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Eishockey-WM : Mit Söderholm beginnt eine andere Zeitrechnung

Macht alles etwas anders: Söderholm Bild: AP

Eishockey-Bundestrainer Toni Söderholm hat sich für das DEB-Team finnische Unterstützung geholt. Als Nächstes wollen sie es seinem Heimatland Finnland zeigen. Nur darauf liegt jetzt sein Fokus.

          3 Min.

          Früher wären spätestens jetzt bei der Delegation des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) und ihrem Anhang die Taschenrechner erstmals rausgeholt worden. Eine Niederlage gegen eine Nation außerhalb der Top acht, so wie am Mittwoch im Duell mit Kasachstan geschehen, hätte vor dem zweiten Wochenende, das bei einer WM stets wegweisenden Charakter besitzt, zu einer Vielzahl an „Was wäre wenn“-Gedankenspielen geführt: Wie viele Punkte brauchen wir noch, um den Abstieg zu verhindern? Und welche Resultate könnten uns bei den Partien der Gegner wohl am ehesten helfen?

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          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Toni Söderholm will generell von alledem, was vor seiner Amtsübernahme als Bundestrainer an der Tagesordnung war, wenig wissen: Sein „Fokus“, wie er es nennt, gilt ausschließlich dem, was als Nächstes „in den eigenen Händen“ liegt, um so vor allem den Abstand zu den sportlich herausragenden Kreisen zu verkleinern.

          Der 43-Jährige lässt gerne erkennen, dass mit ihm nichts weniger als eine andere Zeitrechnung begonnen hat. Ihm kommt es mehr als allen Kollegen, die vor ihm den Verbandsjob ausgefüllt haben, darauf an, dass die Nationalspieler „ihr Glück selbst anpacken“ und sie verinnerlichen müssen, dass das „gute Mannschaftspotential“ dann abgerufen werden könne, wenn sie in jedem Moment „erkennen, in welcher Lage sie sich befinden“. Das gelte auf und abseits des Spielfelds.

          So gesehen überwiegen die Chancen bei dieser „außergewöhnlichen“ Veranstaltung, wie er die WM in der lettischen Corona-Blase bezeichnet, bei weitem die Risiken. Es bleiben drei Matches, in denen die Deutschen, wenn sie annähernd so energisch zu Werke gehen wie gegen Italien (9:4), Norwegen (5:1) und Kanada (3:1), aus eigener Kraft einen oberen Platz in der Tabelle der Gruppe B erreichen können – und dann mit dem nicht zu unterschätzenden Vorteil in die Phase der K.-o.-Duelle starten dürften, dass sie den schwergewichtigen Russen aus dem Weg gingen.

          „Es ist ein bisschen was anderes“

          Dass der bevorstehende Einsatz für ihn kein alltäglicher ist, räumte Söderholm ein. „Wir brauchen nicht drum herum zu reden“, sagte er, „es ist ein bisschen was anderes.“ An diesem Samstag (19.15 Uhr bei Sport 1) treten die Deutschen gegen die Auswahl seines Heimatlands an: Finnland.

          Der Familienvater, der seit Herbst 2018 die Geschicke beim DEB leitet, nachdem er zuvor für RB München spielte und anschließend als Coach arbeitete, schätzt nach wie vor die große Leidenschaft, mit der im Land der zehntausend Seen die Jagd nach dem Puck betrieben wird. „Erst arbeiten, dann schön spielen“ laute das Credo, das alle Akteure von klein auf verinnerlicht bekämen.

          Diese Denkweise, das ist sein Hauptanliegen, will er auch in Diensten des DEB verankern. Auch deswegen sieht er noch Steigerungspotential bei der WM. Am Misserfolg gegen die Kasachen ärgerte Söderholm nicht so sehr das reine Resultat. „Sondern die Art und Weise“, wie er zustande kam. Nach dem Coup gegen Kanada, so schilderte er es, „hat uns die mentale Kraft gefehlt“.

          Siege gegen Kanada „normal“?

          Söderholm störte in diesem Zusammenhang, dass der Triumph über den neunmaligen Olympiasieger auch in den eigenen Reihen als etwas Besonderes gefeiert wurde. Spieler und Fans sollten sich darauf vorbereiten, dass Deutschland die Nordamerikaner künftig öfter bezwingt: Denn die Zeit sei „nicht weit weg“, dass Siege über Kanada „normal“ seien, sagte er, der auch wegen des wahrscheinlichen Ausfalls von Stürmer Lukas Reichel die Formation anders aufstellen muss.

          Um sein Anspruchsdenken zu vermitteln, holte sich Söderholm für die WM nordische Unterstützung von zwei prominenten Landsleuten: Ville Peltonen assistiert ihm an der Bank, während sich Ilpo Kauhanen in den Übungseinheiten um die Torleute kümmert. Kauhanens Tätigkeit beschrieb Söderholm als „Leitplanke fürs Team“.

          Er stehe als Ratgeber, Gesprächspartner und Video-Analyst zur Verfügung und bringe seinen Erfahrungsschatz aus den Engagements in Kassel, Bad Tölz, Ingolstadt, Hannover, Mannheim, Duisburg und Herne ein. Peltonen, der mit dem Team Suomi unter anderem 1995 Weltmeister wurde, sei für ihn der „beste Ko-Trainer, den ich mir vorstellen kann“. Der heute 48-Jährige sei Idol und Instanz in einer Person. „Er war mein Kapitän und hat 15 Weltmeisterschaften absolviert.“

          Peltonens Stärke liege in „cleveren Analysen“ in Sekundenschnelle. Sie beide, sagte Söderholm, seien seit langem befreundet, doch das spiele gegenwärtig nur eine untergeordnete Rolle: „Wenn wir arbeiten, dann arbeiten wir und sind zu 100 Prozent für die Spieler da.“ Dass er an diesem Samstag mit Aki-Petteri Berg auf einen weiteren Kumpel trifft, macht die Umstände für Söderholm noch spezieller. Mit Berg, der im Staff der Finnen angestellt ist, gewann er 2007 zusammen WM-Silber. Ihre Kameradschaft, die sie seitdem verbindet, wird aber in Riga für sechzig Minuten ruhen, machte Söderholm deutlich: „Jetzt sind wir Gegner.“

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