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Heftige Kritik an Putin : „Sie töten dich, sie vergiften dich“

„Denk häufiger“: Artemij Panarin, hier noch im Trikot der Columbus Blue Jackets im April 2019 Bild: AFP

Angriff vom linken Flügel: Eishockey-Star Artemij Panarin positioniert sich mit drastischen Worten gegen den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin und dessen System. Es ist ein wohl einmaliger Bruch.

          Es mag das Selbstbewusstsein des Weltstars sein, die Dollarmillionen, die amerikanische Freiheitserfahrung, ein Gespür für den Zeitgeist oder eine Kombination von alldem: Der russische Eishockeyspieler Artemij Panarin, hat in einem Interview mit dem Portal Sport.ru Präsident Wladimir Putin kritisiert, der seit Beginn des Jahrtausends herrscht. „Ich denke, er versteht schon nicht mehr, wo Gutes und wo Schlechtes ist“, sagt der 27 Jahre alte Panarin darin. „Mir scheint, er kann schon psychologisch nicht mehr einfach nüchtern eine Situation beurteilen, weil es viele Leute gibt, die ihn zu Entscheidungen bringen. Wenn sie dir zwanzig Jahre lang sagen, was für ein Prachtkerl du bist und alles richtig entscheidest, glaubst du dann, du wirst deine Fehler sehen?“

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Das knapp einstündige Video des Interviews wurde bis Sonntagmittag auf Youtube mehr als eine halbe Million Mal angeklickt. Es steht für einen Bruch, üblicherweise geht es in Russland andersherum: Sportler ergreifen Partei für Putin, der selbst besonders beim Eishockey, dem russischen Nationalsport, vor Fernsehkameras Fitness und Torgefährlichkeit demonstriert. Auch etliche Eishockeystars stießen vor Putins jüngster Bestätigung im Präsidentenamt im Frühjahr 2018 zu einer Kreml-Bewegung namens „Putin Team“, auch aus der amerikanischen NHL, in der Panarin seit 2015 spielt.

          Gerade hat der Angreifer auf dem linken Flügel, der 1991 im Gebiet Tscheljabinsk im Ural geboren wurde, einen Siebenjahresvertrag mit den New York Rangers abgeschlossen. Der macht ihn mit 11,6 Millionen Dollar Jahresgehalt zu dem am besten bezahlten russischen Sportler und zu dem Eishockeyspieler mit dem zweithöchsten Gehalt der Welt. Es läuft auch privat für Panarin, er ist mit Alissija Snarok, einer Tochter des ehemaligen Trainers der russischen Eishockeynationalmannschaft, Oleg Snarok, liiert, mit der er oft über Politik rede, wie Panarin in dem Interview erzählt. Darin tritt er barfuß, lockig und freundlich auf, legt immer wieder die Hand aufs Herz, um seine Ernsthaftigkeit zu beteuern.

          Er könne sich irren, hebt der Spieler hervor, wolle niemandem seine Meinung aufdrängen und liebe Russland sehr, für das ihm mit der Eishockeynationalmannschaft etliche Erfolge gelangen. Wer Recht habe, werde die Zeit zeigen, „aber es ist schon ziemlich viel Zeit vergangen“ und wer Recht habe, sei eigentlich schon verständlich.

          Panarin empfing den Mitarbeiter von Sports.ru in seiner Neubauwohnung in Sankt Petersburg, die ihn „etwas mehr“ als umgerechnet 423.000 Euro gekostet habe. Das Geld gebe ihm Freiheit und Stabilität, hebt Panarin hervor, ändere ihn aber nicht. Er wolle, dass es den einfachen Leuten in Russland besser gehe, sie sich Wohnungen und medizinische Versorgung erlauben könnten, sagt Panarin – und klingt ganz wie einer der jungen Russen, die derzeit wieder gegen die Verkrustung des Machtsystems aufbegehren.

          Zu Beginn habe er mit Putin sympathisiert, doch seine Ansicht habe sich mit der Zeit geändert, sagt der Eishockeystar. Ihm gefalle, dass der Präsident der Vereinigten Staaten nur für zwei Amtszeiten regieren könne. Dort könne jeder Star, Sportler, Sänger den Präsidenten kritisieren – und nichts geschehe ihm. In Russland gehe man hingegen davon aus, dass man von der Macht nicht schlecht reden dürfte: „Sie töten dich, vergiften dich. So etwas darf nicht sein.“ Unter Putin missfalle ihm die „Gesetzlosigkeit“, sagt Panarin. Es stimmten nur deshalb „leider 70 Prozent“ für Putin, „weil es keine andere würdige Alternative gibt.

          Das liegt daran, dass es keine Freiheit des Wortes gibt. Keine Kanäle, die den Großmüttern die Wahrheit erzählen würden. Es gibt nur Nawalnyj mit seinen drei Millionen Abonnenten, aber das ist wenig“, sagt Panarin unter Bezug auf den führenden Oppositionellen des Landes, Alexej Nawalnyj, der mangels Zugangs zu den gelenkten Medien auf das Internet, so Youtube, angewiesen ist. „Ich bin mehr Patriot als alle die Leute, die die Probleme verschweigen.“ In Russland entwickelten sich nur Moskau und Sankt Petersburg, die Leute in den Regionen „arbeiten für Moskau“, anders als in den Vereinigten Staaten, wo Steuergelder in den Bundesstaaten blieben. „Das ist ungerecht.“

          Es sei „unser Fehler“, sagt Panarin über Putin, „dass wir ihn wie einen Supermann sehen. Aber er ist so einer wie wir, und der Idee nach dient er uns. Für mich ist er kein Übermensch.“ Panarin postete den Link zum Interview auf seiner Instagram-Seite. Dank, Lob und Zuspruch gab es, aber auch Kritik daran, dass er „in die Politik gegangen“ sei. Darauf antwortete der Sportler: „Denk häufiger.“

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