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Nürnberg Ice Tigers : Altes Team, neuer Geist

Die Scheibe fällt für die Nürnberg Ice Tigers in diesen Tagen immer auf die richtige Seite Bild: imago sportfotodienst

Die Eishockey-Profis der Nürnberg Ice Tigers haben den Startrekord in der DEL gebrochen. Weil Trainer Tray Tuomie fast alles richtig macht, dürfen sie auch auf einen Sieg in Wolfsburg am Freitag (19.30 Uhr) hoffen.

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          Die Renovierung ist noch nicht abgeschlossen. In der Zentrale der Ice Tigers, auf der bis vor kurzem Handwerker das Kommando führten, sind die Angestellten damit beschäftigt, den Anbau einzurichten, Kartons auszupacken und die Gebrauchsanweisung der modernisierten Telefonanlage zu beherrschen. Es sind turbulente Tage für Christoph Sandner. Der Geschäftsführer des Nürnberger Eishockeyvereins ist in diesen Tagen nicht nur auf der Büro-Baustelle ein gefragter Mann, denn auch sportlich machen sich in diesem Herbst bei dem Klub aus der Deutschen Eishockey Liga (DEL) ein paar Instandsetzungsarbeiten aus dem Sommer bezahlt: Die Franken haben unerwartet Geschichte geschrieben. Mit ihrem Erfolg gegen Schwenningen brachen sie einen alten DEL-Rekord des EV Landshut, an dem sich seit 1995 Generationen von Vorgängern vergeblich versucht hatten. Das 4:3 gegen die Wild Wings war der neunte Nürnberger Sieg im neunten Spiel, am Freitagabend (19.30 Uhr) könnte in Wolfsburg der zehnte Streich folgen.

          Eine eindrucksvollere Startbilanz erreichte in den zwei Jahrzehnten, die es die Liga mittlerweile gibt, bislang keine Mannschaft. Sandner findet: „Das ist schon eine grandiose Sache.“ Der frühere Profi der Augsburger Panther, Frankfurt Lions und des EHC Freiburg trägt erst seit Mitte April maßgeblich Verantwortung bei den Ice Tigers. Zuvor kümmerte sich der Zweiundvierzigjährige bei Hauptsponsor Thomas Sabo um die Marketingaktivitäten des Schmuckunternehmers, dessen Begeisterung für die Jagd nach dem Puck sich seit langem in der großzügigen Alimentierung der Eis-Tiger spiegelt.

          Ohne den Mäzen wären die Nürnberger in der ersten Klasse nicht wettbewerbsfähig. „Er ist der starke Mann“, sagt Sandner, „und weil er so viel Geld in die Hand nimmt, ist es sein gutes Recht, auch ein Wort mitzureden.“ Die Entscheidung, im Frühjahr Tray Tuomie vom Assistenten zum neuen Chefcoach zu befördern und nach der Trennung von Bengt-Ake Gustafsson es nicht wieder mit einem in der DEL hinlänglich bekannten Gesicht zu probieren, entpuppt sich heute als Mut zum Risiko, das sich langfristig zu lohnen verspricht. „Tuomie“, sagt Sandner, der selbst in seiner Laufbahn mit mehr als einem Dutzend Eishockeylehrern zusammenarbeitete, „macht bei uns den Unterschied.“ Der 45 Jahre alte Amerikaner sei auch deswegen der richtige Typ, „weil er direkt miterlebte, was zuletzt nicht so gut geklappt hat, und aus den Fehlern die richtigen Schlüsse zog“.

          „Insgesamt wird jetzt ein bisschen mehr gelacht“

          Das Team ist in der Tat nahezu das alte, nur der Geist, mit dem es sich nun den Gegnern entgegenstellt, ist ein neuer. Leo Pföderl, einer der Nachwuchsleute im Kader, die dank einer funktionierenden Kooperation mit dem EC Bad Tölz (einer der wenigen verbliebenen deutschen Eishockey-Traditionsadressen), regelmäßig in Nürnberg viel Einsatzzeit bekommen und sich für das Vertrauen mit Leistung bedanken, sagt: „Insgesamt wird jetzt ein bisschen mehr gelacht.“

          Erfolgstrainer: Tray Tuomie führt die Nürnberg Ice Tigers zu einem Startrekord

          Für Tuomie ist es sein erster Posten als Boss hinter der Bande, nachdem er im Anschluss an seine aktive Zeit ausschließlich in unterklassigen Klubs wie Timmendorf, Crimmitschau oder Schweinfurt alleinverantwortlich sowie in der DEL als Assistent beschäftigt war. Er kommentiert den Boom in Nürnberg, den er mit ausgelöst hat, relativ gelassen: „Wir hatten im ersten Spiel in Köln Glück, und seitdem gewinnen wir.“ Beim Debüt gegen die Haie siegten die Ice Tigers 3:2 nach Penaltyschießen, nachdem sie zwanzig Sekunden vor dem regulären Ende noch 1:2 hinten gelegen hatten. Das sei, urteilt auch Sandner, ein wegweisender Moment gewesen, „von da an hat jeder verstanden, wir brauchen uns nicht zu verstecken“.

          Wiedergutmachungsaktion lässt sich gut an

          Die Ice Tigers griffen zuletzt 2007 nach der Meisterschaft, verloren im Finale aber gegen Mannheim. Seitdem liefen sie den eigenen Ansprüchen hinterher, allein in den vergangenen beiden Jahren wurden vier Trainer entlassen. Auch deswegen war es für Sandner eine „naheliegende Idee“, es diesmal mit einer „internen Lösung zu probieren, anstatt den nächsten Komplettumbruch zu wagen“. Bewusst wurden auch nicht wieder Spieler en masse aussortiert und andere angeheuert, weil bei der Aufarbeitung der enttäuschend verlaufenen vorigen Runde, so erlebte es Sandner, der Eindruck entstand: „Jeder bei uns will beweisen, dass er es besser kann.“

          Patrick Reimer, Nationalstürmer und Kapitän der Ice Tigers, findet, dass sich die Wiedergutmachungsaktion gut anlässt: „Jeder Mannschaftsteil funktioniert. Die Spieler kennen ihre Rolle und führen sie perfekt aus. Der Trainer stellt uns auf jeden Gegner gut ein.“ Dazu gehört unter anderem, dass Tuomie die Mitbewerber mit einer in der DEL ungewöhnlichen Taktik irritiert: Anstatt mit drei festen Angreifern in einem Block zu spielen, setzt er auf Pärchen-Bildung. Ein Center und ein Kollege auf den Flügeln bilden ein Duo, der Dritte im Bunde muss rotieren. Als Goalgetter setzt so auch Routinier Steven Reinprecht bislang DEL-Maßstäbe; der 37 Jahre alte Kanadier traf schon sechsmal und steuerte sieben Vorlagen bei. Auch Tuomie bezeichnet die Momentaufnahme an der Tabellenspitze als „erfreulich“, misst ihr jedoch noch keinen übermäßigen Stellenwert bei: „Für uns ist das kein großes Ding. Der Rekord ist eher etwas für die Stadt und die Fans.“ Sein Team, befinde sich schließlich erst „in der Entwicklung“. Für die Konkurrenz muss das nicht unbedingt etwas Gutes bedeuten.

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