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Paris–Roubaix : Nils Politts großer Kampf

Geschlagen: Philippe Gilbert (vorne) ist im Sprint schneller als Nils Politt. Bild: AP

Herausragende Leistung auf dem Weg zum Sehnsuchtsort: Der deutsche Radprofi Nils Politt trumpft beim Klassiker Paris–Roubaix auf – und wird im Finale doch vom Belgier Philippe Gilbert überspurtet.

          Die Radrennbahn im Stade Velodrome von Roubaix ist eine der großen Sehnsuchtsorte des Radsports. Einmal im Jahr nehmen die Radprofis Kurs auf die 499,75 Meter lange Betonpiste, 256 Kilometer Anlauf haben sie beim Rennen Paris-Roubaix bis zur Einfahrt ins Velodrome in den Beinen. Am Sonntag, bei der 117. Auflage des bedeutendsten Eintagesrennens der Welt, fuhren zum Finale zwei Profis in Richtung Ziel. Sie hatten ein brutales Ausscheidungsrennen hinter sich, mit Dutzenden von Stürzen und Pannen, mit unzähligen Antritten und Verfolgungen. Jetzt waren sie fast am Ziel: Nils Politt aus Köln und der Belgier Philippe Gilbert.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Einfahrt ins Velodrome, noch anderthalb Runden, kaum mehr als ein Nichts nach 256 Kilometern. Und doch so viel. So weit. Politt, 25 Jahre alt, unter Vertrag beim Team Katusha-Alpecin, gegen den belgischen Weltmeister von 2012, Gilbert, einen der großen Klassikerjäger. Politt fährt ins Velodrom ein, er fährt vorn, hat den Sieg vor Augen, doch Gilbert überspurtet ihn. Der Routinier liegt am Ende eine Radlänge vorn.

          Höhepunkt der bisherigen Karriere

          Doch für den Deutschen ist auch Platz zwei eine gewaltige Leistung, der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. 175 Profis aus 25 Teams hatten morgens um elf das zweifelhafte Vergnügen gehabt, sich auf die 257 Kilometer lange Strecke zu machen. Eine Strecke, die härter ist als jede andere. Die in „die Hölle des Nordens“ führt, was ein hübscher Kampfname ist für ein Radrennen. Am Sonntag hatte Gilbert fünfzig Kilometer vor dem Ziel das Feld mit einem Solo getestet. Als er sich wieder einholen ließ, war nur noch eine kleine Gruppe zusammen, die den Vorsprung vor den Verfolgern weiter ausbaute.

          Peter Sagan vom deutschen Team Bora-hansgrohe hatte das restliche Feld mit einem Antritt kurz vor einem Kopfsteinpflaster-Abschnitt zerlegt. Alle Favoriten fuhren nun in der sechs Mann starken Spitzengruppe, nur der Wahlhesse John Degenkolb (Trek-Segafredo), Sieger von 2015, fehlte. Aber Politt war dabei, der im vergangenen Jahr in Roubaix Siebter geworden war, er fuhr den ganzen Tag über ein glänzendes Rennen.

          Der Untergrund als Qual: Das Kopfsteinpflaster ist der Feind der Radprofis bei Paris-Roubaix.

          Paris-Roubaix ist nicht mehr die Hölle. Aber von einer himmlischen Ausfahrt ist das Rennen so weit entfernt wie kein anderes. Es gibt eine Statistik, welche die Wattzahlen, die die besten Profis bei einer Königsetappe der Tour de France treten, mit der Siegerleistung bei Paris-Roubaix vergleicht. Ergebnis: Die Leistungsdaten sind nahezu identisch. Was macht dieses legendäre Rennen so schwer? Da sind die 29 sogenannten Pavé-Sektoren, die auf einer Strecke von insgesamt 54,4 Kilometern über Kopfsteinpflaster führen. Was man sich gemeinhin unter „Kopfsteinpflaster“ vorstellt, hat mit mit dem Untergrund dieser Abschnitte wenig zu tun.

          Es sind uralte Straßenabschnitte, die überdimensionale Pflastersteine zu einer Unterlage machen, die möglicherweise für luftgefederte Automobile geeignet sind, ganz gewiss aber nicht für filigrane Geräte, wie es moderne Rennräder sind. Sie wiegen weniger als sieben Kilogramm, rollen auf maximal 25 Millimeter breiten Reifchen, bestehen aus Carbon und bieten in Normalrennen keinerlei Dämpfung und Bequemlichkeit. Für Paris-Roubaix steigen die Profis auf Spezialmaschinen um.

          Pokerspiel auf dem Weg zum Velodrome

          Auch die Kapitäne, die Chefs, müssen bei diesem Rennen arbeiten, nicht nur auf den letzten Kilometern, das ist ungewöhnlich im Straßenradsport. Doch bei Paris-Roubaix müssen sich die Anführer – wie Sagan – früh zeigen, müssen auf den engen Pavés ihre Positionen finden und verteidigen, müssen schuften wie alle anderen auch. 23 Kilometer vor dem Ziel gab es am Sonntag das nächste Kräftemessen an der Spitze. Philippe und Sagan machten Druck, und nur Politt schaffte es zunächst, mitzufahren. Wenig später waren sie wieder zu fünft, aber sie hatten den Belgier Wout van Aert abgehängt, den geschicktesten Pavé-Fahrer im Peloton. 16 Kilometer vor dem Ziel auf dem nächsten Pavé wieder ein Angriff von Gilbert, den Sagan kontert.

          Dann greift Politt an, und Gilbert bleibt dran. Ein Pokerspiel im Schüttelmodus. Sie kommen weg. Sagan, der dreimalige Weltmeister, resigniert. Dann das letzte Pavé. Man fährt diese Abschnitte am besten mit Vollgas. Je schneller ein Fahrer darüber jagt, desto kürzer ist nicht nur die Quälerei, desto erträglicher sind auch die Schläge auf Hände, Wirbelsäule, auf den ganzen Körper. Man muss das Gefühl haben, über das Pflaster zu fliegen, nicht zu fahren. Dann ist es auszuhalten. Dann hat man die Chance, das Velodrome von Roubaix als Erster zu sehen. Und dann kommt es darauf an, wer noch am meisten Power hat, in den Muskeln und irgendwo ganz hinten im Hirn, dort wo der Wille zuhause ist. Gilbert hatte am Sonntag auch dort die meisten Reserven.

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