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Olympia 1972 in München : Der „Wurf des Jahrhunderts“ am Tag danach

Wilfried Dietrich (unten) schultert den Nordamerikaner Chris Taylor. Bild: picture-alliance/ dpa

Am Tag nach dem Attentat von München murmelt der IOC-Präsident Avery Brundage: „The games must go on.“ Nach der tödlichen Tragödie schafft es ein Deutscher, einen ganz großen Moment zu erschaffen.

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          Der Tag nach dem Terror beginnt um zehn Uhr mit der Trauerfeier im Olympiastadion. Oder ist es schon das Ende? Niemand weiß es, bis der greise IOC-Präsident Avery Brundage die entscheidenden fünf Silben murmelt: „The games must go on“. Die Spiele, die weitergehen müssen, tun es um 16.45 Uhr mit dem Anpfiff der Handballpartie Ungarn gegen Rumänien – während auf dem Königsplatz in München 20.000 Menschen zu einer weiteren Trauerfeier versammelt sind. 70.000 sehen am Abend eine 1:4-Niederlage der westdeutschen Fußballspieler gegen Ungarn.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Ist der olympische Sport an diesem Tag belanglos geworden? Für viele mag sich das so anfühlen. Und doch gelingt es ihm, keine zwanzig Stunden nach der tödlichen Tragödie auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck einen seiner ganz großen Momente zu erschaffen. Dem Mann, der das tut, wird das keine Medaille einbringen bei seinen fünften und letzten Spielen.

          6000 Menschen toben dank Dietrich

          Doch die Sekunde, in der es Wilfried Dietrich schafft, den 185 Kilo schweren Amerikaner Chris Taylor zu umfassen, auszuheben und in schier übermenschlicher Kraftanstrengung über sich selbst hinweg auf die Schultern zu werfen, ist vom ersten Augenblick an unvergesslich. Eine Ikone der Sportgeschichte. Wie Dietrich später erzählt, umarmte er Taylor bei der Begrüßung, um zu testen, ob seine Arme lang genug waren, um hinter dem Koloss zwei Finger zu einem Griff zu verhaken.

          Es klappt, die 6000 in der Halle toben, und selbst die Ringer auf der Nebenmatte halten einen Moment inne, ungläubig, ob das, was sie im Augenwinkel wahrnahmen, wirklich gerade geschehen ist. Der Weltverband der Ringer kürt es später zum „Wurf des Jahrhunderts“.

          1960, als Dietrich olympisches Gold im Freistilringen und Silber im griechisch-römischen Stil gewann, wurde er auch Zweiter der deutschen Meisterschaft im Gewichtheben. Aber in München hat er mit seinem tollkühnen Überwurf, bei dessen Misslingen er laut Trainer Heinz Ostermann „auch tot sein konnte“, selbst den stärksten Mann an der Hantel überstrahlt, Wassili Alexejew.

          Schwere Organschäden bei Bonk

          Der Russe gewinnt am selben Abend Gold im Superschwergewicht vor den beiden Deutschen Rudolf Mang (West) und Gert Bonk (Ost). Bonk wird eines der bekanntesten Opfer des DDR-Leistungssports. Ärztliche Unterlagen weisen ihn als den Empfänger der höchsten Anabolika-Dosen aus. Er trägt schwere Organschäden davon und verbringt seine letzten Jahre im Rollstuhl.

          Die chemische Muskelmast im Gewichtheben ist schon in München kein Geheimnis. Der Norweger Leif Jensen, Sieger im Halbschwergewicht, schätzt, dass „49 von 50“ der weltbesten Gewichtheber Anabolika nehmen, er selbst inklusive. Der Amerikaner Ken Patera hat vor dem Duell mit Alexejew angekündigt: „Wir werden sehen, welche besser sind – seine Steroide oder meine.“

          Patera bleibt ohne gültigen Versuch im Stoßen. Ebenso wie im Reißen ein weiterer Mitfavorit, der Belgier Serge Reding. Der Terroranschlag hat ihn nervlich mitgenommen. Er kannte zwei der israelischen Opfer.

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