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Ocean-Race-Segler Michael Müller : Vater geworden, aus der Koje gefallen

  • Aktualisiert am

„Es sind ja schon Boote untergegangen”: Michael Müller Bild: Rick Deppe

Neun Monate, fünf Ozeane, rund 68.500 Kilometer - in knapp vier Wochen ist Michael Müller beim Volvo Ocean Race am Ziel. Im FAZ.NET-Gespräch erzählt er von Stürmen, Schlafmangel und wie ihn die Nachricht von der Geburt seiner Tochter erreichte.

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          Neun Monate, fünf Ozeane, eine Strecke von rund 68 500 Kilometern - in knapp vier Wochen ist Michael Müller beim Volvo Ocean Race am Ziel seiner Träume. Dann wäre der 26 Jahre alte Kieler nach Tim Kröger und Toni Kolb der dritte deutsche Segler, der die kräftezehrende Regatta rund um die Welt mit Erfolg absolviert hätte. Vor den letzten drei Kurzetappen durch Europa mit dem Ende in St. Petersburg liegt sein Puma-Team auf dem dritten Platz.

          Was hat sich bei Ihnen seit dem Start im Oktober verändert während Ihrer ersten Weltumsegelung?

          Ich bin Vater geworden. Am 22. Februar wurde meine Tochter Mia Carlotta geboren.

          Der Weg über die Weltmeere: „Die Richtung oder die andere ?”

          Viele Väter sind heutzutage bei der Geburt dabei. Wo waren Sie?

          Als der Anruf mit der Nachricht über das Satellitentelefon kam, befanden wir uns gerade mit dem Boot bei den Fidschi-Inseln. Die Jungs an Bord haben sich alle mit mir gefreut. Ich habe eine sehr schöne Erinnerung daran.

          Welche Verschleißerscheinungen zeigt Ihr Körper?

          Ich habe fünf Kilogramm abgenommen. Ich merke, wie die letzten Wochen immer härter werden. Man ist schneller kaputt, geschlaucht. Der Körper arbeitet am Limit. Die Ellbogengelenke und Schultern schmerzen, die sind ganz klar überbelastet. Wir machen an Bord ja keine Dehnübungen und bereiten uns auch nicht akkurat auf jeden Einsatz vor. Man wacht zum Beispiel mitten in der Nacht auf, springt in seine Klamotten, kurbelt an Deck im Vollgasbereich und legt sich danach wieder in die Koje. Ich merke, wie steif ich teilweise bin. Viele bei uns klagen über Knieprobleme und Rückenschmerzen. Jeder hat irgendwo Prellungen, weil er mal zu hart gefallen ist.

          Was war für Sie die härteste oder gefährlichste Situation?

          Auf dem Weg von Singapur nach China sind alle Boote in einen brutalen Sturm gekommen. Einige Crews mussten aufgeben. Das Boot knallt von Welle zu Welle, der Rumpf ächzt. Dann ist unser Großbaum gebrochen, und wir hatten plötzlich Strukturprobleme an wichtigen Stellen der Yacht.

          Hatten Sie Angst?

          Das nicht unbedingt. Aber man denkt sich, wenn wir jetzt noch fünfmal so brutal in eine Welle hineindonnern, dann haben wir wirklich ein großes Problem. Es sind ja schon Boote untergegangen. Also versucht man, die Kiste einigermaßen heil durchzubekommen. Wir haben mit drei Mann 36 Stunden am Stück im Sturm gearbeitet, um den Großbaum zu flicken. Da war ich dann irgendwann so erschöpft, dass ich während der Arbeit mit dem Werkzeug in der Hand kurz eingenickt bin. Man denkt, es geht nichts mehr, aber irgendwo kommen dann immer noch Reserven her. Das ist eine extreme Erfahrung.

          Haben Sie das Schlafen lernen müssen bei diesen schwierigen Bedingungen an Bord?

          Ich konnte schon immer überall gut einschlafen - im Flugzeug, beim Warten am Flughafen, im Zug oder Auto. Es gibt aber Bedingungen an Bord, da kann man nicht schlafen. Wenn das Boot mit voller Wucht in die Welle einsticht und man aus der Koje fällt. Bei normalen rauhen Bedingungen ist es für mich kein Problem, leicht in den Schlaf zu fallen. Ansonsten gilt in diesem Rennen: das Schlafbedürfnis hinten anstellen, damit man immer einsatzfähig ist.

          Wurde an Bord gestritten?

          Streit ist das falsche Wort. Segler sind gewöhnt, auf engstem Raum miteinander umzugehen. Es gibt manchmal unterschiedliche Ansichten über taktische Entscheidungen. Sollte man schnell die Segel wechseln, wenn eine Wolke kommt? Die Richtung oder die andere Richtung? Da wird hart diskutiert. Aber wir machen daraus keine Meuterei auf der Bounty. Alle sind Profis, und am Ende sagen der Skipper oder einer von den beiden Wachleuten, wo es langgeht.

          Reiben Sie sich manchmal die Augen, wie schnell Ihre Segelkarriere plötzlich nach oben ging?

          Irgendwie schon. Wenn ich daran denke, wie zufällig alles losging: Vor vier Jahren schaute ich in Kiel auf der Werft beim deutschen America's-Cup-Team vorbei, weil ich dort einige Jungs kannte. Ich stand da herum, half ein bisschen sauberzumachen und das Boot zusammenzuschrauben. Ich sah wohl so aus, als hätte ich Ahnung, und wurde dann zu Tests eingeladen. Eigentlich habe ich ja Maschinenbau studiert und bin nur nebenbei auf größeren Schiffen gesegelt. Aber schon war ich beim America's Cup. Und jetzt bin ich ein echter Weltumsegler.

          Welches Segelprojekt kommt für Sie als Nächstes?

          Ich weiß noch nicht. Ich werde erst einmal den Sommer in Kiel mit meiner Familie genießen. Ich habe diese Tage das erste Mal einige alte Kontakte gepflegt und in den Segelkalender geschaut, was so an Veranstaltungen ansteht. Ich muss ja jetzt eine ganze Familie ernähren.

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