https://www.faz.net/-gtl-9vcu5

NBA-Profi Hartenstein : „Fußball war ihm zu schmutzig“

  • -Aktualisiert am

15 Rebounds, 17 Punkte: Isaiah Hartenstein macht auf sich aufmerksam Bild: AP

Kurze Reaktionszeit, Überblick und einen siebten Sinn für Spielzüge: Wie der deutsch-amerikanische Basketballprofi Isaiah Hartenstein seinen Weg in der NBA geht.

          3 Min.

          Das Spiel hinter den Kulissen der besten Basketball-Liga der Welt ist fast genauso elementar wie das unter den Körben. Besonders für die jungen Spieler ohne Prominentenbonus. Denn ob sie es in den Kader des NBA-Teams schaffen oder in die Nachwuchsrunde namens G-League abkommandiert werden, kann die Richtung einer ganzen Karriere beeinflussen. Diese Entscheidung hängt nicht unbedingt von der Form des Spielers ab.

          Die Wackelkandidaten der nordamerikanischen Profiliga NBA haben oft eines gemeinsam: die Fristen und Verbindlichkeiten in ihren Verträgen. Als Isaiah Hartenstein vor anderthalb Jahren bei den Houston Rockets unterschrieb, dürfte er gewusst haben, dass die entscheidende Klausel nicht die Bezahlung betraf, trotz der verlockenden Aussicht auf Einnahmen von mehreren Millionen Dollar brutto im Laufe von drei Jahren. Denn über all dem schwebte weiterhin jener Vorbehalt, den die Team-Besitzer bei den jüngsten Tarifverhandlungen der Spielergewerkschaft abgerungen hatten: dass ein solcher Vertrag zwischendurch wieder aufgehoben werden kann.

          Umso besser klang die Nachricht, die der 21-jährige Deutsche vor ein paar Tagen erhielt: Bei ihren Überlegungen zu ihrem ziemlich teuren Kader, in dem Stars wie James Harden und Russell Westbrook das Zwanzigfache von Hartenstein verdienen, hatte das Management der Rockets jemand anderem den Laufpass gegeben. Da fügte es sich gut, dass der 2,13 Meter große Center in der Nacht zum Samstag jede Menge Einsatzzeit bekam. Denn er demonstrierte in der Auswärtsbegegnung bei den Minnesota Timberwolves nicht nur mit fünfzehn Rebounds wiederum seine Qualitäten unter dem Korb. Er trug auch beachtliche siebzehn Punkte zum 139:109-Erfolg seiner Mannschaft bei und wurde deshalb nicht nur von Harden und Westbrook, sondern auch von Trainer Mike D’Antoni gelobt: „Er weiß, wie man spielen muss. Und er verfügt über Energie“, sagte der Coach, der bei den Rockets konsequent seine Philosophie eines aggressiven High-Speed-Basketballs praktizieren lässt. Für Erfolg in einem solchen System braucht man eine kurze Reaktionszeit, Überblick und einen siebten Sinn für die rasante Entwicklung von Spielzügen. „Solche Dinge lassen sich nur schwer jemandem beibringen“, sagt D’Antoni: „Er tut sie einfach.“

          Allerdings fällt das nur ins Gewicht, wenn Hartenstein von Anfang an auf dem Parkett steht. Und das passiert nur, wenn der Schweizer Stammcenter Clint Capela verletzt ausfällt. Dazu kam es bislang nur selten. Immerhin hat Hartenstein den zweiten Center Tyson Chandler, der seit vielen Jahren durch die NBA tingelt, in der teaminternen Rangliste überflügelt. Auf dem Weg nach oben nahm der Nationalspieler einen interessanten Weg auf sich. Dazu gehörte 2016 ein Abstecher in die litauische Basketballhochburg Kaunas, verbunden mit Einsätzen in der Euroleague.

          2017, nachdem er im Juni des Jahres von Houston an Platz 43 gedraftet worden war, entschied er sich zum Wechsel in die Vereinigten Staaten und unterschrieb einen mickrig dotierten Vertrag bei den Rio Grande Valley Vipers, dem Farmteam der Rockets in der G-League. Der Schachzug hatte Erfolg: Ein Jahr später bekam er einen Platz in D’Antonis erweitertem Kader.

