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Novak Djokovic : Souverän auf dem glitzernden Thron

  • -Aktualisiert am

Hier kommt der Champion: Novak Djokovic ist die klare Nummer eins im Tennis derzeit. Bild: dpa

Die acht besten Tennisspieler des Jahres küren in London ihren Champion beim ATP-World-Tour-Finale. Es fällt ziemlich schwer, sich einen anderen Sieger als Novak Djokovic vorzustellen.

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          Die Aussicht hätte kaum besser sein können. Von einem der Balkone des Rathauses blickten die besten Tennisspieler der Welt auf das fast schon weihnachtlich glitzernde London, auf die Themse und die illuminierte Tower Bridge zu ihrer Rechten. Die Herren schossen reichlich Fotos in der Gruppe, allein oder zu zweit - eine gutgelaunte Schulklasse aus Millionären in feinen Anzügen. An diesem Abend wurden in der City Hall die Gruppen für die ATP World Tour Finals ausgelost, das Turnier der besten acht Einzelspieler und Doppelteams des Jahres.

          Als die Fotos im Kasten waren, erfuhren die Spieler, dass es in den kommenden Jahren weitere Motive in der Hauptstadt des Königreiches geben wird. Der Chef der ATP, Chris Kermode, bestätigte offiziell, das Turnier werde bis 2018 in der Londoner Arena stattfinden. „Für uns gibt es im Moment keinen besseren Platz als Bühne für unser Turnier zum Jahresende“, sagte er. „Seit wir 2009 hierhergezogen sind, ist es ein spektakulärer Erfolg.“

          Das sieht der Mann, der dann bei der Auslosung die Namen zog, genauso. Boris Johnson, Londons erdbeerblonder Bürgermeister und Tennisfan, stellte die rhetorische Frage: „Wie kann man sich nicht dafür begeistern, die besten Spieler der Welt in einer der großartigsten Arenen der Welt zu sehen?“ Bei der Auslosung wirkte Johnson ein wenig unbeholfen, aber am Ende stimmte zumindest das Ergebnis. Novak Djokovic, Roger Federer, Tomas Berdych und Kei Nishikori landeten in der sogenannten Gruppe „Stan Smith“, Andy Murray, Stan Wawrinka, Rafael Nadal und David Ferrer in der Gruppe „Ilie Nastase“.

          Dem Titelverteidiger gebührt am Sonntagnachmittag (15.00 Uhr) die Ehre des Eröffnungsspiels; Djokovic wird gegen Japans Star Nishikori spielen, am Abend folgen Federer und Berdych. Djokovic gewann nicht nur im vergangenen Jahr in der Londoner Arena, sondern auch 2013 und 2012, und im Moment fällt es ziemlich schwer, sich einen anderen Sieger als ihn vorzustellen.

          Es kommt ja nicht immer auf das Aussehen an: Djokovic mit seinem „Pokal“ nach dem Turniersieg in Paris vergangenes Wochenende.

          Der Serbe sitzt derart überlegen und allein auf dem Gipfel wie seit Roger Federer in den Jahren 2004 und 2005 keiner mehr. Die Zahl der Niederlagen insgesamt in diesem Jahr (fünf, darunter zwei gegen Federer) sagt eine Menge, aber mindestens so eindrucksvoll sieht die Bilanz der vergangenen Monate aus. Bei den Turnieren zuletzt in Peking, Schanghai und Paris-Bercy gab er in 15 Spielen einen einzigen Satz ab - im Halbfinale in Paris gegen Stan Wawrinka.

          Aber so, als sei das ein Irrtum gewesen, gewann er den dritten dann eben mal 6:0. Coach Boris Becker meinte kürzlich in einem Gespräch mit der französischen Sportzeitung „L’Équipe“, was Djokovic in diesem Jahr geleistet habe, sei historisch; er findet, sein Mann habe kein einziges schlechtes Match gespielt. Das sehen Djokovics Konkurrenten, aktuelle wie ehemalige, auch so. Nachdem er neulich wieder mal souverän gewonnen hatte, schickte ihm der im September zurückgetretene Amerikaner Mardy Fish über Twitter die Nachricht „booooring“ (laaaangweilig) mit dem Hashtag: Lass mal einen anderen gewinnen.

          Aber mit solchen Scherzen kann Novak Djokovic locker umgehen. Im vergangenen Jahr gewann er den Titel in London, weil Roger Federer wegen einer Rückenverletzung nicht zum Finale antreten konnte. Doch genau eine Woche später schnappte sich der Schweizer gemeinsam mit Stan Wawrinka den Davis Cup. Ein solcher Husarenritt zum letzten großen Ereignis des Tennisjahres 2015 steht diesmal Andy Murray bevor.

          Nach dem Sieg der Briten im Davis-Cup-Halbfinale gegen Australien Mitte September hatte Murray spontan angekündigt, um für das Finale in Belgien Ende November fit zu sein, werde er auf den Start in London verzichten; die Umstellung vom englischen Hartplatz auf den belgischen Sand im Davis Cup innerhalb weniger Tage sei zu viel für seinen operierten Rücken. Aber er wurde prompt zur Ordnung gerufen. ATP-Chef Kermode wies darauf hin, dass der Start bei den ATP-Finals für die qualifizierten Spieler verpflichtend sei.

          Beim ATP World Tour Finale ist der Serbe wieder der große Favorit.

          Nun ist Murray zur Freude der Briten also doch dabei. Bei der Auslosung im Rathaus sah er extrem schick aus; rein äußerlich hat er nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem Typen, dem einst die Locken störrisch vom Kopf abstanden. Innerlich ist er seinen Überzeugungen treu geblieben, und diese Überzeugungen münden meist in klare Worte. In einem Gespräch mit der englischen Tageszeitung „Daily Mail“ sagte er dieser Tage, er mache sich viele Gedanken, ob im Tennis genug Geld für Doping-Kontrollen eingesetzt werde.

          „Bei der Größenordnung des Profits im Sport muss einfach genug für den Kampf gegen Doping ausgegeben werden. Ich bin kein Experte, aber ich finde, im Tennis sollte es so viel sein wie nur möglich.“ Und Federer pflichtete ihm bei: „Ich bin immer überrascht, wenn ich ein Turnier gewonnen habe und es dann keinen Test gibt“, sagte der Schweizer am Freitag. „Ich hoffe, dass das in Zukunft besser wird.“

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