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Olympia 2014 : Putins prekäre Party

Mit wehenden Fahnen ins Unglück? Die Bürger von Sotschi fürchten um die einzigartige Natur der Region Bild: dpa

Sotschi fünf Jahre vor den Winterspielen: viele Menschen an der Schwarzmeerküste fürchten negative Auswirkungen der olympischen Projekte auf die Infrastruktur, die Ökologie und die Lebensqualität der Stadt. Und damit um ihre wirtschaftliche Zukunft.

          Die Adresse des olympischen Organisationskomitees in Sotschi lautet Kurortnyj Prospekt 73. Der Name der Straße ist das Programm der Stadt: Das deutsche Wort „Kurort“ hat im Russischen einen vielversprechenden Klang, es bezeichnet sowohl einen gewöhnlichen Urlaubsort als auch einen Ort, an dem Kranke mit Bädern, Massagen und ärztlicher Behandlung wieder auf die Beine gebracht werden. Sotschi hat alles - Sonne, lange Strände, Palmen, Berge, Heilquellen und Sanatorien. Der Kurortnyj Prospekt ist aber nicht nur das Programm, sondern auch eine Problemzone der Stadt: Die meiste Zeit des Tages bewegen sich die Autos mit kaum mehr als Schrittgeschwindigkeit über die Hauptstraße, an der man in der langgezogenen Stadt am Meer nicht vorbeikommt, wenn man von einem Ort zum anderen gelangen will.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Die Finanzkrise trifft auch die olympischen Bauvorhaben schmerzlich

          Beim Organisationskomitee für die Olympischen Winterspiele 2014 versucht man erst gar nicht, das Offensichtliche zu leugnen: Natürlich habe Sotschi ein großes Verkehrsproblem, das bis zu den Spielen gelöst werden müsse, sagt Jefim Bitenjow, der stellvertretende Leiter der Repräsentanz in der Stadt. „Aber die Spiele werden dazu beitragen: Es werden neue Straßen gebaut, der öffentliche Nahverkehr wird verbessert, es entstehen neue Arbeitsplätze außerhalb des Zentrums.“ Noch freilich ist von den neuen Straßen, die mit vielen Brücken und Tunnels im bergigen Hinterland der Stadt entstehen sollen, nichts zu sehen - und wann mit dem Bau begonnen wird, ist unklar. Mitte April ging der Leiter der Straßenbaubehörde der Stadt Sotschi mit der Behauptung an die Öffentlichkeit, im Budget 2009 fehlten ihm drei Milliarden Rubel (etwa 70 Millionen Euro): „Entweder der Zeitplan für die Finanzierung wird überarbeitet“, sagte er - oder der Baubeginn für zwei der vier geplanten großen Verbindungen müsse auf das Jahr 2010 verschoben werden.

          Auf dem Weg zu Olympia: Sotschi bereitet sich auf die Winterspiele 2014 vor

          Das war nicht die einzige Meldung der vergangenen Monate, die den Eindruck aufkommen ließ, die Vorbereitungen auf die Spiele 2014 gingen so stockend voran wie der Verkehr auf dem Kurortnyj Prospekt. Die Finanzkrise treffe auch die olympischen Bauvorhaben „schmerzlich“, sagte der dafür verantwortliche stellvertretende Ministerpräsident Dmitrij Kosak Anfang März - und verband das mit der Ankündigung, das Budget für dieses Jahr werde um zwei Drittel gekürzt. Ein Opfer der Krise könnte das Vorhaben werden, die meisten Sportstätten von privaten Investoren bauen zu lassen: Den dafür vorgesehenen russischen Großunternehmern geht das Geld aus, einige von ihnen mussten zur Rettung ihrer Unternehmen schon Staatshilfe in Anspruch nehmen. Russische Medien berichten, für acht von 14 Bauobjekten gebe es noch keine Investoren, obwohl die Ausschreibungsfristen mehrmals verlängert worden seien.

          Etwa 2500 Bewohner der Imeretinka sollen den Baustellen weichen

          In der Imeretinka-Niederung im Bezirk Adler, 25 Kilometer südlich des Stadtzentrums, wo nach Plan in drei Jahren die ersten Probewettkämpfe in den Eisstadien stattfinden sollen, ist bisher nur ein kilometerlanger blauer Bauzaun zu sehen, der Gemüsefelder und Brachland umgibt, auf dem verloren einige Bagger und Lastwagen stehen. Aber Jefim Bitenjow sagt, deshalb solle man sich keine Sorgen machen: „Mit moderner Technik ist es keine Schwierigkeit, solche Bauten in ein bis zwei Jahren fertigzustellen.“ Dass es so kommt, ist wahrscheinlich - und das hat nicht nur mit den technischen Möglichkeiten zu tun. Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin hat im Juli 2007 - damals noch als Präsident - die Olympiabewerbung Sotschis zu seiner eigenen Sache gemacht, hatte bei der entscheidenden IOC-Sitzung in Guatemala selbst für die Stadt geworben. An seiner Entschlossenheit, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um die Winterspiele in Sotschi trotz Wirtschaftskrise zu einer Werbeveranstaltung für sein Russland zu machen, ist nicht zu zweifeln.

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