          Schon als Kind hatte er immer einen Ball im Arm.

          Bis dahin war Hartenstein vor allem wegen seiner Herkunft ein Thema. Etwa als die Website „The Undefeated“, die sich hauptsächlich mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen schwarzer Sportler in Amerika beschäftigt, seine Familiengeschichte ausbreitete. In der gibt es einen Hautfarben- und Nationalitätenmix aus deutschen und amerikanischen Vorfahren. „Wenn man mein Basketballspiel sieht, merkt man das ein wenig“, sagte der Junior damals. „Das ist okay. Ich bin halb schwarz, was man am Ton meiner Haut nicht unbedingt erkennt. Aber wenn sie meinen Vater sehen, dann sagen sie: ,Alles klar. Verstanden‘.“

          Der Vater – das ist Florian Hartenstein, einst Bundesligaspieler und bis Ende November 2019 Trainer der Artland Dragons in der ProA. Er hatte Basketball an der High School im College in Oregon gespielt und dort Theresa kennengelernt. Die beiden heirateten und bekamen 1998 Isaiah. Der hatte, als er klein war, null Interesse an Stofftieren, stellte die Mutter gegenüber der amerikanischen Website „Bleacher Report“ fest*, die 2017 Hartensteins Biographie ausbreitete und mit Fotos aus Familienbesitz illustrierte: „Er hatte immer einen Ball. Ich habe versucht, ihn für Fußball zu interessieren. Aber das war ihm zu schmutzig.“

          Die ersten Lebensjahre verbrachte Isaiah mit Theresa in Amerika, ehe die Familie beschloss, Florian und seinen beruflichen Ambitionen nach Deutschland zu folgen. Der Junior sprach damals kaum Deutsch und tat sich zunächst schwer mit dem Ortswechsel. Zum Glück diente der Basketball als Fluchtpunkt und Projektionsfläche. Sein Talent und sein Trainingseifer versetzten ihn schließlich in die Lage, sich auf große Träume einzulassen. „Mehr kann man nicht erwarten“, sagte der Vater vor einer Weile: „Er hat viel Arbeit investiert. Er hat viele Partys verpasst, weil er sechs Stunden am Tag trainiert hat, um an sich zu arbeiten.“ Die Arbeit geht weiter. Weshalb sich die Nummer 55 der Rockets auch nicht von den Lobeshymnen beeindruckt zeigte. „Das ist der Grund, weshalb ich so viel trainiere und mir so viele Aufzeichnungen von Spielen anschaue.“ Das nächste Ziel: eine weitere Verlängerung des laufenden Vertrags nach Ablauf der Saison im Juni.

          *Hinweis der Redaktion: In einer ersten Version des Textes fehlte die Quelle des Zitats von Theresa Hartenstein. Diese haben wir nun nachträglich eingefügt und verlinkt.

          Weitere Themen

          „Das ist eine irre Entwicklung“

          Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

          Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

          Topmeldungen

          Das neues Coronavirus hat Deutschland erreicht, sagt der Präsident des
Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit,
Andreas Zapf (2.v.r.), am Dienstag in München.

          Deutscher Coronavirus-Fall : Behörden prüfen 40 Kontaktpersonen

          Dem Erkrankten aus Starnberg geht es laut dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit „recht gut“. Er hat sich wohl bei einer Kollegin aus China angesteckt. Nun wird überprüft, ob sich weitere Personen infiziert haben könnten.
          Beliebter denn je: Eintracht Frankfurt hat derzeit viele Rekorde zu vermelden.

          Eintracht Frankfurt : „Das ist eine irre Entwicklung“

          Mitgliederrekorde, Umsatzrekorde, Beliebtheitsrekorde: Die Frankfurter Eintracht wächst über sich hinaus. Sie sieht sich als zweitbeliebtesten Bundesligaklub bei jungen Menschen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.