https://www.faz.net/-gtl-167t3

Oh Eun-Sun bezwingt letzten Achttausender : Gipfelsturm der Frauen

Cinderella Caterpillar: Kaltenbrunner an der Annapurna Bild: www.amical.de

Der Wettlauf im Himalaja ist entschieden: Die Südkoreanerin Oh Eun-Sun hat als erste Bergsteigerin der Welt alle 14 Achttausender bezwungen. Das Ballyhoo um eine der letzten Pioniertaten im Alpinismus ist zuende.

          4 Min.

          Nives Meroi nannte es mal das „Primadonna-Spiel“. Nives Meroi ist Bergsteigerin, eine der besten der Welt. Sie war die erste Frau, die auf zehn Achttausendern stand, im Jahr 2006 war die Italienerin mit ihrem Mann Romano Benet die Einzige, die ohne künstlichen Sauerstoff auf den K2 kletterte, den schwierigsten Achttausender. Damals hatte Nives Meroi noch beste Chancen im öffentlich ausgerufenen Wettlauf um den Titel der ersten Frau, die alle 14 Achttausender schafft. Doch dann kam die Sache am Kangchenjunga (8586 Meter) im vergangenen Jahr. Ihr Mann wurde im Aufstieg ernsthaft höhenkrank, Nives Meroi drehte trotz guter Verfassung um und stieg mit ihm ab. „Ich habe alle meine Achttausender mit Romano bestiegen, ich kann mir nicht vorstellen, einen Gipfel zu erreichen, ohne ihn mit ihm zu teilen“, sagte sie. Und die Jagd nach dem Rekord? Das Primadonna-Spiel? Hat seinen Reiz, bekannte sie, „es gab eine Zeit, da habe ich diesen verrückten Zirkus tatsächlich mitgemacht“. Bis die Sache mit Romano passierte. Die brachte sie zurück auf den Boden, zurück zum eigentlichen Sinn ihrer Bergsteigerei. Nun, sagte Nives Meroi, „bin ich glücklicherweise aus dem Rennen“.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Dieses Rennen im Himalaja ist nun zuende: Als erste Frau hat die Südkoreanerin Oh Eun Sun die 14 höchsten Berge der Welt bezwungen. Die 44-Jährige erklomm am Dienstag den Annapurna in Nepal, wie der südkoreanische Fernsehsender KBS berichtete. In einer Live-Fernsehübertragung war zu sehen, wie die Extremsportlerin eine südkoreanische Fahne in den Schnee des 8091 Meter hohen Gipfels steckte. Just dort war die Spanierin Edurne Pasaban vor einer Woche erfolgreich, womit sie nun ebenfalls bei 13 Achttausendern steht. Sie flog mit ihrem Team umgehend weiter Richtung Tibet, um ihren letzten Gipfel, die Shisha Pangma, in Angriff zu nehmen. Beide machen kein Hehl aus ihren Ambitionen, vor allem Oh Eun-Sun sind dabei viele Mittel recht: Sie ließ sich mit Hubschraubern von einem Basislager zum nächsten bringen, nahm die Hilfe einer gewaltigen Logistik inklusive Hochträger in Anspruch und verwendete mindestens zweimal, am Mount Everest und am K2, künstlichen Sauerstoff. Resultat: Allein von Mai 2008 bis August 2009 hakte sie nicht weniger als acht Achttausender ab - eine unfassbare Zahl. Zweifel rief dabei ihre Besteigung des Kangchenjunga hervor: Das Gipfelbild zeigt nur eine schwer erkennbare, vollverkleidete Bergsteigerfigur. Dem Hype in Südkorea tat das keinen Abbruch.

          Viele Bergsteiger verfolgen die Gipfelhatz der 44 Jahre alten Koreanerin mit gemischten Gefühlen - auch Gerlinde Kaltenbrunner. Für sie ist Alpinismus à la Oh Eun-Sun eine andere Welt. Eine fragwürdige Welt. „Mit ethischem Bergsteigen“, sagt die Österreicherin, „hat das gar nichts zu tun.“ Gerlinde Kaltenbrunner galt lange als aussichtsreichste Anwärterin auf den Titel als weibliches Pendant zu Reinhold Messner, der im Oktober 1986, in einem ähnlichen Wettlauf mit dem Polen Jerzy Kukuczka, als erster Mensch alle 14 Achttausender schaffte. Sie selbst freilich lehnte einen solchen Konkurrenzkampf immer ab. Bergsteigen, das ist für sie kein Wettbewerb, „es ist mein Leben“. Und es ist für sie auch eine Frage des Stils. Sie steigt aus eigener Kraft, ohne künstlichen Sauerstoff, ohne Hochträger, in kleinen Gruppen, auf anspruchsvollen Routen. Im Moment ist sie am Mount Everest, es wäre ihr dreizehnter Achttausender. Statt für den Normalweg, auch als „Yak-Route“ bekannt, weil die Touristen dort an schönen Tagen dutzendweise auf den Gipfel trotten, hat sie sich für den Weg durch das 3000 Meter hohe Super-Couloir auf der Nordseite entschieden - eine Route, die bisher erst einmal ohne künstlichen Sauerstoff durchstiegen wurde.

          Großer Bahnhof: In Seoul blicken Zugreisende auf die Live-Übertragung von Oh Eun-Suns Gipfelbesteigung im koreanischen Fernsehen
          Großer Bahnhof: In Seoul blicken Zugreisende auf die Live-Übertragung von Oh Eun-Suns Gipfelbesteigung im koreanischen Fernsehen : Bild: AP

          Die männerbündlerisch-rustikal verrufene Bergsteigerszene

          Weitere Themen

          Stiller Triumphator Robin Bakker

          Traber-Derby : Stiller Triumphator Robin Bakker

          Nicht Heinz Wewering, Lichtgestalt des Sulkysports, sondern Robin Bakker gewinnt das 125. Deutsche Traber-Derby. Seinen Erfolg hat er auch Wewerings Hengst Keytothehill zu verdanken.

          Topmeldungen

          Zurück zur Pandemie : So will Biden gegen Trump punkten

          Ginsburgs Tod gibt Trump Auftrieb. Denn in Amerika reimt sich Supreme Court auf Kulturkampf, und den facht der Präsident gern an. Der Demokrat Biden aber glaubt zu wissen, wie er wieder in die Offensive kommt.
          Notgedrungen stillgestanden: Lufthansa-Maschinen parken am Münchener Flughafen.

          Zukunft der Lufthansa : Bittere Corona-Logik

          Die Lufthansa steckt noch immer mitten im Überlebenskampf. Die Milliarden-Finanzspritze des Bundes bedeutet lediglich einen zeitlichen Aufschub.
          Noch ist der Baggersee in Neuenburg von Wald eingerahmt. Doch die Bäume sollen weichen.

          Naturschutz : Hinterm Baggersee geht’s weiter

          Wer in Deutschland Natur in Bauland umwandelt, muss zum Ausgleich Flächen bepflanzen. Doch was eigentlich dem Naturschutz dienen soll, fördert oft die Bauindustrie. Geltendes Recht wird gebeugt – oder gleich ganz ignoriert.
          Versuch gescheitert: Salvini konnte die „rote Festung“ nicht schleifen.

          Regionalwahlen in Italien : Wähler stärken Italiens Linkskoalition

          Die Regionalwahlen in Italien stabilisieren die Regierung um Giuseppe Conte. Eine persönliche Niederlage erlebt der frühere Innenminister Matteo Salvini. Denn im rechten Lager triumphiert die Konkurrenz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.