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Erfolgreiche deutsche Reiter : Auf nach Tokio, Baby!

  • -Aktualisiert am

Freut sich über die Medaillen: Ingrid Klimke bei der EM in Luhmühlen Bild: dpa

Reiten könnte bei den Olympischen Spielen 2020 zu den erfolgreichsten deutschen Sportarten zählen. Nicht nur die Vielseitigkeitsreiter bestanden schon jetzt bei ihrer EM eine besondere Belastungsprobe.

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          Anscheinend hat Ingrid Klimke ihrem Bobby schon vor drei Jahren in Rio versprochen, dass es das noch nicht war mit Olympia. „Ich habe ihm gesagt, in vier Jahren bist du 16, dann bist du auch noch dabei.“ Ob sich der Wallach Hale Bob wirklich gefreut hat, als er das damals in Brasilien erfuhr, kann schwer überprüft werden. Was sicher ist: Der Braune ist auch drei Jahre nach dem damaligen Gewinn der Mannschafts-Silbermedaille topfit, und seine Reiterin ebenfalls, obwohl auch sie bereits im Alter ein Stück fortgeschritten ist.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Aber sie hat erst mit 50 angefangen, Einzeltitel zu gewinnen mit der Europameisterschaft 2017 in Strzegom, und diesen Titel am vergangenen Wochenende in Luhmühlen erfolgreich verteidigt – wieso sollte es nicht noch ein Weilchen so weitergehen? Die schwüle Hitze in der Westergellerser Heide jedenfalls, die am Tag des Geländeritts den Menschen schon beim Zuschauen den Schweiß auf die Stirn trieb, hat weder Reiterin noch Pferd etwas anhaben können. „Ich liebe die Hitze“, sagte Ingrid Klimke schon einmal vorsorglich. „Ich hasse den Winter, dies ist also der perfekte Sport für mich.“ Allerdings sind die von vielen als dramatisch empfundenen deutschen Sommerverhältnisse noch komfortabel gegen das, was die Sportler im nächsten Jahr in Tokio erwarten wird.

          Klimke, Jung und Auffahrt zu Olympia?

          Michael Jung, der Zweitplazierte von Luhmühlen, hat es schon am eigenen Leib ausprobiert. Mit einem jungen Pferd gewann er Mitte August den olympischen Testwettbewerb der Vielseitigkeitsreiter. Und mit seinem potentiellen Olympia-Pferd, dem Wallach Chipmunk, den er erst seit Februar im Stall hat, beendete er den Härtetest am Samstag genau so frisch und unbeschadet wie Ingrid Klimke. Den Titel kostete ihn ein Abwurf im Spezialspringen am Sonntag. In Tokio will Jung noch besser sein: „Wir werden noch ein Jahr lang an den vielen kleinen Details arbeiten“, kündigte er an. „Bei jedem Turnier bekomme ich zusätzliche Informationen, die mir weiterhelfen.“

          Der große Vorsprung, mit dem die Deutschen auch den Mannschafts-Europameistertitel gewannen, lässt sie auf einen geradezu glanzvollen Olympia-Auftritt hoffen. „Super, dass wir im Jahr vor Tokio mit einer solchen Leistung auf uns aufmerksam machen“, sagte Klimke. Und Bundestrainer Hans Melzer verkündete strahlend: „Ich freue mich auf nächstes Jahr.“ Die dritte Position im Team könnte die ehemalige Weltmeisterin Sandra Auffarth für sich erobern. Obwohl sie sich mit ihrem erst zehnjährigen Viamant du Matz noch in der Entwicklungsphase befindet, wurde sie bei der EM als Einzelreiterin Elfte.

          Starke Nationen fehlten

          Doppel-Gold plus Silber – da befand sich Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und damit oberster deutscher Medaillenzähler, in Luhmühlen am Wochenende am richtigen Ort. „Er sagte, er wünscht sich das auch nächstes Jahr“, berichtete Ingrid Klimke. Wobei bei einer EM naturgemäß starke Nationen wie die Vereinigten Staaten, Australien oder Neuseeland fehlten. Doch der finale Tusch der deutschen Reiter-Festwochen hat dem Präsidenten sicher Appetit gemacht. Natürlich weiß man bei Pferden nie. Aber Stand heute könnte Reiten in Tokio zu den erfolgreichsten deutschen Sportarten zählen. Schon eine Woche vor Luhmühlen, bei den Europameisterschaften in Dressur und Springen in Rotterdam, wurde mächtig abgeräumt. Die Funktionäre der Deutschen Reiterlichen Vereinigung jedenfalls strahlten von Tag zu Tag ein bisschen mehr verhaltene Vorfreude aus.

          In Abwesenheit der traditionell starken Amerikaner gingen Mannschafts-Gold und alle Einzelmedaillen in der Dressur an deutsche Reiterinnen – der Olympiasieg dieser Equipe, die unschlagbar sein dürfte, wenn keine schwereren Pannen eintreten, ist eingeplant. Und auch das Mannschafts-Silber der Springreiter ist in der unvorhersehbarsten aller olympischen Pferdesport-Disziplinen ein positives Zeichen. Auch an der niederländischen Küste mussten Pferde und Reiter einen veritablen Hitze-Test bestehen. Die nervösen Dressurpferde wagten sich ohne Zögern in den lärmigen Backofen, in den sich das Stadion verwandelt hatte.

          Die Springpferde allerdings litten zum Teil unter Müdigkeit. Christian Ahlmann trat mit Clintrexo Z zum Finale nicht mehr an, und Daniel Deußer erklärte seine Abwürfe zum Schluss mit der Erschöpfung von Tobago Z. Alice braucht so etwas nicht, die kraftvolle Stute, mit der Simone Blum in Rotterdam am zweiten Platz der Equipe beteiligt war. Die Weltmeisterin von Tryon 2018 wird in der nächsten Zeit eine ganz andere Belastungsprobe überstehen müssen. Am kommenden Wochenende wird sie noch bei der Global Champions Tour in Rom an den Start gehen. Dann macht sie erst einmal Pause, und zwar Babypause. Nach dem Gewinn des Weltmeistertitels im vergangenen Jahr heiratete sie erst einmal ihren Mann Hans Günther. Bei den Olympischen Spielen in Tokio will sie am liebsten bereits als Mutter an den Start gehen. Im Februar soll das Blum-Kind kommen. Danach soll’s bald wieder weitergehen mit der Reiterei, meint sie. Eine echte Herausforderung, diese zweifache Kombination.

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