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Olympia 1972 in München : „Der Schnellste auf der Welt ist ein Kommunist“

„Ist es so einfach, olympisches Gold zu gewinnen?“ Waleri Borsow jubelt nach 100 Metern. Bild: picture-alliance / Sven Simon

Vor 50 Jahren fand Olympia in München statt. Das Sportfest war Traum und Albtraum zugleich. Erinnerungen an Geschichten von einst: mit dem Raketenmann, weinenden Amerikanern und einem „Mondsalto“.

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          Ein amerikanischer Albtraum des Kalten Krieges ist die Angst, von den Kommunisten abgehängt zu werden. Im Weltall waren sie schon schneller: der erste Satellit 1957, der erste Kosmonaut 1961. Erst mit der Mondlandung 1969 hat Amerika die Partie halbwegs ausgeglichen.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Nun aber, drei Jahre später in München, der nächste Schock: „The Fastest Human is a Commie“. So überschreibt der legendäre Sportjournalist Red Smith seine Kolumne in der „New York Times“. Der Mann auf dem Mond mag Amerikaner sein. Der Schnellste auf der Welt ist ein Kommunist. Waleri Borsow ist der Ruf vorausgeeilt, eine „menschliche Rakete“ zu sein, ein wissenschaftlich optimierter „Athlet aus der Retorte“.

          Die Realität ist manchmal gar nicht so hochtechnologisch. Anfangs ließ ihn sein Trainer mit einem Papierröllchen zwischen den Zähnen spurten. Im Ziel durfte es nicht zerbissen sein. „Das half mir, die wichtigste Fähigkeit für einen Sprinter zu entwickeln: die Fähigkeit, sich zu entspannen.“

          „Keine Gefühle? Das war Taktik“

          Doch nach außen hat Borsow, der nach der Karriere letzter Sportminister der Sowjetunion und erster der Ukraine wird, die damals existierenden westlichen Klischees bewusst bedient. „Dass ich nie Gefühle zeigte in meinem Gesicht, war Taktik. Es erlaubte den Journalisten, mich als Roboter hinzustellen.“

          Die Amerikaner muss er nicht schlagen, sie schlagen sich selbst. Eddie Hart und Rey Robinson verpassen ihren Zwischenlauf, weil ihr Trainer einen veralteten Zeitplan hat. Hart schließt sich ein und „weint anderthalb Stunden unter der Dusche“. Borsow gewinnt locker das 100-Meter-Finale und denkt im Ziel: „Ist es so einfach, olympisches Gold zu gewinnen?“ Manchmal ja.

          Der Norweger Knut Knudsen, eigentlich fürs Straßenradrennen nach München gekommen, dann erst auch für das Bahnrennen gemeldet, holt im Halbfinale der 4000-Meter-Verfolgung den deutschen Favoriten Hans Lutz ein und gewinnt fast mühelos auch das Finale. Fast schwerelos wirkt der Japaner Mitsuo Tsukahara, der am Reck Olympiasieger mit dem von ihm erfundenen „Mondsalto“ beim Abgang wird. Es ist ein Doppelsalto rückwärts mit Schraube, den man heute in vielerlei Variationen als „Tsukahara“ kennt.

          Heitere Spiele sind es bisher, sorglos, schwerelos. Aber nicht für jeden, auch nicht für jeden Sieger. Der polnische Schütze Józef Zapedzki gewinnt die Goldmedaille mit der Schnellfeuerpistole. Aber er feiert nicht. Er fährt in das frühere Konzentrationslager Dachau bei München. Es ist der Ort, an dem sein Vater kurz vor der Befreiung 1945 ermordet wurde.

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