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Zehnkampf-Europameister Kaul : Der König der letzten Disziplinen

  • -Aktualisiert am

König der Athleten: Zehnkämpfer Niklas Kaul Bild: dpa

Niklas Kaul und der Schweizer Simon Ehammer bilden die Antipoden des EM-Zehnkampfs und sichern sich Gold und Silber. Doch auch der Letzte wird gefeiert wie ein großer Sieger.

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          Die traditionelle Aufholjagd von Niklas Kaul im Zehnkampf hat abermals zu einem Titel geführt. Unter ohrenbetäubendem Lärm im fast voll besetzten Münchner Olympiastadion krönte er sich am Dienstagabend mit 8545 Punkten zum König der europäischen Athleten. „Dieser Titel ist noch viel mehr wert als der WM-Titel vor drei Jahren“, sagte der 24-Jährige in einem ersten Statement. Die Stimmung war beim 1500-Meter-Lauf übergekocht. „Mir sind fast die Ohren weggeflogen“, staunte selbst Kaul: „Es ist einfach der Wahnsinn.“

          Achim Dreis
          Sportredakteur.

          Und es war wieder einmal ein Sieg dank seiner beiden letzten Disziplinen. Auf sensationelle 76,05 Meter ließ der Weltmeister von Doha seinen Speer im dritten Versuch fliegen – erst von einem erstaunten Raunen und dann einem beglückten Aufschrei aus fast 50.000 Kehlen im Olympiastadion begleitet, dem sich da schon „Oh-wie-ist-das-schön“-Gesänge anschlossen.

          Kaul breitete beglückt die Arme aus und schloss eine spontane Viertel-Ehrenrunde an, als er der Weite gewahr wurde: Meisterschaftsrekord. Mit diesem Hieb hatte sich der 24 Jahre alte Mainzer dank seiner glanzvollen neunten Disziplin schlagartig auf Rang drei des Gesamtklassements nach vorne katapultiert – zum ersten Mal an den beiden EM-Wettkampftagen belegte er einen Medaillenrang.

          Lokomotive am Kopf des Feldes

          Und im abschließenden 1500-Meter-Lauf, der wie der Speerwurf zu Kauls absoluten Spezialdisziplinen gehört, betätigte er sich wie stets als Lokomotive am Kopf des Feldes, gewann von vorne in einer unfassbaren Zeit von 4:10,06 Minuten und schaffte tatsächlich noch den Sprung auf Rang eins.

          Der lange Zeit wie der sichere Europameister aussehende junge Schweizer Simon Ehammer schleppte sich in diesem Mittelstreckenlauf nach 4:48,72 Minuten als Letzter in Ziel. Ihm blieb mit Schweizer Rekord von 8468 Punkten immerhin Rang zwei und die Silbermedaille. Der flinke 22-Jährige erscheint als Gegenentwurf eines Zehnkämpfers im Vergleich zu Kaul.

          Seine Stärken liegen am Anfang des ersten Tages: er startete mit 10,56 Sekunden über 100 Meter als Bester des Tableaus, baute seine Führung dann mit 8,31 Metern im Weitsprung aus und gewann auch über 400 Meter (47,50 Sekunden) und 110 Meter Hürden (13,75) die Disziplinwertungen. Angesichts seiner überragenden Schnelligkeitswerte konnte sich der eher schmächtig gebaute Schweizer seine Schwächen mit Kugel (14,24 Meter), Diskus (34,92) und Speer (53,56) scheinbar leisten.

          Doch dem großen Kaul-Finale über dreidreiviertel Stadionrunden konnte er nichts mehr entgegensetzen. Bronze gewann der Este Janek Öiglane (8346). Der frühere WM-Dritte Kai Kazmirek (8151) wurde Achter.

          Im Mittelpunkt eines erhabenen und zugleich lustigen Moment des Zehnkampfs stand im Übrigen der Titelverteidiger, der in München den letzten Wettkampf seines Leichtathletik-Lebens absolvierte. Arthur Abele, nach seinem Coup von Berlin 2018 zu „König Arthur“ geadelt, durfte in München dank einer Wildcard noch einmal mitmischen – und war schon vor der sechsten Disziplin in Tränen aufgelöst.

          Wegen eines vermeintlichen Fehlstarts wurde er vor dem 110-Meter-Hürden-Lauf disqualifiziert. Doch da der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) erfolgreich Protest einlegte, durfte der 36-Jährige das Rennen wiederholen – alleine, zwei Stunden nach allen anderen.

          Alleine auf der Hürdenbahn: Arthur Abele musste nachsitzen
          Alleine auf der Hürdenbahn: Arthur Abele musste nachsitzen : Bild: dpa

          Begeistert angefeuert von mehr als 20.000 Zuschauern bei der Vormittags-Session kämpfte sich Abele über die eigens für ihn noch mal aufgestellten Hürden, stolperte nach mäßigen 14,50 Sekunden ins Ziel, reckte aber die Arme wie ein Sieger in die Höhe und wurde frenetisch gefeiert.

          „Ich bin nervlich total im Arsch“, rief der authentische Schwabe ins Stadionmikrofon. Dass er nach vielen Verletzungspausen mit der Medaillenvergabe nichts zu tun haben wird, war schon im Vorfeld klar. Doch wenigstens den Zehnkampf noch einmal durchstehen wollte er. Und das schaffte der Ulmer: Abele belegte am Ende mit 7662 Punkten den 15. und letzten Platz.

          Doch alle die durchkommen, sind sowieso Sieger. Die Ehrenrunde laufen alle Zehnkämpfer traditionell gemeinsam. Diesmal war es besonders emotional, denn neben dem neuen Champion Niklas Kaul wurde vor allem der entthronte König gefeiert. Alle Athleten standen Spalier für Abele: Standing Ovations für den Letzten und den Ersten in einem Wettkampf: Das gibt es auch nur im Zehnkampf.

          Diskuswerferin Pudenz gewinnt EM-Silber

          Die Olympia-Zweite Kristin Pudenz hat mit persönlicher Bestleistung ihre erste EM-Medaille bejubelt. Die 29 Jahre alte Diskuswerferin belegte am Dienstagabend im Münchner Olympiastadion mit 67,87 Metern in einem spannenden Wettbewerb den zweiten Platz. Der Sieg ging an die kroatische Titelverteidigerin Sandra Perkovic, deren Diskus nur acht Zentimeter weiter flog. Es war ihr sechster EM-Titel nacheinander.

          Bronze ging durch Claudine Vita ebenfalls an das deutsche Team. Die 25-jährige Neubrandenburgerin erreichte ihre Saisonbestweite von 65,20 Metern. Pudenz' Silber war kurz nach Zehnkampf-Gold für Niklas Kaul die zweite Medaille des Abends für die deutschen Leichtathleten im Olympiastadion bei diesen European Championships.

          Pudenz hatte nach eigener Aussage schnell aus ihrem Tief bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in den USA herausgefunden. Bei der WM vor wenigen Wochen hatte sie zwar den Endkampf erreicht, war aber nach drei Würfen im Finale aus dem Medaillenrennen und wurde nur Elfte. (dpa)

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