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Deutsche Springreiter : „Wir laufen denen hinterher“

  • -Aktualisiert am

Nicht nur in Belgien die Nummer eins: Pieter Devos Bild: Picture-Alliance

Heimlich, still und leise haben sich Belgien und die Niederlande zum Nabel der internationalen Springreiter-Welt entwickelt. Warum ist das so? Der Reichtum an sportlichem Nachwuchs ist längst nicht alles.

          Beim Stichwort Belgien denken die meisten Leute an eine Sportart, die mit R anfängt. Radsport natürlich. Die Belgier sind ja dessen heimliche Erfinder und Netzwerker. Man könnte aber auch sagen: Reiten. Und zwar mehr und mehr. In Deutschland mag man es nicht gerne hören: Belgien, das kleine europäische Land, hat sich in den vergangenen Jahren zusammen mit dem Nachbarn Niederlande heimlich, still und leise zum Nabel der internationalen Springreiterwelt entwickelt.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Deutlichstes Zeichen: die Präsenz im Spitzensport. Wenn an diesem Samstag (15.15 Uhr im NDR) in Hamburg, im Rahmen des Derby-Turniers, die sechste Etappe der finanziell hochattraktiven Global Champions Tour ausgetragen wird, verteidigt der Belgier Pieter Devos seine Führungsposition in der Gesamtwertung. Er ist 33 Jahre alt, Obsthändler im großen Stil und gleichzeitig professioneller Springreiter. Devos hat ein extrem kompetitives Motto: „Wenn ich auf den Platz komme, habe ich einen ziemlich simplen Plan: Ich will gewinnen.“ Es gebe, sagt der gebürtige Wiesbadener Daniel Deußer, der seit sieben Jahren in der Nähe von Brüssel lebt und arbeitet, in Belgien einfach viele Leute, die Interesse am Top-Sport haben.

          Bis vor kurzem hat Deußer selbst mit einem Nationalitäten-Wechsel Richtung Belgien geliebäugelt, weil er die Vorschriften der Deutschen Reiterlichen Vereinigung zu einschränkend fand. Inzwischen hat er aber die vieldiskutierte Athletenvereinbarung unterschrieben und bei seiner Nationenpreis-Rückkehr in Rom vor kurzem mit zwei fehlerfreien Runden auf seinem Top-Pferd Tobago Z einen glänzenden Einstand gegeben. Das kam Bundestrainer Otto Becker sehr gelegen, obwohl seine Equipe trotzdem nur Sechster wurde. Er ist mehr und mehr gezwungen, zu improvisieren, wenn es um die Aufstellung von Nationenpreismannschaften geht. Da kommt eine stabile Größe wie Deußer gerade recht.

          Der Aachener Peter Weinberg, Nationaltrainer der belgischen Springreiter, hat dieses Problem nicht. Er schöpft aus einem erstaunlich großen Angebot von starken, jungen, glänzend berittenen Leuten. So hat etwa der einstige Olympia-Reiter Ludo Philippaerts zusammen mit seiner Frau, einer Dressurreiterin, gleich vier springreitende Söhne in die Welt gesetzt. Die beiden älteren, die Zwillinge Nicola und Olivier, gehören bereits zur internationalen Spitze. Auch ein weiterer Blick auf die Rangliste der Global Champions League zeigt, wie gut die Belgier im Geschäft sind: Hinter dem Führenden Devos liegt Niels Bruynseels, Sohn eines Pferdehändlers, auf Rang vier, gleich dahinter Jérôme Guery, mit 38 schon vergleichsweise alt.

          Deußer ist übrigens Zweiter, der nächstbeste Deutsche Marcus Ehning steht auf Rang 27. Im vergangenen Jahr, bei den Weltreiterspielen in Tryon, wurden die Belgier zwar nur Elfte und konnten sich noch nicht für die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio qualifizieren. Aber bei der nächsten Gelegenheit, den Europameisterschaften im August in Rotterdam, könnten sie durchaus zuschlagen.

          Der Reichtum an sportlichem Nachwuchs ist aber noch nicht alles. „Da spielt vielleicht sogar der Zufall ein bisschen mit“, sagt Deußer. Der unkomplizierte, pragmatische Zugang der Belgier und Niederländer, die in Bezug auf Pferdesport eine zusammenhängende Region bilden, zieht die finanzkräftigen internationalen Reiter mittlerweile magnetisch an. Dicht an dicht richten sie ihre Privatställe ein, etwa rings um Valkenswaard an der belgisch-niederländischen Grenze, wo Jan Tops, der Erfinder der Global Champions Tour, nimmermüde an neuen Konzepten tüftelt. Oder auch rings um Antwerpen. Auch die amerikanischen Milliardärstöchter Eve Jobs und Jennifer Gates haben sich in der Gegend niedergelassen, die griechische Reederei-Erbin Athina Onassis und Rock-Legenden-Spross Jessica Springsteen.

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          Sie alle nutzen die großen, praktischen Zentren wie Peelbergen, Opglabbeek, Lier, Bonheiden oder Lanaken, die rund ums Jahr Turniere veranstalten, zu denen sich Profis ganz unbürokratisch anmelden können, auch um für größere Anlässe zu trainieren oder junge Pferde an den Start zu bringen. Es gibt zum Beispiel auch Turniere zu Wochenbeginn, die Top-Reiter können dort reiten und danach zu den glanzvollen Shows am Wochenende reisen – auch zum Beispiel zu den Traditionsturnieren in Deutschland, während der Veranstaltungs-Mittelbau hierzulande schrumpft. „Unser Standort verliert an Attraktivität“, sagt Bundestrainer Otto Becker. „Wir laufen denen hinterher.“ Lediglich das Trainingszentrum von Ludger Beerbaum in Riesenbeck verfolgt eine ähnliche Strategie.

          Wo die potentiellen Kunden sich versammeln, da blüht auch der Handel. So ist der Handelsstall von Jan Tops seit Jahren einer der wichtigsten Umschlagplätze für Spitzen-Springpferde, die häufig hohe Millionensummen kosten. Auch Stephan Conter, Deußers Chef, ist ein erfolgreicher Pferdehändler, dazu Hersteller von Pferdetransportern und Motor Homes und Veranstalter von Großturnieren auf der heimischen Anlage in Meise und in Knokke. Längst wird die Handelsware auch vorwiegend zu Hause produziert, am bekanntesten ist dabei das Gestüt Zangersheide in Lanaken. Die Pferde aus belgischer und niederländischer Zucht haben die Vorherrschaft der Holsteiner und Westfalen in den Ranglisten längst gebrochen, nutzen aber deren genetisches Potential. Die Selbstbeschränkung der traditionellen deutschen Zuchtgebiete ist diesen Leuten fremd. Es geht rein nach Leistung, so wie das in Deutschland nur Paul Schockemöhle betreibt. Der Hengst Darco, mit dem Ludo Philipparts seine größten Erfolge erzielte, wurde in Belgien zum Gründer einer ganzen Dynastie. Seine Nachkommen sind zwar oft nicht besonders schön – aber dafür besonders talentiert.

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