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New York : Die Surfer aus der atemlosen Stadt

  • -Aktualisiert am

Hinein ins Vergnügen: „Surfen macht Spaß” Bild: Claus Bierschneider

Morgan Collett importiert das Lebensgefühl der Westküste und die ewige Jagd nach der perfekten Welle in die Stadt der Ambition: Sein „Saturdays“ ist der einzige Surfer-Shop in New York. Strand und Wellen gibt es auch hier genug.

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          Morgan Collett ist mit Leib und Seele Surfer, doch um diese Uhrzeit wünscht er sich jedes Mal wieder, er hätte sich einen bequemeren Sport ausgesucht. Es ist Viertel vor fünf in Manhattan, und die Stadt, die angeblich niemals schläft, macht zumindest ein kurzes Nickerchen. Auf dem Broadway kann man mit dem Fahrrad Schlangenlinien fahren, außer den Müllwagen und den ersten Zeitungslastern ist kein Auto weit und breit zu sehen. Sogar die gelben Taxis haben Feierabend gemacht.

          Morgan ist vor zwei Stunden nach Hause gekommen, er hat bis um halb drei in der Bar des Thompson-Hotels aufgelegt. Jetzt steht er im Kellerraum seines Geschäfts in der Crosby Street auf der Lower East Side und wachst sein Brett, als sein Partner Josh zur Tür hereinkommt und auf seinem MacBook ein letztes Mal die Wellen- und Windverhältnisse entlang der Küste von New Jersey checkt. Morgan und Josh sind die Inhaber von „Saturdays“, dem einzigen Surf-Shop von New York. Beide kommen von der Westküste, Josh aus Seattle, wo man am Freitagnachmittag zum Snowboarden in die Berge fährt, und Morgan aus Südkalifornien, wo Surfen im Sportunterricht Pflichtfach ist und manche Banker in der Mittagspause in die Shorts steigen, um ein paar Wellen zu reiten. Und beide wollten auf diesen Lebensstil nicht verzichten, als sie nach New York kamen. Sie wollten beweisen, dass man auch hier anders leben kann, als sich nur bei der Hatz nach Geld und Erfolg aufzureiben, wollten den freien Lebensstil der ewigen Jagd nach der perfekten Welle in die Stadt der Ambition und der Atemlosigkeit importieren.

          Und warum auch nicht. Strand und Wellen gibt es in New York genügend. Nur eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt, noch auf dem Stadtgebiet, liegt neben dem Kennedy-Flughafen die Halbinsel Far Rockaway. Die Leute, die dort in den Plattenbauten am zehn Kilometer langen Strand leben, surfen schon seit Jahrzehnten. Gleich dahinter fängt Long Island an mit 300 Kilometern Küstenlinie. Am äußersten Zipfel der Insel, in Montauk, schwellen zur Orkansaison im Herbst die Wellen bis zu vier Meter hoch. Und in Richtung Süden schwappt der Atlantik bis hinunter nach Atlantic City auf feinsten weißen Sand. Nach Sandy Hook, dem nördlichsten Strand von Jersey, kann man vom Südzipfel Manhattans aus sogar mit der Fähre fahren.

          Auch an der Ostküste gibt es Wellen: Morgan Collett in Aktion
          Auch an der Ostküste gibt es Wellen: Morgan Collett in Aktion : Bild: Claus Bierschneider

          Jeder will nur noch eine Welle reiten - und noch eine

          Rund um das „Saturdays“ hat sich eine kleine Surfer-Community gebildet, die tagsüber den efeuüberwucherten Hinterhof des Ladens im Szene-Viertel SoHo bevölkert und gemeinsam rausfährt, sobald der Wind und die Wellen günstig sind. So wie heute früh. Es ist nicht einmal halb sechs, als die Kolonne von drei Autos die Mautstation am Ausgang des Holland Tunnel in New Jersey passiert, die Dachgepäckträger mit Boards voll gestapelt. Als es um Viertel nach sechs dämmert, sieht die Welt schon viel freundlicher aus. Der „Saturdays“-Konvoi biegt auf den Parkplatz von Monmouth Beach ein; acht müde Gestalten schlurfen an die Strandpromenade, lehnen sich an das Geländer und blinzeln durch dunkle Sonnenbrillen in die aufgehende Sonne, deren Strahlen fröhlich über das Wasser tanzen.

          „Auf geht's, Jungs, Surfen macht Spaß“, sagt Morgan nach zehn Minuten des stummen, meditativen Wellenstudiums, nicht zuletzt, um sich selbst dazu zu motivieren, in das zwölf Grad kalte Meer zu springen, in vier Millimeter dicken Neoprenanzügen. Eine Viertelstunde später kommt Morgan mit einem breiten Grinsen und seinem Board unter dem Arm von ganz weit außen den Strand hinuntergelaufen. Er ist gerade eine Drei-Meter-Welle geritten, bis er Sand unter dem Kiel hatte, und hat dabei den „salzigen Jungs aus Jersey“, wie er die Homeboys von hier nennt, gezeigt, was die New Yorker Wellenreiter so draufhaben. Drei Mal hat er das Brett dabei gegen die Wellenrichtung gewendet, ist mit seinem kleinen, wendigen Board senkrecht über den Kamm in die Luft geschossen und nach einem Snowboard-artigen Dreher wieder präzise im Wellentunnel gelandet. Zwei Stunden und ein gutes Dutzend Wellen später fällt Morgan ein, dass in Manhattan ein Geschäft auf ihn wartet. Mit größter Mühe sammelt er Josh und die anderen ein, die bei ihm im Laden arbeiten. Jeder will nur noch eine Welle reiten. Und noch eine. Und noch eine.

          Hochbetrieb im „Saturdays“

          Um halb elf erscheint das alles nur noch wie ein Traum. Joshs Kombi steht im dichten Verkehr der völlig verstopften Canal Street. Taxifahrer hupen, Fahrradkuriere drängeln sich zwischen Stoßstangen hindurch und fluchen, Polizisten blasen verzweifelt in ihre Trillerpfeifen. Josh und Morgan bearbeiten beide hektisch ihre Blackberrys, machen Termine, ärgern sich mit Nähereien für ihre T-Shirts in Hongkong und mit Fotografen herum, die ihre Herbstkollektion schießen sollen.

          Als sie in der Crosby Street ankommen, ist bereits Hochbetrieb im „Saturdays“. Das Bürovolk aus dem Viertel steht an der Espressobar Schlange und wühlt nebenbei durch die Strandmode, die den rustikalen Raum mit seinen rohen Backsteinwänden füllt. Schließlich steht der Sommer vor der Tür. Als Josh und Morgan ihre Bretter und die Taschen mit den Surfklamotten in das Büro im Keller pfeffern, um sich an die Arbeit zu machen, rieselt ein Häuflein Sand aus New Jersey auf den Waschbetonboden. „Morgen früh Rockaway?“, fragt Josh seinen Kumpel. Morgan nickt, blinzelt ihm zu. Morgen früh Rockaway, was sonst?

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