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Novak Djokovic : In seiner eigenen Welt

Novak Djokovic kann sich die Welt drehen, wie er sie haben will: „Ich stelle mir einfach vor, sie rufen: ‚Novak, Novak‘“ Bild: AP

Auf dem Tennisplatz hilft Novak Djokovic das Verkennen der Realität. Im Leben mit dem Coronavirus ist seine Verweigerungshaltung als Impfgegner dagegen ein Problem.

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          Novak Djokovic hat einen Trick. Wenn sich die Tenniswelt mal wieder gegen ihn zu verschwören scheint, wenn das Publikum mal wieder ausschließlich den Namen seines Gegners skandiert, in diesen Momenten deutet der Serbe die Realität kurzerhand mental um. „Ich stelle mir einfach vor, sie rufen: ‚Novak, Novak‘. Klingt komisch, aber das gibt mir Auftrieb“, erzählte Djokovic im vergangenen Jahr, nachdem er gerade Fanliebling Roger Federer in einem epischen Wimbledon-Finale niedergerungen hatte. Die Flucht in eine Scheinwelt als Strategie zum Sieg. Zumindest auf dem Tennisplatz funktioniert das bestens für den Weltranglistenersten.

          Doch in Zeiten, in denen die Corona-Pandemie auch den Tennissport weltweit zum Erliegen gebracht hat, wirkt Djokovics Taktik der Realitätsverweigerung plötzlich eher nachhaltig verstörend als gewinnbringend. So geschehen in dieser Woche, als sich der 32-Jährige unvermittelt als Impfgegner outete. In einem öffentlichen Facebook-Videochat mit mehreren serbischen Spitzensportlern sprach sich Djokovic schon einmal provisorisch gegen eine verpflichtende Corona-Schutzimpfung aus – sofern der entsprechende Stoff bis Ende des Jahres zur Verfügung stehen sollte. „Ich persönlich bin gegen Impfungen. Ich möchte nicht, dass mich jemand zwingt, einen Impfstoff einzunehmen, um reisen zu können“, sagte der 17-malige Grand-Slam-Sieger.

          Sollte eine Impfung gegen das neuartige Coronavirus irgendwann obligatorisch für die Ausübung seines Berufs werden, werde er „eine Entscheidung treffen müssen“, räumte Djokovic zwar ein. Gleichzeitig betonte er jedoch: „Ich habe meine eigenen Gedanken zu der Angelegenheit, und ob sich diese Gedanken irgendwann ändern werden, weiß ich nicht.“

          Djokovic wird von Fans respektiert, aber nicht geliebt - dafür hat er sich eine Verteidigungsstrategie zurecht gelegt: die Realitätsverweigerung.
          Djokovic wird von Fans respektiert, aber nicht geliebt - dafür hat er sich eine Verteidigungsstrategie zurecht gelegt: die Realitätsverweigerung. : Bild: dpa

          Der öffentliche Furor, den er dafür erntete, war gewaltig. Schließlich offenbarte sich Djokovic damit als Mitglied jener Gruppe von Impfgegnern, die zuletzt beispielsweise in Amerika für ein Comeback der fast vollständig ausgerotteten Masern sorgte. Von einem prominenten Sportler mit entsprechend großer medialer Reichweite geäußert, besitzt eine solche antiwissenschaftliche Grundhaltung zudem eine besonders gefährliche Sprengkraft.

          Zwar versuchte Djokovic in einem wenig später veröffentlichten Statement, die Diskussionen wieder einzufangen. Doch seine Überzeugung ließ er dabei im Kern unangetastet. „Ich bin kein Experte, aber ich möchte die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden, was für meinen Körper gut ist“, verteidigte sich Djokovic, versprach jedoch immerhin: „Ich bin offen und werde weiter an diesem Thema dranbleiben.“

          Djokovics Hang zu mitunter fragwürdigen Weltanschauungen tritt nicht das erste Mal zutage. 2016 verpflichtete er den spanischen Esoterik-Guru Pepe Imaz, der sich selbst als „göttliches Wesen aus Licht und Liebe“ bezeichnet, als Mentaltrainer. Dessen Engagement und wachsender Einfluss war glaubhaften Berichten zufolge wenig später mitverantwortlich für das Ende der bis dato äußerst fruchtbaren Partnerschaft mit seinem damaligen Trainer Boris Becker. Und auch wenn Djokovic selbst bis heute kein schlechtes Wort über den 2018 wieder aus dem Betreuer-Team ausgeschiedenen Imaz verlieren will: Just in diese Zeit fiel letztlich auch die erste längerfristige Krise seiner Karriere.

          Aus dem Formtief hat sich Djokovic längst befreit. Er gewann fünf der vergangenen sieben Grand-Slam-Turniere und liefert sich mit seinen Dauerrivalen Federer und Rafael Nadal ein Kopf-an-Kopf-Rennen um diverse Rekorde der Tennis-Historie. Anders als seinen beiden Gegner hat ihm dies allerdings zwar den Respekt, nicht aber die Liebe vieler Fans eingebracht. Djokovic bekommt dies immer dann besonders zu spüren, wenn er einem von ihnen auf den großen Tennis-Bühnen dieser Welt gegenübersteht. Die Sympathien sind dann klar verteilt.

          Dass er sich für diese Situationen eine mentale Vermeidungsstrategie zurechtgelegt hat, ist legitim. Sie hat ihm offensichtlich geholfen, manch herausfordernde Situation zu überstehen. Außerhalb dieses Kontextes birgt sie jedoch auch Gefahren. Denn bei diesem neuartigen Coronavirus dürfte der Trick, die Realität einfach umzudeuten, kaum funktionieren. Das wird auch Impfgegner Djokovic eines Tages einsehen müssen.

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