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Champion Michael Jung : Das Pferd als Spiegel

  • -Aktualisiert am

In der Ruhe liegt die Kraft: Michael Jung und Chipmunk fühlen sich bereit für höchste olympische Aufgaben. Bild: dpa

Ganz normal nach Tokio: Vielseitigkeits-Champion Michael Jung lässt sich vom eigenen Ehrgeiz nicht stören. Denn er will bei den Olympischen Spielen letztlich nur eins: zwei Goldmedaillen gewinnen.

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          Klar freut sich Michael Jung auf die Olympischen Spiele in Tokio, da schleicht sich auch nicht die kleinste Unsicherheit in seine Stimme. „Alle Sportler sind begeistert, dabei zu sein“, sagt der erfahrene Olympiareiter. „Dafür nimmt man einiges in Kauf.“ Corona-Ängste? Endlose Vorschriften in der Blase? Ständige Überwachung per GPS? Fans ausgesperrt? Schwüles Wetter? Kein Thema. Jung will in Tokio nur eins: zwei Goldmedaillen gewinnen in der Vielseitigkeit, so wie er es 2012 in London schon einmal gemacht hat und 2016 in Rio beinahe auch – da wurde es Silber mit der Mannschaft und der Olympiasieg in der Einzelwertung.

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          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Bei den deutschen Meisterschaften in Luhmühlen am vergangenen Wochenende sah es so aus, als wäre für den inzwischen 38 Jahre alten Schwarzwälder auch in Tokio ein ganz großer Coup möglich. Mit einer Klasseleistung holte er sich auf dem braunen Hannoveranerwallach Chipmunk den Titel. Und auch die designierten Tokio-Kolleginnen Sandra Auffarth und Julia Krajewsi verdienten sich ihre Plätze im Team mit starken Ritten. „Ich wäre ein schlechter Trainer, und die drei wären schlechte Reiter, wenn das Doppelgold nicht das Ziel wäre“, sagte Bundestrainer Hans Melzer mit strahlender Entschlossenheit, ohne sich auf einen Favoriten im eigenen Team festzulegen. Trotz allem weiß er natürlich: Die Konkurrenz schläft nicht.

          Was Michael Jung besonders optimistisch stimmt: die Leichtigkeit und Lockerheit, mit denen sein dreizehnjähriges Pferd Chipmunk die Dressuraufgabe meisterte, tags darauf bei deutlich mehr als 30 Grad Hitze durchs Gelände flog und sich zum Abschluss im Spezial-Parcours über die Sprünge schwang. „Dass er das hier gewinnen konnte, stärkt mich, stärkt uns und ist noch mal ganz wichtig für das, was noch kommt.“

          „Die Tiere sind so sensibel“

          Jung hat schon vieles geritten und gewonnen, es gab eine Phase, in der er gleichzeitig Olympiasieger, Welt- und Europameister in der Vielseitigkeit war. Parallel gewinnt er auch schwere Spezialspringen und zeichnet sich in der Dressur aus. Zum herausragenden Talent kommt also große Routine. Vielleicht ist er sich deshalb so sicher, dass er es schafft, Olympia wie ein ganz normales Turnier anzugehen.

          Das wäre nämlich nicht nur deshalb wichtig, weil er seine eigenen Nerven im Zaum halten muss. „Die Pferde spüren sofort, wenn man etwas anders macht als sonst“, sagt er. Die Tiere sind so sensibel, dass sie jede Anspannung des Reiters spüren und widerspiegeln. „Man darf deshalb nicht mehr Druck machen als sonst“, sagt Jung. „Man darf nichts erzwingen wollen, dann geht es daneben.“

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          Die Erfahrung lehrt, dass die wenigsten Menschen es schaffen, ihre Nervosität vor großen Aufgaben zu unterdrücken. Doch die Pferde sind in dieser Beziehung die Lehrmeister der Reiter. Dabei zählt nicht nur die Zeit des Wettkampfs, sondern jeder Moment, ob nun im Stall, im Training oder beim Aufwärmen. Das Pferd beobachtet seinen Reiter aufmerksam und schätzt es gar nicht, wenn er seine Erdung verliert.

          Auch im Parcours kann sich der Mensch im Sattel durch schädliche Gedanken viel verderben. Wer ein Pferd habe, sagt Jung, das vor Wassergräben zum Scheuen neige, müsse sich kontrollieren. Er dürfe sich nicht schon vor der Kurve, in der er zum Wasser abbiege, anspannen und dem Pferd Druck geben. „Dann verspannt sich das Pferd auch“, sagt Jung.

          Auch von der Möglichkeit, dass er als erster Vielseitigkeitsreiter der Geschichte dreimal Olympiasieger werden könnte, will sich Jung nicht von der Konzentration auf den Moment abhalten lassen. „Natürlich geht einem das immer mal wieder im Kopf herum, aber während des Reitens muss man sich aufs Reiten konzentrieren, da sollte man keine Statistiken im Kopf haben.“ Im Grunde gehe es ihm da nicht anders als einem Hobbyreiter, der sich aufs Pferd setzt und im Sattel alle seine Sorgen vergisst.

          Fernöstliche Entspannungs- und Meditationstechniken, wie sie immer mehr Leistungssportler nutzen, braucht Jung nicht, um seinen Puls niedrig zu halten. „Ich bin kein Typ für Yoga“, sagt er. „Bei mir funktioniert das auch so, manches wurde mir einfach in die Wiege gelegt.“ Allerdings hat selbst die mentale Naturbegabung Jung lange gebraucht, bis er das Power-Pferd Chipmunk dazu brachte, sich mit ihm gemeinsam in einen Flow zu begeben.

          Er reitet ihn erst seit Februar 2019. Damals übernahm er ihn von Julia Krajewski, die den Wallach ausgebildet und ihn seit seinem ersten Turnier geritten hatte. Der Züchter und Besitzer wollte ihn verkaufen, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei beteiligte sich zusammen mit Jungs Sponsor an dem Pferd, sodass es von Warendorf nach Horb umziehen musste – was sich als Problem entpuppte, denn das empfindliche Tier gewöhnte sich nur schlecht um.

          All die neuen Menschen um ihn herum, der neue Reiter, der neue Stall, der neue Schmied, der neue Transporter, das neue Futter irritierten ihn. „Für mich war es positiv, dass die Olympischen Spiele um ein Jahr verschoben worden sind“, sagt Jung. „Das alles braucht seine Zeit.“ In Luhmühlen, nach drei perfekten Tagen, zeigte sich, dass Chipmunk sich entspannt hat und die beiden zueinandergefunden haben. „Dieses Jahr habe ich ein deutlich besseres Gefühl“, sagt er. „Das macht mich sehr glücklich.“ Es ist davon auszugehen, dass Chipmunk das spürt.

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