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Olympia 2018 : Garmischer Reizklima

Streitobjekt: Grundstück in der Nähe der Kandahar-Abfahrt Bild: Andreas Müller

Anonyme Drohungen, Boykottaufrufe - über die Bewerbung für die Winterspiele 2018 ist Garmisch-Partenkirchen auch während der am Dienstag beginnenden Ski-WM tief zerstritten. Selbst wenn das koreanische Pyeongchang den Zuschlag erhielte, würde der Frieden so bald nicht wiederkehren.

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          Der Protest des prominenten Bürgers war schroff. Er weigere sich, „zur Deckung der Unkosten des Sportunfugs und der vollständig unnötigen Olympia-Propaganda“ beizutragen, schrieb er an den Gemeinderat. Man solle diejenigen damit belasten, „die ein Interesse an Olympiaden und derartigem Schwindel haben“. Denn: „Mein Portemonnaie ist genügend belastet durch Staatssteuern für Faulenzerunterstützungen, soziale Fürsorge genannt.“ Mit seiner Opposition gegen Olympia in Garmisch-Partenkirchen blieb Richard Strauss im Jahr 1933 allerdings ein einsamer Streiter. Die Spiele drei Jahre später wurden zu einem Massenspektakel für den Ort und das NS-Regime. Im Jahr 2011 hieße den geizigen Maestro dagegen ein ganzes Orchester von Olympiagegnern willkommen. Der Widerstand jener Garmischer Grundbesitzer, die ihre Flächen nicht für geplante Spiele 2018 bereitstellen wollen, ist fünf Monate vor der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees immer noch das größte Problem des Bewerbers München. Dieser ist auf die alpinen Pisten und Nutzflächen am Fuß der Zugspitze angewiesen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Während in der Landeshauptstadt allerdings auch bei einer Niederlage gegen den koreanischen Konkurrenten Pyeongchang das Leben wie gewohnt weitergehen dürfte, droht Garmisch-Partenkirchen eine „heftige Zerreißprobe“, wie „ein besorgter Beobachter“ glaubt. „Das Fatalste ist, dass am 6. Juli Männer aus Asien oder Schwarzafrika über die Zukunft dieses Ortes entscheiden“ – Menschen also, die das gar nicht wissen und nie dort waren. „Wenn wir die Spiele nicht kriegen, wird ein Hauen und Stechen einsetzen, ein Attackieren der Gegner: Euretwegen haben wir die Spiele nicht bekommen.“

          Aus der Sicht von Axel Doering hat das Hauen und Stechen längst begonnen. „Die Fronten sind sehr viel härter geworden. Es gibt Leute, die grüßen einen plötzlich nicht mehr.“ Sogar eine Morddrohung hat er erhalten. Angefacht wurde für ihn die Stimmung dadurch, „dass Olympia zur nationalen Aufgabe erklärt wurde“. Der Förster und Naturschützer lehnt die Spiele aus ökologischen und finanziellen Gründen ab. Er kündigt ein Bürgerbegehren gegen Olympia an. Die Drohung ist nicht neu, ihre Ausführung hat sich immer wieder verzögert, nun vielleicht sogar bis wenige Wochen vor der Entscheidung. „Eine solche Hängepartie“, erklärt Doering, „schwächt die olympischen Chancen. Dann muss das IOC befürchten, einen Kandidaten zu haben, der nicht mehr existiert.“ Beliebt macht man sich mit solcher Störtaktik allerdings nicht im aktuellen Garmischer Reizklima: „Ich würde nicht empfehlen, einen Anti-Olympia-Aufkleber aufs Auto zu tun.“

          „Ein Zuckerl, das man uns hinhält”: Plakatwerbung für die Ortsumfahrung und den Kramertunnel - der entweder zu Olympia oder erst „in vierzig Jahren” kommt, wie der Bürgermeister wissen will
          „Ein Zuckerl, das man uns hinhält”: Plakatwerbung für die Ortsumfahrung und den Kramertunnel - der entweder zu Olympia oder erst „in vierzig Jahren” kommt, wie der Bürgermeister wissen will : Bild: Andreas Müller

          Sogar einen Toten gibt es schon. Er liegt in der Buchhandlung gegenüber dem Kurhaus und verkauft sich gut. „Tod in Garmisch“ heißt der Krimi eines Rheinländers, der schon in fünfter Auflage vorliegt. Er beginnt mit einer zerschmetterten Leiche in der tosenden Partnachklamm und macht den Leser bei der Suche nach dem Mörder mit „Knechten und Bauern, Bankiers und Betrügern, alten Feinden und jung Verliebten“ bekannt.

          „Kolonialer Umgang“ des Bürgermeisters und der Bewerbungsgesellschaft

          In der Garmischer Realität geht es weniger dramatisch zu, die Feindseligkeiten sind subtiler. Thomas Grasegger redet davon bei einem Espresso im Kur-Café gegenüber seinem Geschäft. Wie viele andere im Ort, die von der Bewerbungsgesellschaft und vom Bürgermeister erst gar nicht und dann eher von oben herab über die olympischen Planungen informiert wurden – Doering nennt das „kolonialen Umgang“ –, war zunächst auch Grasegger skeptisch. Mit anderen Geschäftsleuten brachte er Einwände vor, man verhandelte, erreichte Veränderungen. Er sagt nun, dass die Vorteile überwögen. Nach neuer Planung werde nichts mehr verbaut, der Grüngürtel geschont. Vor allem sei Olympia „eine große Chance für den Ort“, der „in vielen Bereichen die Zukunft verschlafen“ habe.

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