumuten kann.

          Eine Sportlerin in schwieriger Mission

          Die 25-Jährige Kölnerin studiert Chinesisch, spricht Chinesisch und ist als China-Expertin zur Zeit stark nachgefragt. Geduldig stapft sie für ein Kamerateam auf dem Boulevard der olympischen Träume zwischen „Watercube“ und „Birds Nest“ durch den Regen, steht Rede und Antwort über Menschenrechte in China, ihre mögliche Teilnahme an der Eröffnungsfeier und lang gehegte Medaillenträume.

          Fechterin mit Sinn für Außendarstellung: Britta Heidemann

          Britta Heidemann hat eine dreifache Mission: sie will sich selbst vermarkten, ihre Randsportart bekannter machen und zugleich ein positiv-differenziertes China-Bild vermitteln, ohne dabei als blond, blauäugig und unkritisch zu erscheinen. Sie ist vermutlich die einzige Olympia-Athletin, die chinesisches Recht studiert hat. Deshalb weiß sie, „dass China kein traditioneller Rechtsstaat“ ist. Gleichwohl schätzt sie Kultur und Freundlichkeit der Menschen. Sie zeigt den Journalisten „ihr“ China, ficht in chinesischen Kostümen, macht Tai Chi im Park und besucht den Rektor der Schule, in der sie vor zehn Jahren als Austauschschülerin anfing, Chinesisch zu lernen.

          Gute Fechterin, böse Fechterin

          Ihre Teamkollegin Imke Duplitzer hat frühzeitig ihren privaten Boykott der Eröffnungsfeier aus Prinzip bekannt gegeben: „Es geht ums System“. Heidemann wird „wohl auch nicht hingehen“ - allerdings um sich ablenkungsfrei auf ihren Wettkampf vorbereiten zu können. Ihr ist wichtig, dass die Chinesen, die sich auf Olympia und vor allem die Eröffnungsfeier freuen, das Gesicht wahren können.

          Gute Fechterin, böse Fechterin. Diese Schwarz-Weiß-Einteilung lässt Manfred Kaspar nicht gelten. Der Bundestrainer kennt seine Schützlinge und weiß zu schätzen, dass beide kritische Sportlerinnen sind, die „über den Tellerrand hinausgucken können: Sie sind näher beieinander, als mancher denkt.“

          Aufschwung Ost: die übermotorisierte Stadt

          Erstmals in der olympischen Geschichte sind alle Sportstätten lange vor den Spielen fertig. „Birds Nest“, „Watercube“ und selbst die Fechthalle sind großartige Bauwerke. Die Besucher stehen davor und würden die Tempel des Körperkultes gerne vorurteilsfrei bewundern, denken aber unwillkürlich an geknechtete Wanderarbeiter, die sie errichten mussten.

          In der Stadt läuft die Automesse. Peking ist schon jetzt übermotorisiert, der Straßenverkehr ein einziger Stau: Aufbau Ost. Die Tibet-Frage spielt bei den Ausstellern keine Rolle, höchstens, ob man Allrad-Antrieb braucht, um hinzufahren und wie hoch man wohl kommt? Deutsche Geschäftsleute in der Stadt erzählen oft über ihre Erlebnisse mit chinesischen Behörden, nur nicht vor der Kamera, zitiert will sich auch niemand sehen. Man ahnt, dass man abgehört wird, es könnte Probleme geben.

          Die Erinnerungsindustrie boomt schon jetzt

          An jeder Ecke des Olympiazentrums steht ein freiwilliger Helfer und erklärt ungefragt in kieksigem Englisch den Weg: „This way, Sir.“ Leider ist das Sprach-Repertoire damit erschöpft. Nachfragen sind zwar erlaubt, doch folgenlos. Etliche Polizisten patrouillieren über das Gelände, stets zu zweit, mit unbewegten Mienen. Man darf sie fotografieren, immerhin. In der Hektik der Termine hat Britta Heidemann ihre Tasche vergessen. Mit Geld, Flugticket und Papieren. Sie rennt zurück in die Fechthalle, die Tasche ist noch an ihrem Platz. In Peking kommt nichts weg, zumindest keine Handtaschen.

          Die menschenunwürdigen Unterkünfte für Wanderarbeiter, die noch im Vorjahr zu sehen war, findet man dagegen nicht mehr. Die Stadt ist „gesäubert“, was immer das im Einzelfall zu bedeuten hat. Hochbetrieb herrscht in der hochglänzenden Einkaufsmeile „Wang Fu Jing“. Der Konsumbetrieb ist auch sonntags geöffnet, Chinas aufstrebende Mittelschicht hat Nachholbedarf. Auch die Vermarktung der olympischen Erinnerungen mit Souvenirs läuft schon auf Hochtouren - einhundert Tage vor den Spielen.

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