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Flandern-Rundfahrt : Das letzte Hurra des Nils Politt

Hüne auf dem Rad: der 1,93 Meter große Nils Politt Bild: Imago

Für Nils Politt verlief die Saison bislang verkorkst. Bei der Frankreich-Rundfahrt versuchte der Rheinländer es verzweifelt in Ausreißergruppen – ohne Erfolg. Paris–Roubaix fiel der Corona-Pandemie zum Opfer. Sein neues Highlight: die Flandern-Rundfahrt.

  • -Aktualisiert am
          2 Min.

          Es war die Woche seines Sportlerlebens. Zwei Sonntage in Folge im Frühjahr vergangenen Jahres machten aus dem jungen Mitfahrer im Peloton Nils Politt den ausgewiesenen Klassikerspezialisten Nils Politt. Platz fünf bei der Flandern-Rundfahrt, dem prestigeträchtigen Hochamt der radsportverrückten Belgier, und Platz zwei bei Paris–Roubaix, der sogenannten „Königin der Klassiker“, schärften auf einen (Doppel-)Schlag sein Profil.

          „Daran möchte ich so schnell wie möglich wieder anknüpfen. Dieses harte Ausscheidungsfahren, die engen Straßen, das Kopfsteinpflaster, die Positionskämpfe – das alles liegt mir“, sagt Politt. In dieser von Corona geprägten Radsaison gab es für den 1,93 Meter großen Kölner im Sattel bislang noch nicht viel zu gewinnen. Zwar machte der Profi des Teams Israel Start-Up Nation (ISN) einen nicht mehr so starken Eindruck wie im Vorjahr, aber es fehlten auch die Gelegenheiten zu glänzen. Bei der Tour de France mühte er sich zwar redlich, seine unter Höchstbelastung charakteristischen gebleckten Zähne waren in Ausreißergruppen zu sehen. Doch das berglastige Tour-Profil mit seinen vielen Gipfelankünften schmälerte für einen wie ihn, der 80 Kilogramm auf dem Rad transportiert, die Chancen auf einen Coup. Politts Saison wirkt bislang wie: viel Aufwand, kaum Ertrag.

          Nun ist die Klassikersaison von ihrem angestammten Kalenderplatz im Frühjahr in den Herbst gerutscht. Was zwar bei den oft herausfordernden Wetterbedingungen bei diesen Rennen keinen großen Unterschied macht. Doch das Programm ist zuletzt durch die von Infektionszahlen getriebenen Absagen von Amstel Gold Race und vor allem Paris–Roubaix stark ausgedünnt worden. So dass Politt, der am vergangenen Wochenende bei Gent–Wevelgem Pech mit einem Defekt hatte, mit der Flandern-Rundfahrt an diesem Sonntag nur ein echtes Highlight bleibt. Leicht verkürzt auf 241 Kilometer mitsamt 16 „Hellingen“, jenen steilen, biestigen Anstiegen im flämischen Land, kommt das Rennen „in dieser komischen, unvorhersehbaren Saison“ (Politt) daher. Im Frühjahr sei er „super in Form“ gewesen. Aber im Nachhinein, erzählt der 26-Jährige, „hätte ich während des Lockdowns mal rausnehmen sollen, ich habe quasi durchtrainiert, so dass ich mich jetzt ein wenig müde fühle“.

          Nur der zweite Platz, trotzdem ein Coup: Nils Politt verliert den Sprint gegen den Belgier Philippe Gilbert beim Radklassiker Paris–Roubaix 2019.
          Nur der zweite Platz, trotzdem ein Coup: Nils Politt verliert den Sprint gegen den Belgier Philippe Gilbert beim Radklassiker Paris–Roubaix 2019. : Bild: AP

          Das Ende der Tour de France liegt erst vier Wochen zurück. „Ich konnte mich gar nicht so speziell vorbereiten, wie ich es über den Winter und im Frühjahr getan habe. Ich bin gespannt, wie die Beine sind“, sagt Politt. Klar ist, bei einem Rennen wie der „Ronde van Vlanderen“ kann man sich nicht verstecken oder einfach so mitrollen, dort gewinnt niemand nur, weil er ein starkes Team an seiner Seite hat. Und das hat Politt bei der Equipe ISN ohnehin nicht. Zumal die Konstellation, dass der Deutsche die Mannschaft in wenigen Wochen verlassen wird, nicht für Wunderdinge auf den flämischen Feldwegen spricht.

          Im kommenden Jahr bei Bora-hansgrohe

          Politt wird sich im neuen Jahr dem deutschen Team Bora-hansgrohe anschließen. Mit der Perspektive, dort eines nicht allzu fernen Tages Superstar Peter Sagan als Kapitän der Klassikerfraktion abzulösen. „Ich habe gemerkt, dass ich vom Kopf her einen Wechsel brauche“, so der Rheinländer. Vier Jahre war er Teil des Teams, das erst Katusha-Alpecin und seit Jahresbeginn Israel Start-Up Nation heißt. Gegen den Trend im (Rad-)Sport großzügig alimentiert von einem Milliardär und in der kommenden Saison um den neuerworbenen viermaligen Tour-Sieger Chris Froome als Fixpunkt kreisend. Dennoch bedeutet der Wechsel zu Bora-hansgrohe einen Aufstieg für Politt.

          So dürfte die Flandern-Rundfahrt sein letztes Hurra werden in den vertrauten Farben. Wenn das Spektakel, das in diesem Jahr keines werden soll, denn stattfinden kann. Beim parallel stattfindenden Giro d’Italia ist das Virus schon in die Blase rund um das Fahrerfeld eingedrungen – mit ungewissem Ausgang. Auch die 104. Ausgabe der Flandern-Rundfahrt wird nicht wiederzuerkennen sein – weil sie kaum zu hören sein wird. Säumen die Belgier sonst zu Zehntausenden lautstark und begeistert die Anstiege und Pflastersektoren, werden nun alle Schlüsselstellen für Zuschauer gesperrt sein. Der Rennleiter hat mehrfach an die Fans appelliert, zu Hause zu bleiben und das Herzstück des belgischen Radkalenders vom Fernseher aus zu verfolgen. Daheimbleiben quasi als Liebesdienst für den verehrten Radsport.

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