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Eishockey-Goalie Olaf Kölzig : Der Entwicklungshelfer der NHL

  • -Aktualisiert am

Keine Chance für den Gegner: Olaf Kölzig (links) 2007 bei den Washington Capitals Bild: Picture-Alliance

Jahrelang gehörte der Deutsche Olaf Kölzig zu den besten Eishockey-Torhütern der Welt. Doch noch immer kommt der mittlerweile 50-jährige „Olie The Goalie“ nicht von der NHL los. Warum?

          3 Min.

          Eine große Feier ist nicht geplant. Auch in den Vereinigten Staaten sollen die Menschen wegen der Corona-Pandemie möglichst zu Hause bleiben und sich nicht in größeren Gruppen versammeln. Doch das hatte Olaf Kölzig selbst für seinen 50. Geburtstag an diesem Montag nicht vor: „Ich bin kein Partytyp. Es gibt ein nettes Abendessen mit Frau und Kindern. Und wenn wieder alles normal läuft, dann fahren meine Frau und ich ein paar Tage weg.“

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          Normal ist derzeit allerdings wenig. Und das passt irgendwie zu Kölzig, dessen Lebensweg wenig typisch ist für einen, der jahrelang zu den besten Eishockeytorhütern der Welt gehörte. Das fing schon mit seinem Geburtsort an: 1970 kam der Sohn von deutschen Hoteliers im südafrikanischen Johannesburg zur Welt, von dort ging es erst nach Dänemark, 1973 nach Kanada. Deutschsein, das war etwas in den eigenen vier Wänden. Die Sprache, das Essen, die Bräuche, die Einrichtung. „Wenn wir im Sommer zu meinen Großeltern nach Deutschland geflogen sind, sah ihr Haus aus wie unseres in Kanada, und an Nikolaus habe ich abends meine Stiefel nach draußen gestellt, und am nächsten Morgen war da Schokolade drin.“

          Ansonsten wuchs Kölzig auf wie die meisten anderen Kinder in Kanada, ging auf eine normale Schule, sprach mit den Freunden Englisch und spielte Eishockey. Das tat er so gut, dass er es mit 16 Jahren in die höchste Juniorenliga schaffte und 1989 in der ersten Runde des NHL-Drafts von den Washington Capitals ausgewählt wurde. Im selben Jahr sollte er Kanadas Tor hüten bei der U-20-Weltmeisterschaft. Er war auch bereits im Trainingscamp, als die Spieler ihre Pässe mitbringen sollten, um die Visa für die Reise nach Alaska auszufüllen.

          „Meiner hatte aber zu viele Nummern für ein Feld, also habe ich jemanden gerufen. Der schaute sich meinen Pass an und sagte: ,O mein Gott, du bist Deutscher?‘“ Kurz später war der Traum von der U-20-WM vorbei. Eine große Enttäuschung sei das gewesen, sagt Kölzig, „aber im Endeffekt war es sogar gut, dass es passiert ist, sonst hätte ich später nicht mehr für Deutschland spielen können“. Das tat er. 1996 beim World Cup of Hockey machte Kölzig sein erstes von 30 Länderspielen, später lief er auch bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen für die DEB-Auswahl auf.

          Wobei die entscheidenden Schritte in der NHL stattfanden. Es dauerte allerdings Jahre, bis er ganz oben ankam. Weil er jeden erdenklichen Rückschlag erlitt: Formschwäche, Verletzungen, Saisonabsage wegen eines Tarifstreits zwischen Liga und Spielern. Gezweifelt habe er zwar nie, aber „erst 97/98 habe ich gefühlt, dass ich mit den Besten mithalten kann“. In dem Jahr war Kölzig endlich Stammtorwart in Washington und führte die Capitals mit überragenden Leistungen ins Finale um den Stanley Cup. Von nun an gehörte er zur Elite. Zwei Jahre später wurde er mit der Vezina-Trophy als bester Torwart der NHL ausgezeichnet.

          In voller Montur: Olaf Kölzig (rechts) 1997 bei der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft

          Kölzig half dabei, die Capitals zu einer großen Nummer in der Hauptstadt zu machen. Als die Fans 2004 zum 30. Geburtstag des Teams die besten 30 Spieler der Vereinsgeschichte wählen sollten, landete „Olie The Goalie“, wie sie ihn bis heute nennen, auf Rang eins. Außerhalb war er das Gesicht des Vereins, auch wegen seines Engagements für Familien mit autistischen Kindern; sein eigener Sohn Carson ist Autist. Innerhalb der Kabine war Kölzig eine Art großer Bruder für neue Supertalente wie den Russen Alexander Owetschkin oder den Schweden Nicklas Bäckström. Kölzig war ein Star, unterschrieb Millionenverträge und verdiente mehr als Fußballtorwart Oliver Kahn. Nur bekam das in Deutschland kaum jemand mit. Was ihn nie störte.

          2004/05, die NHL pausierte wegen eines Tarifstreits, wechselte er nach Berlin. Zwar verletzte er sich wieder und machte nur elf Spiele, holte mit den Eisbären aber die Meisterschaft und lernte die Heimat seiner Vorfahren neu kennen. Danach erlebte Kölzig noch vier Jahre in der NHL, nach einer zweijährigen Pause wurde er Torwarttrainer. Doch das Leben unterwegs war nicht mehr seines. Also ging er zum Management und stellte seine Ideen für eine neue Position im Verein vor: Er wollte Entwicklungstrainer werden, allerdings nicht auf dem Eis, sondern daneben.

          Seitdem ist Kölzig eine Mischung aus Lebenshelfer, Sozialpädagoge, Psychiater für junge Spieler, die neu in die Liga kommen. „Viele Jungs haben bis dahin bei Familien oder in Colleges gelebt, jetzt sind sie plötzlich auf sich gestellt, haben viel Freizeit und bekommen eine Menge Geld.“ Der Übergang sei keine einfache Zeit. Also erkläre Kölzig ihnen zum Beispiel, wie man Rechnungen bezahlt, sich ein Auto oder Möbel kauft, eine Wohnung mietet, was sie im Supermarkt einkaufen sollen. Oder wie man mit Erfolg oder Misserfolg umgeht.

          Derzeit ruht sein Geschäft etwas. Auch in Nordamerika pausiert das Eishockey. Die Spieler sind viel zu Hause. Also ruft Kölzig sie an, fragt, wie sie die Langeweile überstehen, und organisiert gemeinsame Trainingseinheiten per Video. Viel zu tun sei aber nicht. Das kommt ihm entgegen. Er mag es mittlerweile ruhiger. Besonders an diesem Montag.

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