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Leichtathletik : Norm-Erfüller und Wackelkandidaten

Dunkle Wolken über Erfurt Bild: dpa

Alle reden vom Wetter. Die Leichtathleten auch. Ausgerechnet bei der letzten Gelegenheit, sich für die WM Ende August in Osaka zu empfehlen, standen die Läufer, Werfer und Springer in Erfurt oft im Regen. Aus Erfurt berichtet Claus Dieterle.

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          Alle reden vom Wetter. Die Leichtathleten gelegentlich auch. Ausgerechnet bei der letzten Gelegenheit, sich für die Weltmeisterschaften Ende August in Osaka zu empfehlen, standen die Läufer, Werfer und Springer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) zumindest am Samstag in Erfurt weitgehend im Regen.

          Glitschige Ringe, schlüpfrige Anläufe, nasse Gruben, triefende Bahnen – es hat bei deutschen Meisterschaften schon bessere Bedingungen gegeben. Wann ist je der Stabhochsprung wegen Dauerregens um einen Tag verlegt worden? Mit dem Effekt, dass die Herren um Tim Lobinger am deutlich trockeneren Sonntag mit dem böigen Wind zu kämpfen hatten. „Ich war dagegen, abzubrechen“, sagte Danny Ecker und lächelte verschmitzt. „Aber vielleicht war es ja besser so.“

          So redet einer, der gerade mit 5,70 Meter vor dem höhengleichen Björn Otto (Bayer Uerdingen) deutscher Meister geworden ist – und damit den letzten Nachweis seiner WM-Tauglichkeit erbracht hat. Trotz der entzündeten Handstreckersehne, die ihn seit acht Wochen behindert, trotz der Mandelentzündung, wegen der er Antibiotika schlucken musste. „Die Vorbereitung war ziemlich bescheiden, aber 5,70 Meter sind bei diesen Verhältnissen richtig gut“, sagte der Leverkusener.

          Diskuswerferin Franka Dietzsch hatte zum zehnten Mal den richtigen Dreh raus

          Salto null für Lobinger

          Die Stabhochspringer sind immer für Diskussionen und Eklats gut, weil ihr Gewerbe eines der wenigen mit hoher Leistungsdichte und entsprechendem Konfliktpotential ist. Wer weiß, was passiert wäre, hätte Tim Lobinger nicht schon vorher das Ticket für Osaka in der Tasche gehabt. Der streitlustige Neu-Münchner leistete sich immerhin einen Salto nullo bei der Einstiegshöhe von 5,50 Meter. Diesmal blieb alles ruhig, weil auch WM-Kandidat Lars Börgeling, wie Lobinger ohne gültigen Versuch, die Schuld allein bei sich suchte. „Ich hatte dreimal richtig guten Wind und habe ihn nicht genutzt.“ Osaka ade.

          So manche letzte Hoffnung hat sich vor allem am Samstag in Wasser aufgelöst. Etwa die Ambitionen des jungen Sprinters Christian Blum auf einen Einzelstartplatz bei der WM, nachdem er sich im Hundert-Meter-Finale in 10,43 Sekunden nur auf Rang vier hinter dem erfahrenen Meister Alexander Kosenkow (10,35) wiedergefunden hatte und anschließend wortlos durch den Regen davongestapft war. Auch seine Vereinskollegin von LAC Quelle Fürth, die U-23-Europameisterin Verena Sailer, hatte Osaka im Blick. Den Titel hat sie, aber mit 11,39 Sekunden fährt sie – wie Blum – wohl nur als Staffelläuferin nach Japan.

          Nur zwei nutzten am Samstag ihre letzte Chance und gesellten sich zu den 58 Norm-Erfüllern des DLV: Ulrike Urbansky über 400 Meter Hürden, und der 23 Jahre alte Weitspringer Christian Reif, der im nassen Sand bei 8,08 Meter einen tiefen Eindruck hinterließ – drei Zentimeter weiter als die B-Norm. Da wird der DLV wohl ein Auge zudrücken.

          Prädikat Weltklasse für Obergföll

          Wahre Klasse zeigt sich eben auch unter erschwerten Bedingungen. Was Christina Obergföll, die Europarekordhalterin, mit dem Speer zeigte, verdient schlicht das Prädikat Weltklasse. 66,59 Meter bei nur drei Versuchen, „weil es gefährlich war“ – so weit wie die Offenburgerin am Samstag hat keine andere Speerwerferin in dieser Saison geworfen. Oder Kugelstoßerin Petra Lammert, deren Drehtechnik im Ring besonders regenanfällig ist. Zwar kam nach dem dritten Versuch das Stoppsignal ihres Trainers Dieter Kollark, aber am Ende war sie mit 19,30 Meter konkurrenzlos. Regen schützt vor Leistung nicht.

          Jürgen Mallow, der Leitende Bundestrainer, schloss ausdrücklich auch noch die beiden Hochspringerinnen Ariane Friedrich (Eintracht Frankfurt) und Annett Engel (SC Potsdam) ein, die sich mit 1,93 Meter ein packendes Duell lieferten. Und er musste tags darauf mit Besorgnis registrieren, wie die große Hochsprung-Hoffnung Eike Onnen wegen Rückenbeschwerden bei 2,10 Meter ausstieg. Onnen, der zu den frischen Gesichtern der deutschen Leichtathletik zählt, ist ein Wackelkandidat.

          Trend zur Jugend

          Mallow registrierte in Erfurt mit Wohlwollen den Trend zur Jugend bei gleichzeitig gestiegener Leistungsfähigkeit – auch wenn die Titelkämpfe Letzteres nicht unbedingt bestätigten. Mallow empfahl stattdessen den Blick in die bereinigten Weltranglisten. „45 deutsche Athleten befinden sich dort unter den Top 20.“ Zudem stünden derzeit mehr Athleten auf Medaillenplätzen als in den vergangenen beiden Jahren. Das gilt vor allem für die Werferinnen wie Weltmeisterin Franka Dietzsch, die den Diskus aus dem trockenen Ring heraus auf die für ihre Verhältnisse bescheidene Weite 62,83 Meter schleuderte, oder die Frankfurter Hammerwerferin Betty Heidler, deren Arbeitsgerät bei 74,94 Meter in den Rasen klatschte. Das sind – die Stabhochspringer eingeschlossen – die deutschen Domänen.

          Aber es gibt auch eine Reihe von Disziplinen, in denen die Deutschen der Welt hoffnungslos hinterherhinken. Womit wir bei den Läufern wären. Da rät Mallow ganz einfach zu einer Anpassung des Maßstabs. „Wir können einfach nicht gegen die Übermacht der amerikanischen und jamaikanischen Sprinter gewinnen.“ Und auf den Langstrecken kommt derzeit kein einziger Europäer mit den Nordafrikanern mit. Auch da ist ein Blick auf die europäische Rangliste sehr aufschlussreich. Dort steht über 5000 Meter ein Mann auf Platz zwei, der am Samstag deutscher Meister geworden ist: Arne Gabius. Und Andre Pollmächer, der Zweite, ist ebenfalls in Europa die Nummer zwei – über 10.000 Meter. Dazu kommt noch Europameister Fitschen, der in Erfurt über 1500 Meter fremdging. „Wenn wir in allen Disziplinen auf so einem Niveau wären, hätte ich nichts dagegen“, sagt Mallow. Es ist eben alles eine Frage des Maßstabs.

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