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Draft-Spektakel in der NFL : Die Jaguars und das Jahrhunderttalent

Der Milliardär mit dem Schnäuzer: Shahid Khan hat mit den Jaguars aus Jacksonville Großes vor. Bild: Picture-Alliance

Neue Spieler für fast eine Milliarde Dollar und trotzdem chronisch schlecht: Bei der Draft darf das NFL-Team von Milliardär Shahid Khan als Erstes wählen – und will damit die Zukunft definieren.

          3 Min.

          Shahid Khan ist ein Mann, der nicht lange zögert. Das hat er nicht, als er in den 1960er Jahren aus Pakistan in die Vereinigten Staaten gekommen ist, ohne Geld, nur mit dem festen Glauben an eine Perspektive. Und das hat er nicht, als er vor knapp zehn Jahren das Football-Team Jacksonville Jaguars gekauft hat. Für kolportierte 770 Millionen Dollar.

          Jan Ehrhardt
          Sportredakteur.

          Khans Entschlossenheit hat ihn reich gemacht. Mittlerweile sind die Jaguars etwa 2,45 Milliarden Dollar wert, sein Privatvermögen wird auf acht Milliarden Dollar geschätzt (6,65 Milliarden Euro). Damit zählt der Unternehmer dem „Forbes“-Magazin zufolge zu den 70 reichsten Amerikanern, die Liste der reichsten Pakistani führt er mit großem Vorsprung an. Allerdings, und das ist etwas, was immer wieder zu hören ist über den Mann mit dem schick gezwirbelten Schnauzbart, hat ihn diese Entschlossenheit nicht nur reich gemacht. Sondern auch berüchtigt.

          Zu hoch dotierte Verträge, kaum Kompetenz

          Gleich im ersten Jahr als Teambesitzer feuerte er seinen Cheftrainer und den damaligen Geschäftsführer der Franchise. Auch gleich in diesem ersten Jahr gingen die Jaguars mit Khans Zustimmung eine langfristige Vereinbarung mit der National Football League (NFL) ein, die sie verpflichtete, pro Saison jeweils mindestens ein Heimspiel im Londoner Wembley-Stadion auszutragen. 2021 werden es sogar zwei Heimspiele sein. Das steigerte den Bekanntheitsgrad der Mannschaft (und der NFL) vor allem in Europa erheblich, bedeutete aber einen enormen logistischen und in Teilen auch finanziellen Aufwand. Überhaupt hat Jacksonville unter Khans Einfluss horrende Summen ausgegeben, für Infrastruktur etwa, vor allem aber für neue Spieler.

          Auf dem Sprung? Die Jaguars wollen in der NFL für Furore sorgen.
          Auf dem Sprung? Die Jaguars wollen in der NFL für Furore sorgen. : Bild: Picture-Alliance

          Sage und schreibe 835 Millionen Dollar investierten die Jaguars zwischen den Saisons 2011 und 2017 auf dem freien Spielermarkt, das ist selbst in der kapitalgetriebenen NFL außergewöhnlich und beinahe doppelt so viel wie der ligaweite Durchschnitt (437 Millionen Dollar) in diesem Zeitraum. Während die anderen 31 Mannschaften der NFL für dieses Geld im Schnitt 81 Profis finanzierten, gab Jacksonville seine Millionen für nur 73 Spieler aus. Offensichtlich zu hoch dotierte Verträge sind ein Vorwurf von Experten, gegen den sich die Franchise aus dem Bundesstaat Florida seit vielen Jahren wehren muss. Ein anderer: fehlende Kompetenz auf den sportlichen Entscheiderpositionen. Denn: All diese Investitionen führten bislang zu keinerlei Erfolg.

          Tatsächlich waren die Jaguars seit ihrer Gründung 1995 meist eines der schlechtesten Teams der gesamten Liga. Auch mit der Übernahme durch Khan, dem außerdem der englische Fußballklub FC Fulham gehört, und seinen kräftigen Finanzspritzen änderte sich das nicht. Nur einmal erreichte Jacksonville in dieser Zeit die Play-offs. In der vergangenen Spielzeit gewann die Mannschaft nur ein einziges ihrer 16 Spiele. Khan feuerte daraufhin ein weiteres Mal seinen Cheftrainer und Geschäftsführer.

          Ein Pick mit unschätzbarem Wert

          Doch es deutet sich ein Wandel an im sonnigen Duval County, wo die Franchise beheimatet ist, die ein Stadion mit eingebautem Swimmingpool besitzt. Das hat vor allem mit dieser fast schon desaströsen Saison 2020 zu tun. Daraus resultierte das Recht, bei der Draft, der Talenteziehung der NFL, bei der die besten Nachwuchsspieler an die Teams verteilt werden, als Erstes zu wählen. Dieser sogenannte „first pick“, der in der Regel der schlechtesten Mannschaft der Vorsaison zugewiesen wird, könnte für Jacksonville einen geradezu unschätzbaren Wert entwickeln.

          Soll den Wandel in Jacksonville herbeiführen: Trevor Lawrence
          Soll den Wandel in Jacksonville herbeiführen: Trevor Lawrence : Bild: AP

          Mit ihrem „first pick“ werden sich die Jaguars in der Nacht von Donnerstag auf Freitag wohl für den 21 Jahre alten Quarterback Trevor Lawrence entscheiden. Ein Spieler, der als „Jahrhunderttalent“ gilt. Gerüchten zufolge soll Jacksonville im vergangenen Jahr sogar absichtlich Spiele verloren haben, um sich in eine bestmögliche Position für den Spielmacher zu bringen. Ein Verhalten, das in der NFL nicht unüblich ist, wenn bei der Draft die Aussicht auf herausragende Nachwuchsspieler besteht, zumal auf der oft spielentscheidenden Position des Quarterbacks. Genau ein solcher habe seiner Franchise bislang gefehlt, sagte der mittlerweile 70 Jahre alte Khan in dieser Woche. „Jetzt können wir eine Wahl treffen. Und diese Wahl wird die Zukunft definieren.“

          Vom Tellerwäscher zum Milliardär

          Der Jaguars-Besitzer soll sich schon vor Monaten auf Lawrence als nächsten Spielmacher festgelegt haben. Der neue Cheftrainer Urban Meyer, der es bei den Verhandlungen mit Khan zur Bedingung gemacht haben soll, dass dieser eine hohe Summe in den Ausbau des Trainingsgeländes investiert, soll sich seit Wochen mit dem jungen Quarterback über seine Pläne für die neue Saison austauschen. Ob diese tatsächlich zum Erfolg wird, wird aber nicht nur von Lawrence und seinen Leistungen abhängen, sondern auch davon, ob die Franchise ihre schwache Mannschaft auch auf anderen Positionen entscheidend verstärkt.

          An der Entschlossenheit von Khan aber, der im Alter von 16 Jahren für ein Studium nach Amerika gekommen ist und – tatsächlich – sein erstes Geld (1,60 Dollar pro Stunde) als Tellerwäscher verdient hat, und es vom Tellerwäscher – tatsächlich – zum Millionär, vielmehr: Milliardär (in der Automobilindustrie) geschafft hat, wird dies jedenfalls nicht scheitern.

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