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NFL : Gottes Quarterback

  • -Aktualisiert am

Tebowing: Tim Tebow betet am Spielfeldrand Bild: dapd

Die National Football League nähert sich der Entscheidung: Tim Tebow führt die Denver Broncos unter die besten acht Teams im American Football. Doch der Missionarssohn spaltet mit seinem religiösen Eifer die Nation.

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          Eigentlich ist der Hinweis aus der Bibel deutlich: „Wenn ihr betet”, steht im sechsten Kapitel des Matthäus-Evangeliums, „macht es nicht wie die Heuchler. Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten.” Aber dieses Bibelzitat stört den 24-jährigen Jared Kleinstein und seine Freunde nicht bei ihrer Heldenverehrung für Tim Tebow, der auf dem Platz immer wieder sichtbar betet.

          Sie sind Fans der Denver Broncos und in diesen Tagen in Hochstimmung. Denn ihre Football-Mannschaft ist dank Tebow so erfolgreich wie schon lange nicht mehr. Am Sonntag besiegten die Broncos im Wildcard-Game die favorisierten Pittsburgh Steelers nach Verlängerung 29:23 und zogen in die reguläen Play-offs der besten acht Teams der National Football League (NFL) ein.

          Entscheidender Mann: Tim Tebow führt die Broncos in die Runde der besten acht
          Entscheidender Mann: Tim Tebow führt die Broncos in die Runde der besten acht : Bild: REUTERS

          Auch dieser Sieg ist mit dem Namen des Quarterbacks Tebow verbunden, der mit einem Pass über 20 Yards zu Dermaryius Thomas, der anschließend den Ball über 80 Yards zum Touchdown in die Endzone trug, für die Entscheidung sorgte. Der 24-jährige Tebow bricht in einer Sportart mit haarklein ausgetüftelten Spielzüge, in denen sich im Idealfall Menschen wie ferngesteuerte Marionetten bewegen, jede Konvention und macht aus der Not eine Tugend.

          Tebowing als Massenbewegung

          Tebows Improvisationskünste sind der Grund dafür, dass das Team aus Colorado in dieser Saison auffallend oft und wie durch ein Wunder kurz vor Schluss noch Begegnungen gewann, die längst verloren schienen.

          Dieses Talent wäre für sich genommen schon bemerkenswert genug. Doch Kleinstein fiel bei einem dieser Siege gegen die Miami Dolphins, den er in einer Kneipe verfolgte, noch etwas anderes auf. „Ich habe auf den Bildschirm hochgeschaut und bemerkt, dass Tim mit einem Bein kniete und betete, während jeder andere um ihn herum feierte.”

          Als Kleinstein und seine Freunde das Lokal verließen, baten sie einen anderen Gast, ein Foto zu knipsen, auf dem die Gruppe nebeneinander in der gleichen Pose zu Boden sank und den Kopf in die Hand stemmte, was auf entfernte Weise an die Skulptur „Der Denker“ von Auguste Rodin erinnert.

          Der Messias: Tebow lässt sich feiern
          Der Messias: Tebow lässt sich feiern : Bild: REUTERS

          Das Bild lud er unter dem Titel „Denver-Juden in NYC für Tebow” hoch, dachte sich einen anspielungsreichen Begriff für diese Art der Verbeugung aus und registrierte ihn als Webadresse: www.tebowing.com. Die Seite hatte am ersten Tag 785 Besucher, 10.000 am zweiten und mehr als 350.000 am Tag danach. Sie wurde so etwas wie die Urzelle für die wachsende Popularität des auf den Philippinen geborenen Sohn eines amerikanischen Missionaren-Ehepaars, der mit seinem christlichen Eifer in den religiös geprägten Vereinigten Staaten zu einem Phänomen geworden ist.

          Öffentliche Andacht: Der streng gläubige Tebow neben Teamkameraden
          Öffentliche Andacht: Der streng gläubige Tebow neben Teamkameraden : Bild: REUTERS

          So ahmte Ski-Olympiasiegerin Lindsey Vonn Anfang Dezember in Beaver Creek bei der Siegerehrung die Pose nach. Tim Tebow gab dem Verbeugungsrummel via Twitter denn auch seinen Segen: „Tebowing - knien und beten, wenn jeder um dich herum etwas komplett anderes macht. Ich liebe das!”

          Während für die meisten Amerikaner die Ehrfurchtshaltung des Quarterbacks rasch zu einem Gag verkam, produzierte Tebow eine Serie von Erfolgen. Das Team mit dem höchstgelegenen Stadion der Liga (Mile High Stadium) erreichte dank dem „Mile-High-Messias“ oder „God‘s Quarterback“ Tebow zum ersten Mal seit sechs Jahren in den Play-offs der besten zwölf Mannschaften und steht nach dem Erfolg gegen die ersatzgeschwächten Steelers nun sogar im Viertelfinale. Dort treffen die Broncos am Samstag auf die New England Patriots, denen sie im Dezember in der regulären Saison 23:41 unterlagen.

          Doch während der sportliche Erfolg der Mannschaft im Fall einer Niederlage zu Ende wäre, gehen die Diskussionen um die offene Bekenntniskultur im Sport weiter. „Die Rolle von Religion ist enorm”, sagt Kurt Warner, der mit den St. Louis Rams die Super Bowl gewonnen hat und zu einer Gruppe von Athleten gehört, die auf Schritt und Tritt ihre christliche Haltung betonen.

          Doch nicht jeder Gleichgesinnte hat für Tebows Aktionen Verständnis. Lincoln Blumell etwa, der als College-Quarterback in Kanada spielte und nun an der Mormonen-Universität Brigham Young in Utah lehrt, betete einst lieber vor und nach jedem Spiel in aller Stille in der Umkleidekabine. Seine Begründung: Jede öffentliche Inszenierung wirke unaufrichtig.

          Bibel-Zitate unter den Augen

          Tebow hingegen liefe vermutlich am liebsten als Bibel-Litfasssäule herum. In seiner Zeit am College an der Universität Florida trug er unter den Augen schwarze Aufkleber mit Hinweisen auf Bibelzitate. Dazu gehörte Johannes 3, Vers 16: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“

          Derartige Werbung wurde inzwischen von den Administratoren des Collegesports untersagt. Das alles hat Tim Tebow zu einem berühmten, aber auch umstrittenen Mann gemacht. Auch die Kritik an ihm werde von religiösen Gefühlen geprägt, behauptet Howell Scott - Blogger und Pastor einer Baptistengemeinde in New Mexico. „Es sind oft antichristliche Vorurteile. Leute wollen, dass er auf die Nase fällt.“

          Eine derartige Einschätzung vertuscht allerdings nicht die Kritik an dem Quarterback von Kennern des Footballspiels. Sicher - er fand in dieser Saison immer wieder einen schier unglaublichen Weg, um einem Mitspieler einen Pass zuzuwerfen, und so das Spiel aus dem Feuer zu reißen. Aber kein anderer Stammspieler auf seiner Position warf in der abgelaufenen Saison statistisch gesehen auch so viele ungenaue Pässe, die dann nicht bei seinen Vorderleuten ankamen, wie der Linkshänder, der das letzte Spiel der regulären Saison gegen die Kansas City Chiefs – eine 3:7-Niederlage – quasi im Alleingang versiebte.

          Sein Cheftrainer John Fox sieht die Sache denn auch eher säkular: „Er ist ein Vorbild. Das habe ich kapiert. Aber wir spielen hier Profi-Football. Und so muss er Leistung bringen.”

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