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Olympia 2016 : Alarm in Rio

  • -Aktualisiert am

Traumziel Copacabana: Entwurf des Beachvolleyball-Stadions an Rios Hausstrand Bild: dpa

Finanzchaos und Kriminalität: Den nächsten Sommerspielen drohen noch größere Probleme als der Fußball-Weltmeisterschaft.

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat seine Powerfrau geschickt: Nawal El Moutawakel. Die marokkanische Chefin der IOC-Koordinierungskommission und damit so etwas wie die Chefaufseherin für die Vorbereitungen der Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro sprach für IOC-Verhältnisse Klartext: „Vollkommene Fokussierung und totaler Einsatz“ seien notwendig, um die Vorbereitungen auf die Sommerspiele am Zuckerhut zu einem Erfolg werden zu lassen. Wer die diplomatische Sprache der Olympier kennt, weiß, dass diese Aussage einer Ohrfeige für die Olympia-Gastgeber gleichkommt. Bislang haben die Chefverantwortlichen des lokalen Organisationskomitees offenbar die Zügel schleifen und den notwendigen Biss vermissen lassen. Erhebliche Bauverzögerungen, Transport- und Hotelprobleme sind die Folgen. Die Großveranstaltung im brasilianischen Frühling 2016 ist im Verzug, und der Ton der Olympier wird schärfer. Der neue IOC-Präsident Thomas Bach hatte im Januar, bei einem relativ kurzfristig anberaumten Besuch kurz vor dem Beginn der Winterspiele in Sotschi, die Bemühungen der Brasilianer noch konstruktiv gelobt: „Das Organisationskomitee hat in den vergangenen Monaten große Fortschritte gemacht“, sagte Bach nach einem Treffen mit Brasiliens Staatspräsidentin Dilma Rousseff damals.

          Doch die Probleme lassen sich nicht verdrängen. Zuletzt überraschte Rios Bürgermeister Eduardo Paes das IOC mit Änderungsvorschlägen. Jetzt sollen Teile des Athletendorfes und der Unterkünfte für die Journalisten in einem Armenviertel angesiedelt werden. „Die Olympischen Spiele müssen dazu da sein, dass die Stadt bessere Plätze erhält“, begründete Paes am Wochenende in einem Interview mit der Tageszeitung „O Globo“ seine Kehrtwende. Der Vorschlag hat durchaus Charme und dient vor allem dazu, die Kritiker in der eigenen Stadt zu besänftigen. Der Haken dabei: Davon war in der ursprünglichen Bewerbung nicht die Rede.

          Wettkampfstätten ohne Testläufe sind eine Horrorvorstellung für das IOC

          Es ist nicht die einzige Baustelle, die der IOC-Delegation um El Moutawakel die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Vor allem die unsichere Finanzierung der Projekte nährt die Befürchtung, die Olympischen Spiele könnten ein ähnliches Szenario erleben wie die Vorbereitungen für die Fußball-WM in diesem Jahr. Stadien, die erst in allerletzter Sekunde zu überhöhten Kosten fertiggestellt werden, sind die große Sorge des Weltfußball-Verbandes Fifa. Auf den sportlichen Ablauf der Fußball-WM dürften solche Probleme zwar keinen Einfluss haben, bei den Olympischen Spielen sieht das aber anders aus. Wettkampfstätten ohne Testläufe sind eine Horrorvorstellung für das IOC, denn dann muss mit Pannen im organisatorischen Ablauf der Wettbewerbe gerechnet werden, und die könnten die erhoffte Partystimmung am Zuckerhut ruinieren.

          Gewalt in Rio: Bilder wie dieses gehören zum Alltag in der kommenden Olympia-Stadt

          Niemand weiß bisher, wie all der Aufwand bezahlt werden soll. Es fehlen noch konkrete Haushaltsansätze für 28 Projekte. Nur für zwei der vier Olympia-Regionen sind die Bauvorhaben ausgeschrieben. In der Hauptstadt Brasília findet am kommenden Mittwoch eine Sitzung statt, in der die offenen Haushaltsfragen geklärt werden sollen. Ungeduldig bezeichnet Nawal El Moutawakel die Sitzung bereits als entscheidend für den weiteren Verlauf der Planungen.

          Die Befriedungsaktionen in den Favelas reichen offenbar nicht aus

          Auch für Rios Verkehrsprobleme ist keine Lösung in Sicht. Die Bauarbeiten kommen nur schleppend voran. Hinzu kommen Hiobsbotschaften wie U-Bahn-Ausfälle oder nach den Regenfällen unter Wasser stehende Unterführungen. Für Rios Bevölkerung ist das nichts Neues, für die Olympia-Organisatoren allerdings offenbar kein Ansporn, die Probleme schneller anzupacken.

          Zuletzt rückte als weiteres heikles Thema die Wasserverschmutzung in die öffentliche Diskussion. Auch darauf hatten Umweltaktivisten schon vor Monaten am Rande des Triathlons in Rio hingewiesen. Ein Großteil der Stadt-Abwässer wird ungeklärt ins Meer gelassen und verschmutzt so die wunderschönen Buchten. Olympia mit seinen zahlreichen Wassersport-Aktivitäten wäre eigentlich ein guter Anlass gewesen, mit einem nachhaltigen und umweltbewussten Programm die Situation zu verbessern. Dann wäre womöglich auch der Milliardenhaushalt der Spiele in der Bevölkerung eher akzeptiert worden. Doch auch 30 Monate bevor sich die ersten Segelboote in der Olympia-Bucht Guanabara durch die Wellen kämpfen, ist die Wasserqualität so wie sie schon immer war: unzumutbar.

          Abermals in den Fokus gerückt ist die Sicherheitsproblematik. Die ohnehin umstrittenen Befriedungsaktionen der Favelas durch die Sicherheitskräfte reichen offenbar nicht aus, die Situation in der Stadt zu beruhigen. Der Gouverneur der Provinz Rio de Janeiro rief zuletzt gar nach der Armee, um Sicherheit und Ordnung wiederherzustellen. Eine nachhaltige Politik zur Beseitigung der sozialen Ursachen der Kriminalität sieht anders aus.

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