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Verheerende Zustände in NHL : Schritte wie auf Nägeln, Löcher im Darm

  • -Aktualisiert am

Leidgeprüft: Ryan Kesler fühlte sich manchmal „wie nach einem Autounfall“. Bild: Imago

Eishockey gilt als harter Sport, der Preis für den Erfolg ist hoch. Viele Spieler können die Spätfolgen von Verletzungen nur mit starken Schmerzmitteln aushalten. Doch die NHL verharmlost das Problem.

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          Die Bilder sind in Zeitlupe. Unterlegt mit schwerer Musik. Schmerzverzerrte Gesichter, gesenkte Köpfe, anerkennende Schulterklopfer der Kollegen. Dazwischen immer wieder: Spieler, die alle möglichen Körperteile in knallharte Schlagschüsse halten, um das Gegentor zu verhindern. Und die sich danach mit letzter Kraft vom Eis quälen. Gefeiert von Fans und Reportern für ihre Opferbereitschaft. „There is a price to pay“ heißt das Video, das die nordamerikanische Eishockeyliga NHL Anfang der Woche über ihre Kanäle verbreitete. Der Preis für Erfolg, der bezahlt werden muss: Schmerzen, Narben, Blut. Doch das sei es wert, so die Botschaft am Ende, wenn man hinterher den Stanley Cup gewinnt.

          An einem gewöhnlichen Tag hätte das Video wohl nicht viel Aufsehen erregt. Die NHL haut allein auf Twitter jeden Tag diverse Filmchen raus, von Toren oder Glanzparaden, aber auch gern martialische, die ihre Spieler wie Gladiatoren erscheinen lassen. An diesem Tag aber war das anders, da kommentierte Spielerberater Allan Walsh: „Was kommt als Nächstes? Ein Tweet, der für Gehirnerschütterungen wirbt?“ Und der ehemaliger Spieler Dan Carcillo schrieb: „Die mit Abstand taubste professionelle Liga da draußen. Einige haben mit ihrem Leben bezahlt.“

          Problem mit den Schmerzen

          Kurz zuvor war nämlich ein weiteres Video erschienen, das NHL-Spieler zeigte, die Schüsse blocken, Bodychecks einstecken oder Faustschläge ins Gesicht bekommen. Nur war das kein hausgemachtes Heldenepos, sondern eine Dokumentation des kanadischen Senders TSN mit dem Titel: „The Problem of Pain“ – das Problem mit den Schmerzen. Ein halbstündiger Film über die Kultur der Gewalt und der Selbstaufgabe in der NHL, über den Missbrauch von Schmerzmitteln und die gesundheitlichen Folgen.

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          Mehrere ehemalige Spieler kommen zu Wort. Und zeichnen ein düsteres Bild der Milliarden-Show in der stärksten Eishockeyliga der Welt. Nach manchem Check fühle man sich „wie nach einem Autounfall“, sagt beispielsweise Ryan Kesler, der in 16 Jahren mehr als 1100 Spiele absolvierte. In seinen letzten Saisons nicht ohne Medikamente. „Ich wollte niemals meinem Team schaden, also musste ich spielen. Und um zu spielen, muss du Schmerzmittel nehmen. Wenn du das nicht machst, hast du den Ruf, du würdest dich nicht durch Verletzungen kämpfen.“ Nichts ist schlimmer in der Machowelt NHL. Also spielte Kesler, egal, wie schwer verletzt er war: „Ich habe mir keine Gedanken darum gemacht, was in 15 Jahren ist.“

          Der Sport zerstört den Körper

          Nun zahlt er den Preis dafür, nur den Schmerz unterdrückt, aber sich nie auskuriert zu haben. Wegen eines Hüftschadens sei „jeder Schritt wie auf Nägeln“, seine Kinder fragten schon gar nicht mehr, ob er mit ihnen spielen will, sie wissen, dass er nicht kann. Kesler ist 36 Jahre alt. Und leidet seit Jahren. Wegen des Schmerzmittelkonsums habe er Löcher und Geschwüre im Darm gehabt, „du musst 30, 40 Mal am Tag auf die Toilette. Und wenn du auf die Toilette gehst, siehst du Blut.“

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          Mit Blut kennt sich auch Zenon Konopka aus. Konopka, heute 39, gehörte zu einer aussterbenden Art. Er war ein „Goon“, einer, der nicht für Tore oder Traumpässe bezahlt wird, sondern dafür, den Schläger beiseitezulegen und die Fäuste fliegen zu lassen. Im Laufe seiner neun NHL-Jahre erlitt er diverse Knochenbrüche im Gesicht, das mit „700 Stichen“ geflickt wurde. Nicht selten sei er am Morgen danach in „blutigem Bettzeug“ aufgewacht. Pausieren stand aber auch für ihn nicht zur Debatte: „Du bist darauf programmiert, ein Tier zu sein“, sagt er. Was natürlich nicht ohne Schmerzmittel funktioniert hätte. „Ich habe das jeden Tag genommen. Es wäre unmöglich gewesen, ohne durch die Saison zu kommen.“ Heute leidet er darunter. An manchen Tagen kommt er kaum aus dem Bett.

          Konopka hat sogar noch Glück. Andere Goons landeten auf der Straße oder begingen Suizid. Die immer neuen Einschläge hatten für dauerhafte Gehirnschäden gesorgt, Betroffene flüchteten sich in Medikamenten- oder Alkoholabhängigkeit, erlebten Persönlichkeitsveränderungen und wurden depressiv.

          NHL ist sich keiner Schuld bewusst

          Die NHL weist jede Verantwortung von sich. Also haben sich wie in der Football-Liga NFL auch ehemalige Eishockeyspieler zusammengetan und ihre Liga auf Schadenersatz verklagt. Sie werfen der NHL vor, sie nicht ausreichend geschützt zu haben. „Keine Aufklärung, kein Wissen. Niemand sagt uns, was die Pille macht“, sagt Kyle Quincey, bis 2018 13 Jahre lang in der NHL aktiv. Er sei „kein Superstar“ gewesen, habe immer um seinen Platz kämpfen müssen.

          Also habe auch er Verletzungen unterdrückt. Mit Mitteln, die unabhängige Ärzte laut TSN nicht für den Langzeitgebrauch empfehlen. „Als junger Spieler traut man sich nicht, nach einer zweiten Meinung zu fragen.“ Man vertraue den Teamärzten und Coaches, und genau da sei das Problem, denn die hätten einen „Interessenkonflikt“. Deutlicher wird Ryan Kesler: „Die Ärzte und Trainer werden alle von den Klubs bezahlt, und die wollen die Jungs auf dem Eis sehen. Die Manager, die Besitzer wollen die Spieler spielen sehen. Ich weiß das, jeder in der Liga weiß das.“

          Kurz nach der Ausstrahlung der Dokumentation reagierte die Canadian Athletic Therapists Association und ermahnte ihre Branche: „Das Wohl und das Wohlbefinden des Patienten hat für einen zertifizierten Sporttherapeuten oberste Priorität.“ Auch die NHL reagierte. Nicht mit einem Statement, eher still und heimlich. Ihr „There is a price to pay“-Video ist nicht mehr zu finden.

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