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Olympia-Attentat 1972 : Eine Leichtigkeit, die nur zehn Tage lebte

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Am 5. September 1972 überfiel die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ bei den Olympischen Spielen in München die israelische Mannschaft. 17 Menschen verloren ihr Leben. Ulrich Kaiser erinnert sich an Tage, die die Welt veränderten.

          Irgendwann hatten sie im Organisationskomitee in der Münchner Saarstraße den Slogan von den „heiteren Spielen“ erfunden, die da stattfinden sollten. „Heiter“ sollte heißen: leicht und luftig - nicht Wagner, sondern mehr Mozart - keine schweren Nationalfarben, sondern lichtes Grün-Gelb-Blau. „Ein neues Bild der Deutschen“, hatte der Präsident gesagt - er meinte wohl, ein anderes als das 36 Jahre zuvor.

          Der Reporter erinnert sich an seine Skepsis, weil geplante Heiterkeit sicherlich keine einfache Sache ist, und weil man sich hierzulande ein bisschen schwer tut mit der Leichtigkeit. Aber dann war es tatsächlich so, dass „München leuchtete“. Vielleicht lag es an dem fortwährend weißblauen Himmel, vielleicht an der verjazzten Folklore des Kurt Edelhagen bei der Eröffnung, vielleicht an den hellen Farben des Grafikers Otl Aicher - vielleicht sogar daran, dass eine lokale Zeitung nach ein paar Tagen in schöner Selbstironie die Schlagzeile fand: „Die anderen gewinnen - wir bleiben heiter!“

          Es hat zuvor und danach bis auf die Fußball-WM 2006 wenig dergleichen gegeben - und es waren tausend Details, die dazu beitrugen.

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          Der Himmel so weißblau

          Der Präsident damals hieß Willi Daume. Niemand sonst hätte sich getraut, solche anspruchsvollen Visionen zu artikulieren und sie auch noch in die Tat umzusetzen - Visionen, die aus einer Niederlage wuchsen. Diese Niederlage geschah im Oktober 1965, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) entschied, die Sportler der DDR künftig mit einer eigenen Mannschaft starten zu lassen. Die Bedeutung dieser Entscheidung ist heute, da es den Eisernen Vorhang nicht mehr gibt, nur schwer nachzuvollziehen.

          Eineinhalb Jahrzehnte lang hatte es fortwährend böse Diskussionen, Verhandlungen, Streit, Qualifikationen um die gesamtdeutschen Olympiamannschaften gegeben - nicht nur mit den politisch Andersdenkenden, sondern auch in der Bundesrepublik, wo Politiker durchaus nicht einsehen mochten, dass als Hymne für den Sieger das „Freude schöner Götterfunken“ gespielt und die Fahne mit den fünf Ringen gehisst wurde. Es war selbstverständlich nur eine Geste der Gemeinsamkeit gewesen, aber damals waren selbst Gesten erstrebenswert. Daume hatte also verloren. Später hat er einmal die möglichen Alternativen erwähnt: Entweder den ganzen Krempel hinschmeißen - oder die Bewerbung um die Spiele.

          „Sauber“

          Es heißt, Daume sei drei Wochen später zu Münchens Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel ins Rathaus gegangen, und als der ihn fragte, was er denn Schönes mitbringe, habe Daume gesagt, es handele sich um die Olympischen Spiele 1972. Vogel soll gesagt haben: „Sauber!“ Wobei man darauf hinweisen sollte, dass dieses „sauber“ im hochbajuwarischen Sprachgebrauch vieles auszudrücken vermag: sicherlich Überraschung, ein bisschen Anerkennung, viel Sarkasmus.

          Ende November wurde die Öffentlichkeit von dem Vorhaben unterrichtet, kurz vor Weihnachten traf der Stadtrat eine einstimmige Entscheidung, am 30. Dezember 1965 wurde die offizielle Bewerbung bei der IOC-Kanzlei in Lausanne abgeliefert, und am 26. April 1966 vergaben die Olympier bei ihrer Session in Rom die Spiele '72 nach München. Mit 31:30 Stimmen. Es waren auf den Tag noch sechs Jahre und vier Monate Zeit bis zur Eröffnungsfeier.

          Spiele der kurzen Wege

          Natürlich haben sie Glück gehabt: Es gab den ehemaligen Flugplatz auf dem Oberwiesenfeld direkt neben dem gewaltigen Hügel, unter dem der Schutt einer ganzen Stadt lag. Hier sollte ohnehin ein Freizeitgelände entstehen. Es gab nur einen guten Steinwurf weiter ein Gelände für das Olympische Dorf, wo sowieso ein neues Wohngebiet entstehen sollte. Der Slogan von den „Spielen der kurzen Wege“ wurde geboren.

          Ganz besonders wichtig war die politische Konstellation der Bundesrepublik in jenen Jahren: Während der Bewerbung regierte in Bonn eine CDU/FDP-Koalition, während der Planungszeit gab es die Große SPD/CDU-Koalition, und während der Realisierung stand die SPD/FDP-Koalition in der Verantwortung. Manchmal sind es solche Dinge, die gemeinsame Interessen erzwingen und eine Opposition ausschalten. Für diese Spiele war das keine Nebensächlichkeit.

          Strumpfhosen der Frau Gemahlin

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